Wie die Wildtauben, die man in langer unnatürlicher Haft gehalten und denen jetzt eine entschlossene, vielleicht barmherzige Hand den Bersch tag öffnet.
Da flattert es denn heraus und stürmt toild und regellos übereinander und durcheinander —, bis sich der Schwarm ordnet und in sausendem Zuge der Freiheit entgegenjtrebt.
So war es auch mit den Gedanken, die hinter der Stirn der schönen jungen Witwe dnrcheinanderflatterten, hier einen Monient ausrnhten, dort sich wieder ausmachten, hin- und herirrten und nicht Weg noch Ziel zu wissen schienen — bis sich das Gewirr ordnete, bis der rechte Weg wie von selbst gefunden war. ,
Jutta dachte an ihren verstorbenen Gatten. Oft hatte sie es getan, oft würdx sie es vielleicht noch tun — und dennoch war es heut so ganz anders. Sie starrte auf das Gedächtnis des weiland Marquis Rene de St. Chamant wie auf ein liebes Bild, das man vor langen Jahren gekannt, das mar^ aus dem Gesichtskreis verloren und das man nun plötzlich Wiedersand. Vertraut ist es einem — und doch fremd. Weil in der Zwischenzeit, die Phantasie, die Kupplerin des Gehirns und des Herzens, so manchen fremden Zug, so manche seltsame Tönung, so manche neue Einzelheit hineingetragen. Und wenn nun das Auge kontrolliert und all das liebens- V- würdige Beiwerk der Phantasie zerflattert — dann ist das wie eine leise herbe Enttäuschung, wie ein fremdes Gefühl des Nichtbegreifenkönnens.
So war es auch, als die junge Witwe heut ihres verstorbenen Gatten gedachte.
Nie eigentlich in diesen drei Jahren ihrer Witwentrauer, wenn das Gedächtnis an den Dahingeschiedenen vor ihr aufwachte, hatte sie das Empfinden gehabt, als sei der Name Rens de St. Chamant nur noch ein Begriff, ein Phantom, das ängstlich gehätschelte Gedächtnis des Herzens.
Heut plötzlich wußte sie: — er ist ja tot! Er ruht seit endlosen drei Jahren im Erbbegräbnis derer von St. Cha- niant! Und was meine Augen an ihm liebten, was meine Hände zärtlich berühren konnten — das ist nicht mehr! Das ist längst vermodert und zerfallen!
Sie schauerte fröstelnd zusammen, als ihre Grübeleien sie zu solcher Erkenntnis geführt hatten. Sie wehrte sich dagegen. Sie wollte nicht hingeben, was sie all die Jahre als heimlichen Schatz tief auf dem Grunde des Herzens gehütet hatte. Es dünkte ihr Verrat am eigenen Leben, Undankbarkeit, Charakterlosigkeit.
Aber da wars plötzlich, als höre sie wieder die nachlässig schleppende Stimme Alphonse de Marsillargues, der ihr vor Wochen in ihrem Boudoir gegenübergesessen und kühl gelächelt und lächelnd sie gewarnt hätte:
„Jutta — klammern Sie sich nicht an Schatten, opfern Sie Ihre Jahre nicht mehr dem wesenlosen Schemen eines zerronnenen Glücks!"
Damals hatte sie ihn empört in seine Schranken gewiesen, hatte ihn mit kaltem Wort seines Weges geschickt — der doch solch ein Routinier des Lebens, solch ein unbestechlicher Verstandesmensch, solch ein vielgereister Wanderer durch den blinkenden Alltag des Lebens war.
Damals — ja.
Jetzt aber gab sie ehrlich zu . . . dies brutale Wort von dein Schatten, von dem Schemen eines zerronnenen Glücks — Wochen lagen dazwischen, daß einer es ihr spielerisch und doch überlegen hingeworfen; aber all die Wochen war dies Wort ihr nachgeschlichen wie ein aufdringlicher räudiger Hund, den kein Drohen, kein Schlägl kein Fußtritt fortzujagen vermag.
War ihr nachgeschlichen und stand auch jetzt vor ihr und sah sie stumm und unverwandt an. Fast körperlich fühlte sie es. Und hob. die Hände und legte das Gesicht hinein und schloß die Augen und grübelte mit verhetzten Sinnen:
„Rene — ich Hab dich geliebt und du bist all die Jahre meiner Witwenschaft treu an meiner Seite gewesen und ich Hab immer mit dir stumme Zwiesprache halten können . . . .jetzt aber seh ich dich nicht mehr, jetzt bist du fern; und wenn ich verlangend und hilfesuchend die Handle nach dir ausstrecke, dann entziehst du dich mir.
