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Tanzende Verwische.
Bon Helene Bö hl au.
(Nachdruck verboten.)
Wir treten durch ein Tor von weißem Marmor in den geräumigen Vorhof. Er ist gedrängt voll von andächtigen Türken und neugierigen Fremden. Eine bunte Gesellschaft: Engländer, ein paar Franzosen: Deutsche mit dem Bädeker unter dem Arm, Hennreisendc aus Indien, die den sonderbaren Eindruck urachlen, als hafte das Klima der Tropen ihnen die oberste europäische Kruste ab geschmolzen, —' endlich, sich hier halb und halb schon zu Hause suchende müssen, Stangen'sche Oriend-Reisende, See-Offiziere und wohl auch bescheidene Handwerksburschen, die sich durchgefochterr haben, alle rniteinander von dm sehr klug dreinschauenden Dragomans und Hot el-Lohndienern geleitet und von den unvermeidlrchen Ka- wassen, diesen uniformierten, mit riesigen Schleppsäbeln bewaffneten Dienern der entsprechenden Gesandtschaften und Konsulate, gegen Mord und Totschlag sorgfältig bewacht uird gehütet. ,
Es ist ein heiKr Dag) es dairert lange, ehe ftch die Tore des Klosters öffnen, und alles drängt sich in den Schalten unter dre Platanen und an die Mauern. Eirdlich! Tie Gläubigen rverden zuerst eingelassen, was die Europäer, zumal die Engländer ganz unbegreiflich unb höchst ungeziemend finden. Tie EntrnsMng der letzteren steigt aufs höchste, als von ihnen verlangt wird, den Hut beim Eintritt abzunehmea. Erst nach mehrfacher, energisch wiederholter Aufforderung bequemen sie sich zögernd, einer nach dem anderen, diesem „unverschämten" Ansinnen Folge zu leisten.
Ein weiter, runder, säuleruuugebener Raum, in einfach loürdi- ger Ausstattung, ohne jeden bildlichen Schmuck, zeigt sich uns: der mohammedanische Ritus verbietet ja jede Darstellung Gottes. Auf großen, grünen Tafeln stehen in schön geschwungenen, arabischen Schriftzngcu die Namen Gottes', Mohammeds und der vier ersten Kalifen: Abu-Bekr, Omar, Othman, Mi. Auf den Emporen sehen wir picht vergitterte Plätze für Frauen und für den Siütan Madischah): ourch die weit offenen, hohen Bogenfenster fällt der Blick aus den blauen, schiffbcdeckten Bosporus und das asiatische Ufer, und aus dein Garten des Klosters lugen dunkle Zypressen- Wipfel herein: Möwen und Adler ziehen vorüber. ,
Die Türken Hab eil schweigend ihre Platze eingenonünen und harren andächtig des Beginns, aber auf der Seite der Europäer, der „Schapkali" — Schapkali hei stell die Hutträger, im Gegensätze LU den Gläubigen —, geht es noch laut her: da wird geschwatzt, gelacht, gedrängt, umhergestiegen, nnt den Kohudienern um bessere Plätze gezankt, oMie jede Rücksicht. Z"
Ter Prior (Scheich) des Klosters ist mit ruhigem Schritt bis in die Mitte des Raunies getreten uiid hat lich Mit gekreuzten' Armen in der Richtung iurch Mekka verneigt. ^in Gesang mit wunderlich eintöniger !Flötenbe>gleitung erklingt. Hänger und Musiker bleiben jedoch unsichtbar. Diese leisen Klänge tragen etlvas Eigentümliches, Elementares an sich; ich könnte sie kauni eine Kunstschöpfung nennen, sie sind eine Häufung voii Lauten, lue den gewaltigen Gang eines Naturereignisses ankündigeii. Zu meiner Verwuiidernng erinnerten mich diese uralten, überkommenen Weisen an Wagrcer, nmirentlich an manche Stellen arcs seinen letzten Schöp- süngen, in denen er sich auf den geheim is vollen Grenzen hält, die zwischen der Kunst und den elementaren Ausbrüchen des Menschen- herzcns hinführen. Llber die dumpfen, mystischen Töne gehen im ungenierten Geplauder derer verloren, die ans Mdhancweds Gehftst ^gelassen sind: „Verlangt ein Heide oder Ungläubiger eine Freistatt, so gib sie chm, damit auch er Gottes Wdrt höre. Mso zu handeln ist Pflicht und Vorschrift gegen solch unwissende Leute."
