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Vas Abenteuer der „vineta".
Wne Zukunstsgescküch'te von. Assred BratL.
(Nachdnick verboten.)
iEÄ war im Mdai de.» Jahres 1932. ^ . ..
Auf dem großen Pier des Bremer Lloyd drängten sich d»e Passagiere, die ihre Kai Men zur lleberscrhrt nach 9tatJ Bork auf dem Schnellschvauben-Unterseedamyfer „Bineta" belegt hatten....
„Bineta" war ein Amerikadainpfer des alle»»noder,»sten Typs, der damals erst seit zwei Jahren den LuLiisPassagiervcrkehr zwisck>en den beiden Kontinenten besorgte. Mit ihöen 15 000 Tonnen war sie das größte Schiff dieser Art.
Man erinnert sich wohl, daß die U>.iteufeedaurpscr bereits nach den ersteil Wahrten außerordentlich bliebt geworden waren, Sie fuhren, wie heute, bei ruhigem Wetter her größeren schnell lgtert wegen an der Oberfläche, tauchteil jedoch bei den ersten Auze»cheu eiiles Sturmes unter, tkn», tt» der Tiefe des Meeres ihren Weg, un- gehenlint durch Wind und Wellen ulld tu idealer Stabttität, fortzusetzen Ter Erfolg der Untettvasserfahrer war schon la»»gst e»ne ern- wvndfreie Tatsache geivorden, obwohl der Hauptzweck der Zwn- struktion, die Gewähr für eine über das Maß des Geivohilllcheu hinausgel>ende Sicherheit, noch nrehrfach — und ganz vesonoers voll deil Konkurrenzgesellschaftei» nach altem System bestritten
wlurde. . ^
Tie Maifahrt der „Vineta", von der wir nach den aulhentlschen Berichten der Anger» zeuge»» in aller Kürze etrte zusammen tagende Darstellung geben, iiahm durch die auf dieser Fahrt eingcttrossene Katastrophe mit ihren» alle Rekorde tu den Schatten stellenden, so überaus glückliche»» Ausgang die letzten Awersel an der Zweckmäßigkeit des heute^allgemein gelvordenen Schtffstyps.
Trotzdem der Luftverkehr Berlin — New York die Strecke heute bekanntlich in kaum drei Tagen zurücklegt — während, wre man Weiß, auch die schnellsten Tanipser noch immer fünf Tage brauchen. Werden die Schiffe der „Bineta"-Klasfe aller Borausftcht nach,stets Wegen ihrer aufs Aeußierste gesteigerten Sicherheit modern bleiben.
Darum soll der zehnte Jahrestag der „Bineta"-Katastrophe nicht ohne die ihm gebührende Mtung Vorübergeher».
Wir rnfen die einzelnem Tatsachen irr knapper und chrono logischer Form in Erinnerung.
Also — die Passagiere drängten sich auf dem breite»» Pier an dessen Kopf die „Bineta" log-, mit Wbeiii Ruvchf m Mm Wasser'
ragerrd. . .
Uw zehn Uhr vormittags ertönte das Abfahrtsignal, und zlve» Stunde!» später dampfte das Schiff bereits in freier, glatter See. Das niedrige Oberdeck, das den» flachen Dach eines langgestreckten Danses glich, war mit Liegastnhten und KorbseWn bedeckt, von den lusd- »lnd »vasserdicht verschließbaren Erfr»schu,»gs^pav»llo,»s und dem dein» Tauchen ebenso abschließbaren Rundbau ber Schrffskapt'lle wehten die Wimpeln in einer flotte»», angenehnieri Brrfe.
Der Tag verging — wie jeder Tag a»lf einem eleganten, alle erdenklichen 'Beguenrlichkctten der Festlandshotels b»ete»lden L»,xu^ schiff Da gegen Abend die See ein wenig bewegter lvnrde unb schwere Wögen in breiten Reihen heranzurollen begannen, w»»rde das Signal zum Tauchen gegeben.
Ein Druck auf de»» Signalapparat in dein Kommaud>.tur»n ließ die Klingeln und Sirenen in allen Räumen des Schiffes — »n jeder Kajüte, in de»» Gesellschastszünmern, ans den» Sonne»»deck und den mit Glaswände»» riirgsu»»» geschützten Mitteldecks ertönen. D»e Passagiere führe»» in den Auszüge»» zur zweite»» Etage hrnab, — ein dreimaliger Hupenschrei, ein Aufheillen des! Nebelhorires, -- und langsau» begann die „Biireta" sich in die brande»»de Flut zu senken.
