Ausgabe 
12.8.1916
 
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Das ist sehr schön, lieber Brünnow. Und sagen Sie mal ___ ^as halten Sie denn nun eigentlich persönlich von der ganzen Mnbergeschichte?"

Mer der Rittmeister Brünnow konnte sich verdammt beherrschen. Er war als ganz junger Leutnant titit den sogenannteneigenen Ansichten" bei mehr oder lvenrger hohen Vorgesetzten ein paarmal erheblich angelausen uno seit der Zeit war er eklig aus der .Hut. - ^

Mochten sicb die erlauchten Herren ihre respektwen Kopse zerbrechen er tat das so lange nicht, wie sie ihm nicht anch die volle Verantwortung für sein Handeln zuschoben.

Dann allerdings spitze er die Ohren und machte dre klugen sperrangelweit aus. Hier jedoch war das angenschem- lich unnötig; denn Exzellenz geruhten ihhr einfach mit einem Aufträge zu beglücken, der einen: Befehl gleichkam und darum prompt ausgeführt werden mußte.

So schob er denn diplomatisch die Schultern hoch uub meinte vorsichtig: M ^

Ich kann mir aus der ganzen Geschichte kernett Vers machen, Exzellenz. Möglich, dieser Doktor Darragon ist ein Phantast möglich auch, dieser Räubergeschichte, wie Ex­zellenz sie zu charakterisieren belieben, liegen irgendwie reale Tatsachen zugrunde. Das wird ja schließlich der Leichenbefund ergeben. Für den Augenblick und auch für die nächste Zukunst können wir meines Erachtens nur das Eine tun dem mysteriösen Herrn höllisch scharf auf die Finger zu passen."

Und da der hohe Herr beisällig und zustimmend nick- koppte, so zog sich sein Adjutant diskret wieder zurück und schickte ein Ordonnanz zum 'Schloß hinüber, wann die gnädige Frau Marquise die Güte haben wollten, ihn zu empfangen."

Die Ordonnanz kam mit der Mtwort zurück:

Am nächsten Vormittag."

Und die große schwere Standuhr auf der Diele zeigte gerade mit dröhnenden! SchlaHe die elfte Vormittags stunde an, als der Rittineister Brünnow, von dem alten Frederic geleitet, den sogenannten kleinen Salon des Schlosses betrat.

Die junge Schloßherriu erwartete ihN bereits, Sie hatte aus einem Stuhl am Fenster gesefsen jetzt erhob sie sich und kam ihm eiu paar Schritte entgegen, reichte ihm die Haud, über die er sich hinabbengte.

Dieser kosige kleine Salon hier hatte er die junM Witwe zum erstenmal gesehen, als er spät an einem Augnst- abend schm utzüberkrn stet und tödlich, abgespannt vor ihr stand; und jetzt umschlossen die mit kostbaren Stosftapeten bekleideten Wände wiederum sie und ihn.

Mer wie anders diefe Situation!

Damals hatte sie ihm gegeriüberaestanden das vor­nehme schöne Gesicht Umflossen von den: weichen Licht der elektrischen Glühbirne oben ani Plafond, die Augen wunder­voll groß Und klar, der Klang ihrer Stimme frisch und sicher he nt verhüllte ihre Gestalt der stumpfe schwarze Krepp der frischen Trauer; heut war das Gesicht bleich, die Augen müd und überwacht; die Stimme schleppend.

Das Mitleid schoß ih,u heiß zu Herzen, wie^er sie jetzt so vor sich sah, die mit ihren jungen Jahren schön so Schweres hätte erdulden, soviel liebe, ihr nahestehende Menschen hatte Verlierei! müssen.

Und diese Sekunde war er jast versucht, ihr irgend ein herzliches Wort zu sagen, das abseits der konventionellen Phrasen lag, die er und seine Kameraden vorgestern ans dem Kirchhof gemurmelt, bevor sie die Hacken zusammen- schlngeu und zurücktraten.

Wirklich solch ein Wort lag ihm schon ans den Lippen. Ein Wort vielleicht ganz schlicht und unbehilflich, aber von Herzen komurend nuo zu Herzen gehend.

Etwas trieb ihn, ihr das zu sagen. Und ihr auch zu sagen, daß er leide, weil er sie leiden sehe.

Trotzdem nee, lieber nicht. Es blieb doch zweifel- hast, ob sie so ettvas nicht als taktlose Zudringlichkeit anf- saßte, ob er sie bamü nicht etwa scheu nrachte und zwischen ihnen beiden wieder die Distanz vergrößerte, die die letzten Wochen fast überbrückt hatten.

Mer als hätte sie geahnt, worunr es ihm du innerlich aiug lächelte sie trüb und scheu und versetzte fast ent­schuldigend:

Es ist auf St. Ehamant ein wenig still geworden, EHerr Rittmeister. Ich mußte mir sogar die Freude ver­sagen, Sie und Ihre Kameraden des Abends an der Tafel Mm mich zu sehen. Seien Sie überzeugt ich bedaUre. es'.

