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ha«s, Murin die Sprengvorräte des Steinbruchs lagerten. Um das Blockhaus herum ein runder Erdwall, der b:Z über das .Hütteudach reichte — eine Bvrsuhtsmaßreget- damit für den Fall einer Explosion die Dyuamttmassen nicht ringsum Verheerungen anrichten konnten, sondern wirkungslos senkrecht in der Luft verpuffen mußten.
Wißbegierig war dieser Monsieur de Marsillargues wie ein kleines Mädchen. War den Erdlvall herüber ge kletter^, hatte die nur lose im Schloß hängende Hüttentür geöffnet. Und was sie beide dann im Innern dieser Hütte entdeckte::, das hatte Me kühnsten 'Erwartungen übertroffen: — standen doch da hundert Kisten zu je 25 Kilogramm Dynannü- Patronen! Auch Sprengkapseln und Zündschnüre m rerch- Ucher Menge! Dem Monsieur Bourdin lies ein Schauer nach dem andern über den Micken, wie er seinen Gast seelenruhig zwischen den Dynamitkisten stehen sah!, wie dieser s:ch alle Einzelheiten der Hütteneinrichtung auss genaueste be-
tla %Ud)t um alle Schätze Indiens hätte sich der Wirt des Zentralhotels in das Innere des' Blockhauses gewagt. Und hätte nicht die tiefstehende Sonne dringend zur Rückkehr gemahnt — wer weiß, wie lange Monsieur de Marsillargnes sich noch den Anhalt der Kisten, die Zündschnüre und Sprengkapseln und all das lebensgefährliche Durcheinander angesehen hätte.
Ein schöner Tag war es gewiesen — wirklich ein reizender interessanter Tag. Und Monsieur Bourdin hegte, während sie in den Hof des Zentral-Hotels eiufuhren u:rd vom Wagen herunterkletterten, nicht die mindesten Zweifel mehr, in wem er den neuen Besitzer des Steinbruches „Bon espoir" zu vernruten habe.
Ein vorneh:ner liebenswürdiger, aber überdies auch wirklich nobler Herr, dieser Monsieur de Marsillargnes! Lud feinen Wirt nach dem Abendessen abermals zu einer Flasche erlesenen Bordeaux ein, hatte nichts dagegen, als dieser ersten Flasche eine zweite und dritte folgte; Und hörte interessiert zu, wie der gute MonsteUr Bourdin von Batry und seiner Umgebung erzählte.
Besonders das Chateau S1. Chamant schien ihn zu interessieren. Natürlich — welchen Menschen von Geschmack und historischer Bildung reizt es nicht, sich über die Entstehungsgeschichte dieses alte:: Raubritter nestes erzählen zu lassen.
Unermüdlich war der Monsieur de Marsillargnes in immer neuen Fragen — und glücklicherweise vermochte ihm der brave Monsieur Bourdin nach dieser Richtung hin ein gleichwertiges Paroli zu bieten. Und sogar noch mehr als das.
Da hatte doch noch vor acht Jahren der inzwischen Verstorbene Marquis Rens de St. Chamant im Park ein Kavalierhans ansffihren lassen. Mehrere Monate nahm dieser Bau in Anspruch. Und während der ganzen Zeit hatte der leitende Bannreister, ein Reimser Herr, in: Zentrab- Hotel von Batry gewohnt. Aus dieser Zeit her existierten auch noch ein paar skizzierte. Grundrißzeichnungen des Kavalierhauses, die der Baumeister bei seiner Abreise wohl vergessen oder als wertlos beiseite geworfen. Monsieur Bourdin besah die Blätter noch. Und es machte ihm wirklich Freude, als er hörte, daß der Monsieur de Marsillar- gues aus Liebhaberei gleichfalls so ein halber Architekt sei und daher diese Grnndrißzeichnnngen suh ganz gern: ei:r- mal ansehen würde.
Nichts leichter als das. Der Monsieur de Marsrllar- gues durfte sie sogar behalten: waren sie doch sür den Wirt'des Zentral-Hotels Längst nur noch wertlose Makula- tur, die ihm im Schreibtisch verstaubte.
Wie gesagt das war heut ein reizender ivunder- schöner Tag gewesen! Monsieur Bourdin war davon ebenso überzeugt wie Monsieur de Marsillargnes. Und als sie sich spät m der Nacht trennten und der Pariser Gast die Grund- rißskizzen des Kavalierhanses von St. Chamant in seine Tasche schob, da schüttelte er dem Besitzer des Zentral-Hotels jovial die Hand und sprach die Hoffnung aus, daß sie sich beide auch in Zukunft so alänzend verstehen würden . . , was den feisten Monsieur Bourdin veranlaßte, eineu Kratzfuß nach dem andern: zu machen. Insgeheim überschlug er sich dabei schon den künftigen annähernden Verbraucy edelsten Bordeaux, den er dank der Generosität seines Gastes auf der Debetseite des Handbuches würde verzeichnen können.
