Ausgabe 
24.7.1916
 
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Ich würde mich sehr glücklich schätzen; aber gnädigj-c Marquise haben mich noch nie vorher gesehen. Ich weiß nicht, ivelchem Umstande ich diese große Auszeichnung zu verdanken habe/'.

Meinem Vetter, Herrn de Marsillargues, der Sie mir so anaelegentlich empfohlen hat. Und keine Angst, Sie ver­schüchtertes Kino, daß diese Stellung an Ihre Fähigkeiten unerfüllbare Ansprüche stellte. So ist es nicht. Sie sollen nur stets daran denken, daß Sie in mir für die Zeit Ihres Hierseins eine Gönnerin besitzen. Und wenn irgendein, Kummer oder irgendeine Sorge Sie bedrückt, bann kommen Sic zu mir und sprechen Sie offen. Ich werde stets Zeit für Sie haben. Und nun, Marauerite, soll der Diener Sie auf Ihr Zimmer führen. Vielleicht, daß Sie mir noch heute abend eine Stunde zur Verfügung stellen ich weiß es noch nicht. Jedensalls würde ich mich freuen, wenn die Zeit Ihrer Anwesenheit auf St. Chamant für Sie zu einer glück- lichen würde."

f m leises entlassendes Kopfneigcn; eilt Klingeldruck: am'.nerzose trat ein.

Frederic soll Mademoiselle auf ihr.Zimmer führen." Und dann stieg die junge Pariserin hinter dem alten Frederic her die rnächtige imposante Freitreppe zur ersten Etage hinauf und d'urchwairderte lange Gänge und durch^- querte Entrcchnmbres.

Und stand endlich in einem mittelgroßen, entzückend behaglichen Giebelzimmer, dessen Fenster über die Part- Lämne hinweg weit ins Flachland hinaNssahen.

Lautlos war hinter ihr die Tür zu gezogen worden. Tiefes Schweigen ringsum.

Marguerite Varrel war mitten in dem Gemach stehen geblieben, sah mechanisch aus ihre Heiden Koffer, die in der Ecke standen, schaute mit leerem Blick auf die Möbel rings­um, auf die zierliche Frisiertoilette, aus die weiche, mjt einem schönen Fell überdeckte Ottomane. Und dann legte ße Mut und Mantel ab, tat ein, zwei Schritte, fanf auf das Puhebett.

Der Länae nach lag sie da, das Gesicht zwischen den Armen. Lag reglos wie im Schlummer und atmete schwer.

, 3J> C war so bange zu Mute; so verstört; so ratlos und hilflos und verloren.

Sie hatte die Empfindung, als stände hinter ihr etwas unheimlich Drohendes ein Gespenst ein riesiger er­drückender schatten.

Vorhin unten im Ankleidezimmer der jungen Marquise von St. Ehamaiit war ihr der Gedanke durch'das .Hirn ge­zuckt, oaß sie ja die Verlobte Alphonse de Marsillargues sei, daß er uuir sein Wort ciuzulösen braiichte und sie würde die Verwandte dieser großeil Dame, dieser schönen eleaanten Frau lverdeu! Dieser Deutschen!

Sie, Margucrite Varrel

Marquise voii St. Ehanrant!

Das war ihr vorhin diirchs Gehirn gezuckt. Aiich jetzt wieder, wahrend sie stumm nnb reglos dalag. Auch etzt wieder dachte )te daran. ' * w

Machte daran wie au eine groteske Unmöglichkeit.

Sie eine Verwandte der vornehmen Frau da unten es war Irrsinn. ' * '

Sie hatte nichts davon gewußt, daß Alphonse de Mar-

Ziehungen besäst ,lluftre ^rwnndtschnfiüche Bc-

Aber er liebte sie doch und hatte es ihr doch zahllos Eiden geschworen. Idast sie sein Weib werden sollte. Und sic halte auch jdaran geglaubt bodtngslos, wie an ein Evangelium.

. nur jetzt nicht mehr? Warum nur plötzlich

hatte sic dies gualend? Gefühl, als lege ihr jemaich eine E^^O'Hand an f das Herz? Warum erschien ihr jetzt bizarr

^aSu ? m ' mas icbc ® t,n ' bc

^ "J.*"!! all dieser sich überstÄrzenden, sich hetzende,, sich erschlagenden Gedailkeu - imnitteu all btefei- gualenden Zerrissenheit. . . immer und immer wie? der wie ein entehrendes Brandmal das Bewußtsein:

Ich bin mit Gute und herzlichem Mitleid von einer b^m/ocnominen worden, die ich belüge, Mit einer Lüge habe ich mich hier c,umschlichen! Mit einer Lüge muß ich meimn Zlatz behaupten! Mit einer Lüge werde ich ihr ihre Wohltaten zu daukeu haben!"

die Cousine der jiiugeil

Wie eine unbeheuerliche Schmach, brauute dies Be­wußtsein in ihr. Stand es finster und ehern nnd^ unerschüt­terlich. in all der drängenden wogenden Flut ihrer Gedanken und Befürchtungen und Grübeleien.