„Ren6 — weshalb? — Woher mit einmal dies qualvolle Gefühl der Einsamkeit? Ist es, weil mit dem Tode deiner Mutter das letzte Band zerriß, das mich an den Namen derer von St. Chamant fesselte? Ist es, weil in mir wieder das deutsche Blut erwachte, weil mich deutsche Laute umgeben, weil deutsche Männer sich huldigend über meine Hand beugen? Bin ich dir untreu geworden, Rene
de St. Charnant — und wußte es nicht, und wollte es nicht und Hab es doch getan?"
So saß sie und wußte nicht, das rechts und links neben ihr zwei finstere reckenhafte Gesellen standen:
Die Vergangenheit, der sie verstört nachgrübelte — die Zukunft, vor der sie erschauernd die Augen zu schließen suchte. . .
Die heilige Glocke ihres Herzens aber.läutete in dieser Stunde der Angst und Not einen Feiertag für sie ein. . . eine neue Zukunft, eine neue Jugend, ein neues Glück im alten Vaterland.
. *
Endlos die Nacht, die diesem Tage folgte. Qualvoll langsam reihte sich Stunde an Stunde. Und fast wollte sich die Angst ins Herz schleichen, ob diese Nacht denn je ein Ende nähme.
Mit einem Aufatmen der Erlösung begrüßte die arme kleine Marguerite Varrel daher das erste fahle Frühlicht, das sich durch eiinen schmalen Spalt der Vorhänge hindurchdrängte, oben am Plafond des Zimmers fahle graue Schlagschatten warf. . .
Sie hob den Kopf aus zerwühlten heißer: Kissen, stützte ihn in die Hand, sah zu, wie sich au3 dem zerflatternden Halbdämmer des jungen Tages allgemach die Konturen der Möbel schärfer und schärfer herausarbeiteten. Mit müden Augen sah sie darauf hin, müd atmete sie.
Sie grübelte nicht mehr, sie hatte keine Wünsche mehr, keine Gedanken, keine Hoffnungen — vielleicht auch nicht mehr Schmerzen.
Die kleine Marguerite Varrel hatte in dieser. Nacht einen bitter schweren dunklen Leidensweg znrückgelegt — jetzt stand sie am Ziel. Und dies Ziel bedeutete — das tote leere Nichts; den Zusammenbruch aller Pläne und Glücksmöglichkeiten; ben kläglichen Schiffbruch am öden Gestade menschenleerer Einsamkeit.
Nun wollte sie nichts mehr vom Leben — nun lag sie müd und still und hielt den Kopf in die Hand gestützt und hörte unwillkürlich auf das matte schwere Schlagen ihres Herzens. ‘ ' ?
Nicht mehr füv Alphonse de Marsillargues schlug dies Herz — nicht mehr für Frankreich — : faitjm noch für sich selbst.
In der stickig dumpfen Einsamkeit des jungen Morgens sanken die Minuten, reihten sich aneinander, wurden zu Viertelstunden.
itub noch immer lag Marguerite Varrel apathisch in den Kissen und starrte vor sich hin bis plötzlich ein scharses, fast schmerzhaftes Aufzucken ihren Körper zusammenriß. ^
Unten vom Ehrenhof des Schlosses her kam das rasende Knattern eines angetürbelten Motors herauf. Mit fast schneidender Schärfe.dräügte es sich hinein in die weiche verträumte Morgenfrühe.
Marguerite Varrel hätte den Kops in die Kissen vergraben und sich die Ohren zuhalt^n mögen — und stand doch auf und warf den Schlafrock über und trat zum Fenster.
Und gerade, als sie die Vorhänge ein geringes beiseite schob, schoß unten aus dem Portal des Schloßhofes ein langer schmalgebauter Kraftwagen heraus, gewann in win- dendre Fahrt die Chaussee, brauste davon.
Vorn am Steuer der Chauffeur — rückwärts im Fond des Wagens Alphonse de Marsillargues. Marguerite Varrel hatte ihn erkannt, trotz der gelben Lederkappe; trotz der Autobrille; trotz des weiten gelben Staubmantels.
Alphonse de Marsillargues hatte, ohne sich zu verabschieden, vor Tau und Tag St. Chamant verlassen. Allein. Denn sein Freund, der Doktor Darragon, hatte nicht neben ihm gesessen, als der Wagen die Pariser Chaussee^ gewann.
Marguerite Varrel stand reglos und starrte noch immer auf die Chaussee, als der 60pferdige Brasier schou längst in den golddurchglitzerten Nebeln der aufsteigenden Morgeu- sonne verschwunden war.
Alphonse de Marsillargues hatte Schloß St. Chamant verlassen — Alphonse de Marsillargues hatte seine kleine Marguerite Varrel verlassen, die doch einstmals seine Frau werden sollte.
Hatte beides verlassen — heimlich, herrisch, ohne Abschied.
Niemals würde er wiederkommen.
(Fortsetzung folgt.)