Unter den Klängen des Gesanges hat sich der Scheich der Sonne, dem Lichte, zugeneiA und hat Kraft erbeten, um Kraft austeilen zu rönnen.
Er steht mit verschränkten Armen, und schon naht der Zug der Derwische. Sie tragen meiste Unterkleider, sehr zartfarbige Mäntel Und bohe, weihe Filzmützen: gebrechlich Greise gehen voran, i .Jeder einzelne tritt mit einer tiefen Verbeugung auf den Scheich zu, küßt ihn auf Schlüter und Arm imd enchfängt so die Kraft des Lichtes.
> Ter Scheich legt die Finger aus die Lippen, womit er sagt: rftZch gebe Dir das Zeichen des Schweigens. Heilig ser Dir das Mysterium."
So tritt ein jeder tvieder zu dem Scheich und empfängt die Kraft Und das Zeichen des Schweigens.
Darauf Unüvandeln die frommen Brüder in zwei Zügen und in dem Schritte, mit dem die Ritter in Wagners Parzifal um den Gral gehen, den ftäulenumgevencn Platz, wonach sie sich langsam! paarwftse vor dem^Scheich verneigen und mit sicherer Grazre von rückwärts aus eine der Säulen zuschreiten.
Das geschieht von Paar zU Paar, bis ein jeder an seines Säule steht.
Nun herrscht tiefe Stille. Die Derwische haben sich niedergelassen, fallen mit der Stirn auf den Fußboden Und beten, einige laut, säst in Extase.
Darauf neigt sich der Scheich wieder der Sonne zu, und wäh- rerrd er sich erhebt, ertÄnt ein vielstimmiger Don, ähnlich eineulj gewaltigen Windstoste. Tie Terufische stehn auf, legen ihre MüjnLel ab und zeigen sich jetzt in ihren weißen, faltigen Mwänderrt,
die noch ein paar Halldbrftt um sie her auf denn Boden liegen, wie Marc es auf den alten Bildern heiliger Personen sieht.
Jetzt treten sie vor, eiiler gleich weit entfernt vom andern, und alle gleichmäßig gruppiert um den Mittelsten.
Tie Musik schwillt au, und wieder geht ein Ton wie ein Windstoß durch den Raum: die Sterne bewegen sich im urewigen Tanz« um die Sonne. >L>o verkünden die Derwische im Tanze die Macht Gottes. Ein jeder hält seine Arme hoch erhoben, die eine Hand zum Himmel, die andere zur Erde geneigt. Das ist so zu deuten: „Ich komme von der Erde und gehe aufwärts zum Himmel, das ist mein Weg, und ich empfange die Wohltaten vom Himmel, uni fie aus Erden zu üben und zu verteilen."
Von dem Mittelpunkt der Decke hängt wahrend dieser Zeremonie oftmals eineftrische Roise herab, das Bild der Tugend. Sic soll daran erinnern, datz der nur, der tugendhaft ist, sich Gott, der den Lauf der Gestirne lenft, nähern kann. Im Koran heißt es, irr ick schon einmal erwähnte: „Das menschliche Streben, Gott näher zu kommen, kann mir durch Tugend geschehen." Gin anderer Spruch, dessen ich mich hier gerade erinnere, und den ich niederschrftben will, nur ihn nicht zu vergessen, da er mir bedeutend erscheint, lautet folgendcrnlasten: „Die Drgend ist der Mittelweg von zwei Extremen; so ist Demut eine Tugend, deren ztvei äusterste Punkte Hochmut und Schwäche sind."
Aber wefter zu dem Tanze der Gestirne.
Jeder einzelne der Tanzenden bewegt sich auf das sicherste, denn wie sollte die Allmacht Gottes) der die Wellt um bi$ Sonne sich ewig gleich bewegen läßt, symbolisiert werden, wenn ein Stern den andern berühren würde! Der Derwisch, der sich des geringsten Verstoßes schuldig macht, dessen Kleidersaum den seines Nebensternes berührt, würde der Strafe nicht entgehen; daher gehört eine strenge Uebung zu dieser Zeremonie.
