Schicksale.

Roman von Heinrich Kornfeld.

(Nachdruck verboten.)

(Amerikanisches Copxrixkt by Tarl Duncker 1914.)

(Fortsetzung.)

O der Monsieur de Marsillargues kannte nicht ein- rnal vom Hörensagen das Chateau de St. Chantant, das berülsinte Schloß St. Chamant, das noch aus der Feudalzeit stammte, in dein Franz I. und Jahrhunderte später sogar der große Napoleon für einige Tage gewohnt haben sollten?!

Chateau St. Chamant, der Familie der Marquis gleichen Namens seit Jahrhunderten gehörig einer der vornehmsten reichsten Adelssitze der Provinz!

Allerdings der letzte Marquis de St. Chamant war vor drei Jahren gestorben, jedoch seine Witwe bewohnte noch das Schloß, lebt? in absoluter Zurückgezogenheit!

Eine Deutsche aber eine Fran. . . . o ein wunder­bares, hinreißend schönes Weib! Und kein Mensch auf hundert Meilen in der Umgegend verstand, weshalb sie sich nicht schon längst wieder verheiratet hatte. Denn an Be­werbern daran fehlte es der interessanten millionenf- reichen Witwe natürlich nicht. Und wer konnte wissen wer konnte sagen - und prophezeien und in die Zukunft blicken . . . auf Schloß St. Chamant war jetzt große deut­sche Einquartierung. ES wimmelte nur so von Offizieren. Und eine wenn auch seit langen Jahren in Frankreich an­sässige, in Frankreich naturalisierte, so doch immerhin in Deutschland geborene junae Frau wenn sie wieder monatelang inmitten ihrer Landsleute lebte und die Huldi­gungen junger deutscher Offiziere entgegennahm. . . wer konnte wissen tue* konnte prophezeien und in die Zukunft blicken?!

Alphonse de Marsillargues aber drehte unrastvoll und spielerisch das Weinglas, unterbrach mit keinem Wort, nickte nur hin und wieder bestätigend.

Hub als der redselige Monsieur Bourdin znende war, da äußerte sein Gast den Wunsch, diesen SteinbruchBon espoier" als ersten persönlich in Augenschein zu nehmen.

-,Aber nur haben etwa anderthalb Stunden über Land zu fahren Monsieur de Marsillargues."

Ich scheue mich davor nicht, Monsieur Bourdin."

Außerdeni sind die Federn meines Wagens nicht mehr sonderlich instand. Ich fürchte also, diese Fahrt wird Monsieur de Marsillargues wenig Freude machen."

Bor ein klein toenig Unbequemlichkeit scheite ich mich nicht."

llitd außerdem ist der Steinbruch vollständig von der Betegmannschaft verlassen. Wir werden also niemanden finden, der uns führt, der uns in die Schächte einsahren läßt?

Es kommt mir vorläufig auch nur darauf an, mich iiber die Lage dos Steinbruches und die Transportmöglich­keiten und Wegeverhältnisse zu infornrieren."

Da gab Monsieur Bonrdm seine Beden^n notgedrun­gen auf. Denn daß er einen gelinden Schauer davor emp- fand, sich dem Schlachtfelds an der Marne und den deutsche sranzösischen Schützengräben zu dicht zu nähern oas durste er doch natürlich nicht inerken lassen. Wozu war man d-enn französischer Bürger und Patriot?!

Also wurde die Verabredung getvossen, daß man am nächsten Bormittag gegen 10 Uhr Batry verlassen und zur Besichtigung des SteinbruchesBon espoir" lsinausfahren würde. Als Monsieur Bourdin sich an diesem Abend zu Bett legte, befand er sich trotz der bevorstehenden drohenden Annäherung an die deutsch-französische Gefechtslinie in einer geradezu glückseligen Stimmung.

Denn seine Phantasie, die nach der geschäftlichen Seite hin hervorragend ausgebildet war, sah schon ein lockendes Zukunftsbild:

Der ehrenwerte Monsieur de Marsillargues war ein verkappter Millionär, hatte sich zum Besitzer des Stein- bruchesBon espoir" gemacht, hatte auch noch andere Stein­brüche dazu gekauft, besaß in Batry eine entzückende extra für ihn von einem ersten Pariser Künstler gebaute Billa und tranck jeden Abend in der Extra-Stube des Zentral-, Hotels eine Flasche teuersten Burgunders. Manchmal

wurden das sogar zwei.und immer dann, wenn

Monsieur Bourdin von Monsieur de Marsillargues zu Gast geladen war.

*

Als am folgenden Tage die Sonne dem Westen zueilte und der Abend über das Land sank da fuhr Alphonss de Marsillargues mit dem Wirt des Zentralhotels wieder nach Batry zurück.

Sie befanden sich beide in ausnehmend guter Stimmung. Die des Monsieur Bourdin hatte sogar eine schwindelnde Höhe erklommen. Nie hätte er vermutet, daß rn dem offenbar schwerreichen Monsieur de Marsillargues ein so jovialer liebenswürdiger Herr steckte.

Was war das den ganzen Tag über für eine Freude gewesen, mit dem Pariser Gast zusammen zu sein. Me hätte er sich bis ins kleinste die SteinbriicheBon espoir" angesehen; wie lebhast hatte er sich sür all die Einzelheiten des Zersprengens der Kalkfelsen interessiert! Der ganze Bormittag war darüber hingegangen Und nach dem im­provisierten Diner, das Monsieur Bourdin aus den mit gebrachten Vorräten hergerichtet, erhielt der Inspektions- gang seine Fortsetzung. Fast unglaublich, wie lebhaft das Interesse des Monsieur de Marsillargues sür all die Einzel­heiten der Kalksteinsprengung war. Und als die Sonne sich dem Westen zuneigte,' da eittbecfPtc er doch tatsächlich etivas, was dem Monsieur Bourdin bisher völlig ent­gangen war: in einer abgelegenen Mulde lag ein kleines, von grün bewachsenen Erdwällrn fast völlig veroeckteS Bloch'