Schicksale.

Noman von Heinrich Kornfeld.

. (Nachdruck verboten.)

Amerikanisches Lopyrixkt by Carl Duncker 1914.)

(Fortsetzung.)

r geschah ganz unvermittelt, daß 9Narguerite Varrel »nitteu im Vorleser, stockte, daß sie Paul BourgetsUn divoroe^' in den Schoß sinken ließ, daß Wer die Blätter des Romans hinweg ihre Augen die junge Schloßherrin suchten, daß sie abgerissen l>erv-orstieß:

Frau Marquise lassen Sie mich fort!"

Die junge Witwe zog unwillkürlich die Schultern hoch.

Wie nie inen Sie das, Marguerite ich soll Sie fort lassen?"

,Lch möchte St. Chamant verlassen!"

Wann denn?"

Wenn es möglich wäre, Frau Marquise heut noch!"

Kind ist irgend etwas geschehen, was Sie forttreibt?"

Die junge Elsässerin schloß das Buch warf es beiseite auf ein Ruhebett, sprang aus.

Es ist nichts geschehen, Frau Marquise a-ber ich uruß doch fort! Ich es ist nicht rnöglich, daß ich auch nur achtundvierzig Stunden noch bleibe!"

Auch Jutta hatte sich erhoben. Langsam trat sie zu dem erregten jungen Mädchen hin, legte ihr beschwichtigend die Hand auf den Arm. Sie sah Marguerites siebriigr glänzende Augen, sie hörte den angstvollen Ton ihrer Worte, sie sah das Zucken der Mrven um Augen und Mund­winkel sie sah das altes und verstand nicht und suchbe doch zu beruhigen, zu begütigen.

Marguerite Sie müssen Vertrauen zu mir haben \ Sie müssen mir ehrlich und offen sagen, was Sie von hier forttreibt, was Ihnen geschehen ist!"

Ich kann das nicht, Frau Marquise."

Dann darf ich auch nicht meine Zustimmung dazu geben, daß Sie St. ElMnant verlassen. In dieser Verfassung verlassen, in der Sie sich gegenwärtig befinden. Ich könnte es einfach nicht vor mir selbst verantworten."

Wenn ich aber doch darum bitte, Frau Marquise . .."

Ich tu's trotzdem nicht, Marguerite, sofern Sie mir nicht den Grund nennen. Sie wissen^ daß draußen der Krieg tobt, daß Paris von der halben Einwohnerschaft verlassen ist, daß alle Geschäfte stocken, daß sich Ihnen unter den gegenwärtigen Verhältnissen kauni Existenzmöglichkeiten bieten würden. Wie dürfte ich da meine Zustimmung geben, daß Sie sich dem blinden Zufall überlassen, daß Sie in das sichere Nichts hineinlaufen einzig um einer augen­blicklichen Stimmung, um einer vorübergehenden Depres­sion willen. Denn das ist es doch, worunter Sie leiden."

Die kleine Marguerite Varrel hatte die Hände

ineinander gekrumpft. Ihre Augen flehten und bettelten; ihre Stimme hletzte.

Es ist mehr, Frau Marquise! Es ist ich darf doch nicht ruhig hier sein. . . und mir mitansehen wie. . . heut oder morgen oder irgendwann in einer btt nächsten Nächte . . ."

Da brach die Stimme ab; da lies ein kreidiger Schein über ihr Gesicht. Und Marguerite Varrel fväre hintenüber­gestürzt, hätte die junge Witwe sie nicht aufgesangen.

Der alte Frederic hastete zum Kavalierhaus Hintiber, zwei Hausmädchen trugen die Ohnmächtige in ihr Zimmer hinüber, entkleideten sie, brachten sie zu Bett. Fünf Minuten später stürzte bereits der lange Oberstabsarzt Doktor Hart­mann ins Schloß, jagte die Treppen hinauf, gab der Diener­schaft allerlei höchst energische aber überflüssige Befehle, fand vor der jungen Schloßherrin nur ein höchst konventio­nelles kurzes Hackenklappen und verschwand dann im Zimmer der Patientin.

Fast mne Viertelstunde dauerte es, bis die junge Märquise zu dem Krankenbett zugelassen lvurde. Dann gab es zwischen ihr und dem lanaen Doktor eine sehr ein­gehende Konferenz, in der sie die vorhergegangene Szene minutiös genau schildern mußte, worauf der Oberstabsarzt in tiefes Nachdenken versank, bis er endlich Nckt Weisheitsvolt gerunzelter Stirn erklärte, vorläufig noch keine Diagnose stellen zu können.

Das Einzige, was er vorläufig sagen könne:

Eine schwere seelische Erschütterung, deren Ursachen erst später geklärt werden könnten. Eine tiefe Ohnmacht ein Nervenchoc. . . und was derart erfreuliche Perspek­tiven mehr waren.

Möglich Mademoiselle Marguerite war binnen acht Tagen wieder munter wie ein Fisch rm Wasser; möglich auch

es dauerte Wochen, bis sie wieder aufstehen durfte. DaS hing davori ab, wie schwer die offenbare Nervenkrise aus den körperlichen Organismus gewirkt hatte und ob etwa Fieberphantasien hinzntraten.

Die junge Schloßherrin war von dieser Diagnose tief erschüttert. Erst jetzt fühlte sie, wie nah die letzten Wochen ihr die kleine Marguerite Varrel gebracht hatten.

Und in ihrer Stimine lag ein förmlich beschuwrender Unterton, als sie gedämpft versetzte:

Unbequemlichkeiten und Kosten spielen keine Rolle, Herr Oberstabsarzt nur sorgen Sie dafür, daß Margue­rite Varrel recht schnell wieder gesund wird."

Worauf der lange Oberstabsarzt nur die trockene Er­widerung fand:

Kosten gibt es dabei nicht, gnädigste Marquise. Und das, was Sie Unbequemlichkeit nennen, ist eine ärztliche Pflicht, die ich sogar abgesehen von der Traurigkett des Falles mit Freuden erfüllen lverde!"

Herzlich dankender Händedruck von der einen Seite

Handkuß von der andern Seite_ damit war die

erste Konferenz am Krankenbett erledigt.