Ausgabe 
24.7.1916
 
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Schicksale.

Noman von Heinrich Kornfeld.

(Nachdruck verboten.)

(Amerlkanische; Copyright by Tarl Duncker 1914 )

(Fortsetzung.)

Marguerite Varrel stand vor der jungen Marquise von St. Chamant

Um die Stunde des Diners lvar sie eingetrosfen gerade, als die Herren des Hauptquartiers der XI. Armee sich durch den Park vom Kavalierhaus her zuni Schlos; begaben

Deutsche Offiziere! . Hätte das junge Mädchen nicht sich zur Seite den alten Frederic gehabt, der sie zur Haus­frau geleitete - sie wäre wohl entsetzt geflohen

Denn deutsche Offiziere in diesem Schloß, das ihr für ^ange Monate zur Wohnung dienen sollte . . sie ver­stand das nicht. Sie sah ihren Begleiter unwillkürlich ent- etzt fragend an. Doch der zuckte nur die Achseln :

Das ist schon fast seit drei Wochen so, Mademoiselle. Uber unbesorgt was uns da unsere Leitungen für Bären aufgebunden haben über die deutschen Hunnen wir hier auf St. Chamant merken davon nichts. Ich kann nur sagen diese Deutschen sind vollendete Kavaliere und be­nehmen sich tadellos. Vielleicht kommt es daher, weil ja auch unsere gnädige Frau selbst von Geburt eine Deutsche ist."

Da fühlte die junge Pariserin zum zweiten Male, wie ihr jahex Schreck ans Herz griff. Eine Deutsche, in deren Dienst sie sich begab, von deren Willen sie abhängig sein sollte! Was mochte wohl Alphonse nur bezweckt haben, als er sie hierherschickte?

Und dann stand sie vor der jungen Schloßherrin.

Ins '.Ankleidezimmer der Marquise war sie geführt worden, wo die erste Kamnierzofe gerade mit der Dinev- toilette ihrer Herrin fertig war.

Ein vorsichtig mit Spitzen verbrämtes Seidenkleio trug die junge Marquise. Herb, fast streng wirkte das harte Stahlblau der Farbe, kontrastierte seltsam gegen das an- mukig schöne Gesicht, gegen das gütige Lächeln, das um die Lippen der jungen Witwe lag, als sie Marguerite die Hand zum Kuß reichte.

Das also ist die Marquise von St. Chamant!".. . . dachte das junge Mädchen, während sie zu einem tiefen Knicks zusammensank . . das also ist Alphonses Cousine! Eine Deutsche von Geburt! llud wie schön sie ist tute» wunderbar schön! Nie sah ich in Paris Frauen von solcher Schönheit - von solcher gütigen gelvinnenden Schönheit!"

Und während sie sich tvieder hochrichtete, kam von drüben eine etwas verschleierte mitleidige Stimmer

Mein Kind .Herr de Marsillargnes schrieb mir voll Ihrem schweren Schicksal. Ich weiß, was es heißf,

beide Eltern so unvermittelt und in so kurzer Zeit verlieren zu müssen. Da bedarf es vieler Monate, um einen solchen Schlag zu überwinden

Herr de Marsillargnes hat mich gebeten, mich Ihrer anzunehmen. Ich will es von Herzen gern tun, Marguerite Varrel; wenn ich Ihnen auch nicht das Elternhaus er­setzen kann, so sollen Sie doch für die Dauer dieses Unglücke seligen Krieges bei mir ein Heim und eine Zufluchtsstätte gefunden haben." .' '

Und mit welchem herzlichen Interesse dabei die gütigen Frauenangen auf dem Gesicht des jungen Mädchens ruhten - Marguerite Varrel fühlte, wie die Sck>am in ihr bitter hochquoll.

Mit einer Lüge hatte sie sich hier eiugeschlichen. Mit einer Lüge hatte sie das Mitleid dieser hochherzigen schönen Frau errafft Mit einer Lüge würde sie ihr-jeden Tag von neuem unter die Augen treten, würde sie j«de Wohltat an­nehmen müssen! Wozu hatte sie sich all die Jahre seit dem Tode ihres Vaters ehrlich und bescheiden in Paris dnrcbi- geschlagen, lvenn das alles nur dazu nutze gewesen, daß sie jetzt eine Frau belog, die ihr von der ersten Stunde an mit Güte und herzlichem Mitleid begegnete?!

Und in ihrer Stinnne zitterte unwillkürlich etwas von diesen quälenden Empfindungen, als sie leise erwiderte:

Gnädigste Marquise sind zu mir sehr gütig."

Die junge Witwe schüttelte den Kopf:

Ich bin nicht gütig, mein Kind ich erfülle nur eine Pflicht der Mchsteuliebe. Dafür brauchen Sie mir nicht zu danken. Und wenn Sie mir dennoch einen Dank abstatken zu müssen glauben, dann tun Sie es dadurch, daß Sie den Platz ausfüllen, aus den ich Sie hier stellen null."

Ich werde Tag und Nacht an nichts anderes denken, gnädigste Marquise."

Die junge Witwe ließ noch immer ihre Augen vrüfeud aus der sausten liebreizenden Schönheit Marguerite Varrels ruhen. Ersichtlich kämpfte sie mit einem Entschluß. Dann hatte sie sich entschieden und versetzte:

Es gibt hier aus St. Chamant keinen Posten, der nicht schon hinreichend mit Dienerschaft besetzt wäre. Etwas Der artiges käme also für Sie nicht in Frage. Aber ich macl)je Ihnen einen andern Vorschlag, Marguerite: ich bin ge zwnngen, ein großes Haus führen und vielen zur Ver­fügung zu stehen. Es ist eine ständige Unruhe aus St. Eha mant, aber in all dieser Unruhe finde ich doch hin und wieder eine Stunde Muße eine Stunde, die ich oftmals gern mit einer Vertrauten verplaudern würde. Mit einem Menschen, auf dessen Diskretion und Taktgefühl ich mich verlassen kann. Mit einem jungen Mädchen, das mir Gesell- schasterin und Vertrante zugleich sein müßte. Würde es Sie freuen, Marguerite, eine solche Stellung in meinem Hause einznnehmen?"

Margnrite Varrel schlug das Herz hoch oben in der Kehle.