Wör jemals! a»» Bord eines arrderen Schiffes oder vo»» der Küste a»»s das Tauchen eines großen Mssagierdampfers beobachtet Hot, ke»mt die imposante und »»och immer ein wenig plstrntastrsch anrnutende Schö»»heit eines solche,» A»»blicks z»ir Genüge. Zuerst sicht man die Deckstü'hlc di»rch die Bcrsenkungsplatte»» verschwinden, Hann schließen sich die arrseinandergeschobenen dünnen Panzerplatten rings un»! die Pavillons, und innerhalb einer Wnute »st das Deck durch die Arbeit der vom Kommandotnrm aus zu bedienei»- den elektrischen Ndaschinerien vollko»n»»en „klar", wasserdicht u»»di glatt wie eine einzige, einheitliclu Hülle aus Stahl. Nun geht ein leichtes, flüchtiges Zittern durch den langen, fischartigen Rnmpf, vom schmalen Heck bis zun» spitzen Bug, und lanLsan» beginnt das Schiss zwischen den Wäten zu versinken. Die Schaumkämme an beiden Seiten der Bordwände färben sich in den» Tä»»»»»»er»» des Llbcnds leuchtend rot »ind gelb — das ist der Widerschein der ta»»send ctcftrifcfK»» Glühlampen, die sich im Innern des Schiffes e»»tzündet haben und durch die Fensterreihen aus chemisch gehärtetem Doppelglas (iM Falle eines Bruchs werden sie bekanntlich dllrch Stahlplatten ersetzt) ins Mieer strahlen.
Nun hat sich das Schiff in eilten schiminerusdten Palast verwandelt, in ein Feenschloß, über desse»» Rücke,» das Wässer geheimnisvoll rauscht. Das Sinken vollzieht sich so langsam und mit solcher Stabilität, daß es mit geschlossenen Lütgen überhaupt uicht zu vemerken wäre. E»»dlich.ist die gewünschte Tiefe erreicht, und i»» »»nerschütterlichem Gleichgeivicht geht die Fal-rt »vieder vorwärts. Die Arbeit der Propeller, das MischinengetLusch, der Sturm und
der viele Adeter höher brausende Wogengang sind u»»hörbar, sie existteren nicht für das Fahrzeug, das »»» der nnberüh.tcn Tiefe des Meeres mit achtzehn Knoten Stundengeschwirrdigkeit seine,» Kurs Verfolgt.
Der Speisesaal funkelt von Lichtern: vo»» ben blumeirgeschmück- t€u Tischchen blickt man durch die^Fenster in das grüne, vhnpho- reszierende Wasftr^ Das ist die Stunde, in der das Märchen.des Meeres sich dem Seefahrer enthüttt. Phantastisch geformte Pflanzen, Mgen ziehen sich hinter den zotldlcken Scheiben vorbei, und manchmal schlägt de»' im Licht silbern glitzernde Schuppmtteib eines Fisches an das Glas, erschreckt und flüchtig, »oie die Motten und Naclftschmetterlinge an morrnen Somme rabenden ge ge»» die Kuppel des Lampenschirmes tauineln. Das Meer ist »licht n»ehr still, tot ^u»d unen'orscht; sein seltsaines Leben treibt gespenstisch um das Schiff, bas mit Menschen »md Waren wie ein funkelndes Fabeltier dahin gleitet.
Tie Fahrt der „Bt»»eta" verlief glatt und rmgestort. Am vierten Tage aber — es war, »»ach den Berichten, genau »,» der sechsten Nachmittagsstunde, und man befand sich tn der Zone des Eistreibens südlich von Neuftindland — nahte die Katastrotche, die wegen der eigenartigen Beglettunis,äi»de »md des einzigartige,» Ansgangs viele Monate hindurch die Sensation der rnlernati ovalen Presse bilden sollte.
Schon nach Mittag hatte starker Nebel ei»»gesetzt, der sich später immer mehr verdichtete, so haß die stärksten Scheinwerfer ihn ntd>t völlig zu durch dringen vermochten. In dresenr Falle gehen die Tauchdampfer rmter Wasser, um de»» Zusammenstoß nrtt einem Eisberg — wie er semerzeit das ftirchtbare Ende der „Tttanic" Und des größten Teils ihrer Passagiere verursachte — zu verhüten. Wenn der Kapitän der „Bineta" nicht den Fehler bega»»aen hätte, sein Schiff allzulange auf der Wasseroberfläche zu belassen, hätte natt'irlich der Zusammenstoß der „Vineta" mit.treibendem Eis überhaupt nicht erfolgen können. Bekalmtlich wurde ja auch später eine Berordming des Napigattonsanttes erlasse»:, die da^ Obattvasserfahrer» bei nebeligen, Wetter verbietet.
