Schicksale.
Roman von Heinrich Kornfeld.
(Nachdruck verboten.) (Amerikanisches Copyright by Lar! Duncker 1914.)
(Fortsetzung.)
©ic hatte sich währenddessen niedergelassen und auf eine stumme Handbewegpiig hin nahm auch der Bayer Platz.
Und nun verhandelten sie beide Liber das Thema — so eifrig, als gäbe- es keine wichtigeren Dinge auf der Welt.
Natürlich — der Doktor Darragon, dürste sich solange als Gast aus St. Chamant betrachten, als es ihm beliebte; und vor allen Dingen — als Seine Exzellenz, der Komman- dierende General, es für ersprießlich hielt.
Von der intimen Szene, die sich zwischen Alphonse de Marsillargues und Marauerite Varrel an der Rasenbank abgespielt, davon erfuhr die Schloßherrin nichts.
Der Rittmeister Brünnow war schon drauf und dran gewesen, ihr auch darüber Bericht zu erstatten — aber in der letzten Sekunde bekam! er die Bahne nicht auseinander. Warum eigentlich nicht, das begriff er selber nur unklar. Doch er hatte nun mal die fatale Empfindung, als käme solch ein Rapport schließlich und endlich einer Denunziation gleich.
Schließlich — er konnte nicht wissen, wie die Marquise über ihren Vetter dachte und ob es da nicht Kombinationen gab, die ein derartiger Bericht für immer und allezeit zerstörte.
Und wenn der Eberhard Brünnow sich auch diesen Herrn de Marsillargues ums Verrecken nicht an der Seite den schönen jungen Witwe hätte denken können; wenn schon der bloße Gedanke an eine solche Möglichkeit auf ihn wirkte wie ein brutaler Faustschlag gegen das Herz . . denunzieren tat er trotzdem nicht.
Mur über dem Hin und Her, über Rede und Gegenrede war es doch fast zwölf Uhr geworden, als sich der Rittmeister endlich erhob, um sich zu verabschieden.
Die Marquise reichte ihm liebenswürdig die Hand zum Abschied
„Noch einmal, Herr Rittmeister — dieser Monsieur Darragon darf nach Belieben sich auf Schloß St. Chamant als Gast fühlen. Wenn ich und wenn wir alle auch die letzten Gründe seines Wunsches nicht erkennen — wer weiß, wo da die Triebfedern liegen. Und daß exi mit dieser meiner Erlaubnis keinen Mißbrauch treibt — ich bin überzeugt, dafür werden Sie und die andern Herren des Kavalierhauses schon Sorge tragen."
„Gnädigste Marquise dürfen selbstverständlich ganz unbesorgt sein. Und nochinals meinen gehorsamsten Dank natürlich."
Sie schüttelte leicht abwehrend den Kopf. Sie schien vollständig vergessen zu haben, daß ihre Haudüoch immer in der des bayerischen schweren Reiters ruhte.
„Zu einem Dank liegt nicht die mindeste Veranlassung vor, Herr Mttmeister, da mit dem längeren Aufenthalt des Herrn Doktor Darragon ja Ihnen persönlich nicht der geringste Gefallen geschieht.
„Uebrigens ein seltsames Gegenspiel — entsinnen Sie Nch no chunserer letzten Promenade im Schloßpark? Damals erbat ich von Ihnen die Aufenthaltserlaubnis für einen neuen Gast auf St. Chamant — heut tun Sie es von mir." Er lächelte. , ■
„Mademoiselle Varrel." ' 1
"Die Kleine ist mir ein lieber Hausgenosse geworden den ich nicht mehr entbehren möchte."
Und der Mttmeister Brünnow darauf in geradezu phänomenalem Anflug von lebemännischer Gewandtheit:
„Gnädigste Marquise — ich gehe für Sie blindlings durchs Feuer. Aber ich bin trotz alledem und alledem doch nicht selbstlos und menschenfreundlich genug, um dem Doktor Darragon ein Gleiches zu wünschen/'
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Hacken, die klirrerkd zusammenschlugen — eine militärisch knapp abgezirkelte und doch respektvolle Verneigung — 1 an der Tür nochmals Hackenklappen... der Eberhard von Brünnow war gegangen. Der klirrende Klang seiner Schritte verlor sich draußen im Treppenhause, versickerte und erstickte in den dicken Läufern.
Jutta hatte diesem verklingenden Ton unwillkürlich nachgelauscht.
dtun wandte sie sich, den kleinen Salon wieder zU verlassen.
Aber sie tat es micht. Sie trat ziellos ein paar Schritte dein Fenster näher, bis sie neben einem zierlichen Rokokoschreibtisch stand, dessen blinkende Platte übersät war mit altem Porzellan, grinsenden japanischen FiArcheu und allerlei gefälligem Tand, allerlei brie-a-braes, über die in müßiger Stunde vielleicht einmal das Auge wohlgefällig hinglttt.
tem Rahmen herausprunkendes Spiegelchen in die Höhe, lächelte gedankenlos, stellte es wieder hin.
Sie trat vom Schreibtisch fort wieder in das Zimmer hinein — da stand der Sessel, in dem sie vorhin ihrem Gast gegenüber gesessen. Noch einmal ließ sie sich nieder.
Sie wußte nicht, roas sie in diesem Raum noch suchte, wo draußen all die tausend kleinen Pflichten der Hausfrau warteten, wo zahllose alltägliche Dinge ihrer Anordnung und Entscheidung harrten.
Nichtigkeiten, die nicht des Achselzuckens »vert waren Und trotzdem Tag für Tag erledigt sein wollten.
Deren Ruf hätte sie jetzt folgen müssen. Und tat es doch nicht, sondern faß in dem koketten geblWnten seidenen Sessel- chen, hielt die Hände im Schoß gefaltet, sah auf den Teppich unter ihren Füßen und ließ ihre Gedanken wandern.