Eben, als sie wieder an d,ie große Lüge dachte, ging ein krampfartiges Zucken durch ihre Glieder.

Jetzt aber lag sie wieder ganz still. Reglos; wie hin­gemäht; wie erschlagen.

Und um sie sang das lautlose Schweigen der sonNner- lichen Mittagsstunde mit tausend, mit Millionen feiner geisterhafter Sümmchen. Und die Sonne zog quer durch das Zimmer ein breites, schimmerndes Lichiband. Und draußen irgendwo int Gewühl der Baumkronen schluchzte eine Amsel.

* t

Ganz kurios sah der Doktor Darragon zu dieser Mit­tagsstunde aus, wie er mitten in Alphonse de Marsillargues Eßzimmer an dem großen ausgezogenen Speisetisch saß. dicke Bücher wälzte und sich hin und wieder mit der Hand durch die wirren Haarsträhnen führ.

Draußen aus den Straßen des entvölkerten Paris brannte die Septembcrsonne unbarmherzig. Kein Kncittern eines vorübcrjagenden Autos, kein Rumpeln eines Omni­busses höchstens, daß hin und wieder mol im schläfrigen Trabe eine Mietskntsche vorüberrollte. Und dann war es wieder für lange Zeit still. Ganz unwahrscheinlich still iu dieser sonst von Lärm und Leben und Lachen und Lust erfüllten Riesenmetropole an der Seine.

'Alphonse de Marsillargues hatte hermetisch Türen mit* Fenster Uor der brüteilden Hitze geschlossen, sämtliche Vorhänge heruiitergelassen und dicht zugezogen und doch herrschte in der entzückenden kleinen Gar^onwohnnng der Rue Eastiglione eine erstickende Temperatur.

Weshalb auch der Doktor Darragan sein Jackett ans- gezogen und Weste und Kragen in eine Sosaeckc geworfelt hatte.

In Hemdsärmeln saß er da, schwitzte, wälzte seine dicken Lexika nnb Standardwerke, die sich anf dem Tisch häuften. daß jedesmal, ivenn er eins dieser Bücher zn- schlng, feiner grauer Staub aufwirbelte.

Und jedesmal inurrte er zwischen den Zähnen: .

Ich finde cs nicht, Alphonse. Tatsächlich, ich finbe es lucht."

Ans einer halb int Dämmer liegenden entfernten Zunmereckc und aus dein kühlen knarrenden Leder cilles Klubsessels heraus kan: die kaltblütige Antwort:

Sie müssen es finden, Doktor!"

Eilien neneii Band riß sich Iber kleine Herr heran.

Na bann vielleicht hier."

Und schon wenige Minuten später unter Stöhnen und «ch nassen abermals:

Hier steht auch nichts drin."

* .. "^er Tenerster geschichtlich verbürgte Tatsachen lauen sich doch ilicht ans der Welt schaffen."

bürgt"istO"^ loi ff cn daß diese Tatsache geschichtlich ver-

, ."Weil ich Schilderungen dieses mißgllickten Attentates sebst iviedcrholt gelesen habe."

Aber dann müßte doch in diesem Buch oder in chesem hier oder in deni da drüben . . . irgeiidwo müßte doch irgendwas darüber stehen. Zumindest eine Notiz " .^.''Suchen Sie nur, Doktor - garantiert, daß Sie es schließlich auch entdeckelt."

Stöhnen""^ müC ' ^ucherwälzcn, Schnaufen und

Diese verdammte, gottesjämmcrliche Hitze!"

Aus dem Klubsessel kam keine Antwort.

Und.dann plötzlich schlug der Doktor Paul Darra.wn mit der Faust mitten auf einen der teuren Halbfranzbände.

Zum Teufel Mit ^hrem Attcutat, Alphonse! Wer weiß wo Sie so etwas oefefen haben!" ' lULlü '

"2lber machen Sie sich doch nicht lächerlich, Kindchen."

M lächerlich ich mach mich

bloß blödsinnig soweit ich das bei dieser Temperatur nicht ohnehin schon bni, Alphonse." F

^-Kennen Sie nicht das reizend ehrbare hausbackene deutsche Sprtchwort:Ohiie Fleiß kein Preis?"

(Fortsetzung folgt.)