Die langen, weißen Kleider niit chren festen, breiten Säumen stiegen in weiten Kreisen: hierzu tönt unausgesetzt die gleichsörnrige Musik, die Musik der Sphären.
Der mittelste Derwisch, der die Sonne dar stellt, u in die sich die Gestirne drehen, ist ein Mann von großer Schönheit, eine schlanke Figur, zaxt gebaut. Gestalt und Kopf erinnern an die Bilder alter Perser.
Er führt die gleichmäßige, säst bewegungslose, rasche Bewegung jnit einer ganz ergreifenden Majestät aus. Nie um einen Grad schneller oder langsamer.
Der Ausdruck seines schmalen, zierlicheil Kopfes und dessen Haltung atmet hoheitsvolle Hingebung. Seine Getvarrdung umschwebt ihn in Falten, als hätte sie der Meiste! eines griechischen Meisters geschaffen. Seine Hände, die er wie die anderen Tänzer, die eine zum Himmel gekehrt, die andere zur Erde geneigt hält, sind in ihrer Haltung wahrhaft beredt und von Geist und Willen durchströmt. Mehr als Worte es eindringlich sagen könnten, geben sie die Anschauung von dem Gedanken, der diese Haltung veran- lastte.
Was der wahre Künstler bei Schaffung seiner Gestalten hinzufügt, um ihnen das Wesen des Vollkommenen, des Erhabenen oder Eigenartigen zu verleihen, das hatte dieser Mensch durch den Gedanken. die Sonne zu personifizieren, sich selbst gegeben.
Als der Tanz beendet war, wandelteil die Derwische wie zuvor in zwei Zügen durch den Raum und verncigtell sich wieder paarweise vor dem' Scheich. Darauf schritt ein jeder abermals rückwärts seiner Säule zu. Vorderst aber hatten die alten Derwisch, die den Tanz nicht mehr nlitmachen konnten, ihre von der Anstrengung glühend erhitzten Brüder wieder in die Mäntel gehüllt.
Nrln zuletzt eine Szene, die etivas' Rührendes^nud Ergreifendes an sich trUgj: Jeder einzelne berührte, bei dem Scheich beginnend, Mit dell Lippen die Hände seiner Brüder, und jeder einzelne erwiderte in derselben Weise den Kuß.
Das war die Zeremonie der tanzenden Derwische, zil der jeder Kamast, jeder Dragvman, jeder Konlmissionär seine Fremden führt, so daß sich schließlich die ßMinung gebildet !>vt. daß sich die Dcr- nnsche znnr besteil der Engländer, Deutschen lind Franzosen „produzieren", und daß man in die Räume des Klosters nnc zu einer Ziicknsvorsteslung gehen und sich danach beilehiuen kann.
vermischte».
^ Mfti^ mau die ersten Kartoffeln in einer preußischen Stadt aufnahnu Biele Hindernisse nmßtcn übenvuilden rverden, ehe es gelang, die Kartofielm die ull5 ft.nl nilentbehrliches Nahrungsmittel geworden ist. in Tculschland ein- zufi'ihren. Es war im Jahve 1743/44: in den östlichen Provinzen des damaligen Königreiches Preußen wütete, infolge einer Mißernte alter Getreideflüchte, eine entscAichc Hungersnot. ^Jn Sckwrerr kamen zu dieser Zftt die Lerrte vom Ärude in die Tore einer an der Ostsee geleaeuen Hafenstadt hercmgeströmt und janunertOl kochten ganze Kessel voll Grünkohl und anderes Gernüse intÜ und schrien in den Straßen um Brot. Die mitleidigen EiuN'ohner verteilten es urit ftliem tlftucir Stückchen Brot — denn auch fix hatten davon nickft viel — an die Hungernden. Eines Tages erwartete man ftn Getreideschiff, das tvenigstens Ixr bittersten Not fteucril sollte. Voll bcinger Crlvartung stand d<rs verzrveisclte Bestk und blickte auf das, langsam heransegelnde Schi"'. Hätten alle diese. stehenden Aügftl eine magnetische Kdxrst gftvlü. d