Llber loie die Sache sich nun einmal in Wirklichkeit verhielt^ dampfte die „Vineta" uoch Un»j die Zeit des Tiners aus dem Wasserspiegel. Zu»n Glück rvar bereits has Deck geräumt, da alle Passagiere sich in» Speisesaal eiugefunde»» hatten. Auch die Mannschaft hielt sich schon in ihren verschlossenen Räumen, da in tt-enigen Minuten der Befehl zum Tauchen gegeben werde»» sollte.
In diesen» Augenblick »»un stteß die „Bineta" mit den» in» Nebel nicht rechtzeitig gesichteten Eisberg zusammen. Das Schiff und das Eis waren in entgegengesetzter» Richtigen in so rascher Fahrt, daß kein Stoß fühlbar wurde. Die scharfe Kante des Eisberges hatte den Bug wie mit eine»»»! Messerschnitt gerammt.
Das folgende Verhalten von Führung »md Mannschaft verhütete die zu erwcrrte»»den f»»rchtbarer» Folgen.
Lioch »nährend die „B»»»cta" tauchte, wurden die Schotte»» geschlossen, so daß das' beretts strudetaittig in den Bugraum einge- drMngene Wasser nicht in die übrige»» Schiffsteile gelangen konnte Eil» Schiff des früher gebrä»»chlichen, ge»vühnlick>en Typs »ota aber unter den gleichen Bedingungen infolge der ber'eits aufge- nomMene»» Wassermengei» rettungslos dem Untergang preisgegeben
gewesen.
Tie „Biireta" iedock) tauchte tiefer mtb tiefer, um dann anf dem Meeresgrur»d liege», zu bleiben. Die U»»te»',vasse»'konstrilfttvn hielt vorläufig jede »vettere Gefahr fern.
Um eine unnöttge Panik zu vermeiden, erhielt die Mannschaft den sttengen Befehl, die völlig ahnungÄosen 'Passagiere in ihren» Glauben zu belassen, daß das Sckiiff ungestört unter Wasser fahre Ta der Bug »n,r Wa»?ei», Gepäck und oie Postsäcke enthielt, war diese veruttnfttge Lk»»ordml»»g aud> ohne ,»-eiteres durchführbar.
So verlief das Diner in dem festlichen Speisesaal heiter wie sonst, und alle Passagiere silchten ahnui»gslos ihre Kabinen zur Nachtruhe auf.
Inzwischen über begaiti» der Uitterlvassertclegraph seine Tätigkeit, und bald wir die drahtlose Verbi,»dung mit den» Unter,»msscr dumpfer „Kön»et", der auf der Rückfahrt von Ne»v York begriffen »var, her gestellt.
Un» sechs Uhr »nvrgens, nach einer für die Passagiere völlig ungestörten Nacht, l-atte de»' „Komet" endlich in der Höhe des Meeresspiegels die llnfallstelle erreicht.
Tie Passagiere lvnrde,, gelv-eckt n»td, nach kurzer Mitteilung des Sachverhalts, ausgefordert, sich in aller Ruhe zum Besteigen der Rettungsboote bereit zu nrachen.
Diese Boote — in Form und Konstruktion eine Art vo», Mi »»iatt»rn»tterseebooten — können bekanntlich auch unter Wässer ihren Tie,»st verrichten. IN, Falle de»' „Bineta" aber berührte ihre tech»»ifche Ansiiistung sich praftisch zum erstenmal.
Als Passagierd uild Mannschaft in de»» Booten untergcbracht war«», wu»r>en dieselben von innen »vasserdickn verschlossen, sie glitten mit eigener Motorkraft sacht aus den Lanzierrobren. stiegen zur Meercshöhc empor und legten Odl- »mb unversehrt an der Breitseite des Irrenden „Komet" an.
Tie „Bineta" konnte nicht mehe gehobelt norden. Toch die erste Säiiffs-katastrop^', bei der m»ch nicht ein Mensctxnlebe»» ve» loreg ging, hatte ihren uwöergeßlscheu Mschl.uß gcsund»n.