Und wenn Sic nur ein wenig Geduld mit mir haben\ vielleicht, daß ich nur ein paar Tage absoluter Zurück­gezogenheit noch brauche, um zu mir selbst znrückzufinden. Dann soll alles wieder so werden, wie es war, bevor. . .'1

Sie brach ab. Ein schwerer Atemzug hob ihre Brust.

Der Rittineister Brünnow halte unwillkürlich dei! Kopf zurückgelegt. Wie in halber Mwehr dessen, was sie ihm du sagte/

Er antwortete gedmupft und weun man genau hinhörte, dann war es, als dränge sich durch seine Stimme eine verhaltene Zärtlichkeit:

Gnädigste Marquise hätten das nicht sagen, sollen. Gnädigste Marquise dürfen überzeugt sein, und ich gebe mein Ehrenwort es ist nicht einer unter uns, der nicht von ganzem Herzell die Trauer dieses Hauses mitfühlte. Wollte Gott, wir fänden Gelegenheit, gnädigster Marquise unsere Empsindililgen zu beweisen."

Das kam so grad und ehrlich heraus, daß in ihren müd überwachten Augen ein warmes Licht aufschimmerte.

Ich danke Ihnen von Herzen, Herr Rittmeister. Ich danke Ihnen und ihren Herrn Kameradeil auch noch be­sonders dafür, daß Sie meiner Schweigermutter ans ihrem letzten Wege vollzählig das Ehrengeleit gegeben habend

Das verstand sich doch am Rande."

Trotzdenr es hat lnich herzlich gefreut."

Gnädigste Marquise es war nicht nur eine katte^ selbstverständliche Aiistandspflicht, sondern es war uns auch eine Sache des Herzens, eine Pflicht der Dankbarkeit Ihnen gegenüber."

Wieder war es still zwischen ihnen. Wieder schwiegen sie wie Menschen schweigen, die sich vielleicht viel zil sagen haben und doch nicht die rechte,! Worte finden und vor der drängenden Unruhe ihrer eigenen Gedanken stutzen.

Eine Stille war es wie ein quälender schwerer Druck, daß ihrer beider Atemzüge nnwillklirlich hastiger und schwerer durcheinander flackerten.

Und dann begann der Rittmeister Brünnow sich seines Auftrages zu entledigen. Eigentlich eilte es ihm damit gar- nicht so sehr; inr Gegenteil er hätte wer weiß was darum gegeben, dies Zusammensein mit der schönen jungen Witwe nach Möglichkeit lange anszudehnen.

Aber trotzdem.

Dies Schweigen, das zwischen ihnen war, diese schwüle Stille . . . hols der Denwel, dabei konnte einem angst und bange werden! Einer solchen Frau so dicht gegenüberzn- stehen und dann garnichts zu sagen und Von ihr anch nichts zu hören und n!ur zu sehen, wie sich über der Bru,st dev schwarze Krepp ihres Kleides in unruhigen Atemzüge^ hob und senkte nee, solche Situation war dem schweren bayeri­schen Reiter zu gefährlich. Er hatte nie recht im Leben Zeit gesunden, sich viel mit Frauen zu beschäfNgen. Es ent­sprach anch nicht seiner Neigung. Orr war zu sehr Soldat^ zu sehr Streber, zu sehr Pflichtmensch. Und wenn inan dann plötzlich in Situationen geriet, wo man sich lebensgern ein bißchen mehr Routine und Erfahrung gewünscht hätte, dann hatte man plötzlich so ein ganz merkivürdiges Gefühl, als gehorche einem die Zunge nicht recht daß inan sich fürchten mußte vor dem nächsten persönlichen Wort, weil man mit ihm vielleicht alles verdorben hätte.

Steif und hölzern und respektvoll dnzustehen, den Kava­lier zu spielen, wo man doch weiß Gott zehnmal lieber hätte ehrlicher Mensch sein mögen; Phrasen zu dreschen einer Frau gegenüber, der das eigene Herz schon seit Wochen wie ein treuer Köter nachlief j ... ba kenn sich ein cinderer aus! Vielleicht, daß der Herr de Marsillargues, dieser geschnie­gelte Pariser Lebejüngling, derartige Situationen auszu­nützen verstand ... er der Eberhard Brünnow . er bekam das nicht fertig. Oder die Zunge wäre ihm vermutlich gleich so mit dem Herzen durchaegangen, daß die schöne junge Marquise Hals über Kopf den kleinen Salon verließ und in Zukunft für ihn nicht mehr zu sprechen war.

Da blieb es schon sicherer, er redete schleunigst neutralen Kram, der sie und ihn nicht persönlich berührte.

Und so kam es, daß nach diesem Schweigen, aus dem sich vielleicht allerlei Schicksal und Glück und Zukunft hätte heransholen lassen, der Rittmeister Brünnow nichts besseres wußte, als Von einem anderen Mann zu sprechen.

Das war der Doktor Darragon. Und was er für sondern bare Wünsche hegte, erfuhr Jütta jetzt bis ins kleinste..

(Fortsetzung folgt.)