Mphonse de Marsillargnes hatte die Bah'n betreten, die ihn zu seinem Ziel sichren sollte. Er war zu klug, an Zufälle zju glauben — doch er war auch zu nüchtern, um etwa davon überzeugt zu sein, daß es das Schicksal sei, das' durch die Ergebnisse dieses Tages die Entscheidung über Leben und Tod vieler nichtsahnender Menschen in seine — Alphonse de Marsillargnes — Hand legte.
Er hatte oben in seinem Zimmer das elektrische Licht angedreht, hatte die flüchtigen Grundrißskizzen des Reimser Architekten auf dem Tisch ausgebreitet, saß tief darüber gebeugt, ließ seine Augen tastend über die Striche, Zeichnungen, Schraffierungen, Rundbögen und Zahlenkolumnen wandern. Fieberhaft und doch eisig kichl arbeitete sein Gehirn, seine Phantasie... und es war :roch keine halbe Stunde scharfen Studiums verflossen, da hatte sich Alphonse de Marsillargnes informiert. Soweit wenigstens, als es die flüchtigen Skizzen des Architekten zuließen. Mrdeutungen nur waren es; gewissermaßen Vorschläge, die er sich selbst beim Entwurf des Bauplanes gemacht. Und doch! — Lllphonse da Marsillargnes kannte jetzt die Lage der einzelnen Räume des Kavalierhauses, kannte Länge, Breite und Tiefe der Kellereien.
Eine Tatsache insbesondere war es, die Alphonse de Marsillargnes Grübeleien in eine ganz bestimmte Richtung zwang, sie unerbittlich festhielt: — das erst vor wenigen Jahren gebaute Kavalrerhans mußte schon einmal in längst verklungener Zeit einen Vorgänger gehabt haben; jedenfalls war es auf alten Fundamenten errichtet worden —- auf Fundamenten, die noch ans der Zeit der Hugenotten- kämpse stammten und tief in den ans weichem Kalkstein bestehenden Untergrund reichten. Die Erbauer des ersten Kavalierhauses hatten wohl den Anforderungen ihrer sturm- bewegten Zeit Rechnung getragen und sür Fluchtmöglich- öeiten gesorgt. Ließ sich doch mit Leichtigkeit in den: zerklüfteten weichen Kalkstein ein Gang anshiiMen, der vom Hauptkeller des Kavalierhauses ausging und in einen etwa vier Kilometer entsernten, noch aus der Römerzeit stcnnl- menden Steiubruch endigte.
Ein paar flüchtige Bleistifttwtizen aus der Grundriß- jkizze des Reimser Architekten wiesen den Phantasien M- p'honse de Marsillargnes diese Mchtung. Hub wenn er noch dazu nahin', was ihm der Wirt des Zentral-Hotels vom Alter des Chateau St. Chamant mitgeteilt, was er über die Geschichte des Schlosses und der dazugehörigen Gebäude erzählt; wenn er schließlich erwog, daß der feiste Monsieur Bourdin heut vormittag, während sie zwischen den gesprengten Blöcken des Sternbruches „Bon espoir" herumirrten, langschweisig erzählte, unbestätigten Gerüchten zusolge stammte dieser Sternbruch schon aus der Römerzeit . . . dann — dann . . . Alphonse de Marsillargnes hob den Kopf und lehüte sich tiefer in den Stuhl zurück.
Eine Verrnutung war da in ihnr aufgeschossen — jäh, unvermittelt, phantastisch und doch fast schreckhaft klar.
Der Steinbruch „Bon espoir" lag von St. Chamant annähernd vier Kilometer entfernt! Wenn es zutraf, daß vorn Hauptkeller des Kavalierhauses ein versteckter Gang auslies und in einem :wch aus der Römerzeit stammenden Steinbruche endigte — wie die Bleistiftnotizen ans der Skizze des Reimser Architekten besagten — dann konnte dieser Steinbruck) Nur „Bon espoir" sein!!
Erst eine Stunde später legte sich Mphonse de Mar- sillargues zu Bett. Dann schlief er tief und ruhig. Er besaß feinen Plan — bis in die minutiösesten Ein zellst: test besaß er ihn. Die nächsten acht Tage gingen ans Leben und Tod. Er würde alles wagen und würde alles gewinnen — wenn nur das Schicksal oder der Zufall oder jene dämonische Gewalt, die ihm wählend der letzten viernndgwanzig Stunden alle Trümpfe in die Hand geschoben, nicht noch im letzten, im allerletzten Augenblick ihm im Stich ließ.
Tief und ruhig schlief Mphonse de Marsillargnes; kein quälender, phantastisch wirrer Traun: störte seine Ruhd. Mit ihm schlref sein Gewissen; gestorben war, was je an Gutem in ihm gewesen. war ein Korsar, der um das nackte Leben und gleichzeitig um Millionen kämpfte.
Er besaß den Mut, sein eigenes Leben durch den Schmutz zu zerren, er würde auch MUt genug besitzen, das Leben anderer zu vernichten.
(Fortsetzung folgt.)


