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Stand «dicht vlor ihr un-> spürte den leise seltsam aufpeitschenden Dust ihres Haares, den spielender Flachlandwind ihm zuwehte. Und sah in das schöne erregte Frauen- aesicht. Und griff nach ihrer Hand unfo beugte sich tief darüber. Und murmelte:
„Gnädigste Marquise sorgen dafür, daß wir aus diesem Kriege auch noch andere Erinnerungen mit heimbringen, als nur die Bilder d'eö Grauens und Todes. Diesen Tag will ich nie vergessen — nie werd' ich ihn mehr vergessen!"
T (Fortsetzung folgt.;
Charlotte.
Novelle von Ludwig Beil, Hamburg.
(Nachdruck verboten.)
Mer nicht in dem Dorfe geboren war oder sonstwie dorthin gehörte, der konnte sich nicht denken, daß die einsame, von alten) Ulmen jedem Blick von der Landstraße her verborgene Vrlta bc- Ivoh-ut sei. Nur daß die großen, breitbogigen Fenster stets blank Waren und morgens gegen neun Uhr ein dünner RauchstrerfeN aus den: Schornstein gen Himmel züngelte, ließ Menschen hinter den Mauern vermuten.
Welke Blätter, durch viele Jahre angehaust, lagen aus den gezirkelten Parckwegen und verstärkten den melancholischen Eindruck der Stätte. Man sah im Herbst zwei Frauen durch den kleinen, verwilderten Obstgarten gehen, der hinter dem Park seitwärts der Villa lag. Es war die greise Witwe des Hauptmanns Herbert von. Vraundorss, der seinerzeit als Unsichrer einer Schutztruppen- Mteilung in Deutsch-Südwestafrtka verschollen geblieben war, mit ihrer Tochter, einem blassen, ungewöhnlich großen und schlanken Fräulein.
Es schien, die beiden hätten sich nichts mehr zu sagen; stumm ernteten sie, an demselben Baum stehend, das wenige in ihre kleinen Bastkörbe, was hier zu e-nten war: überreife große Glockenbirnen, Aprikosen, deren zarte, gelbwte Samtsarbe seltsam bestaubt aussah, als hingen die Früchte schon jahrelang an den Testen. Sie schauten .sich nach nichts anderen! um und blickten noch nicht einmal auf die Straße. Waren ihre Körbe voll, rauschten ihre Füße langsam und gemessen durch den Blätterstrom in das Harts zurück, die Mutter vor der Tochter, wie sie gekommen waren.
Ter Winter brach herein mit wirbelndem Weiß und fröhlichem Frostwetter hinterdrein. Ta hielt ein Schlitten vor dem Tor, ein blutjunger Leutnant stie^ aus Und nrachte die ersten Fuß- stäpsen in den unberührten Schnee. Hie rrnd da knarrte einer der alten Parkbänme, und eine leichte- Schneelast siel lautlos, vost .Ast Mt Ast zerstäubend, zur Erde.
Er klingelte mehrmals, ehe ihm geöffnet wurde.
Ein Hündchen sprang kläffend an ihm vorbei in die Schneeluft hinaus, wurde aber sofort zurückgcrustn.
Am Abend sahen neugierige Nachbarn und Vorübergehende, daß das ganze Haus erleuchtet War. Man hörte eine kräftige, wohllautende Männerstimme ein Lied von Schubert singen, ein Klavier von. eigentümlich altem, silbrigem Klange, wohl ern Spinett, .be-
S e sie. Gegen Mitternacht erloschen alle Fenster, rmd am m fuhr der Gast, nachdem er im Schlitten herzlich und Abschied von den beiden Frauen genommen hatte, durch das Tors zurück.
Charlotte streifte von einen: kahlen Hcckenästchcn Schnee in ihre Hand und ließ ihn träumerisch zu Boden rieseln. „Mutter, sieh, er schmilzt gar nicht in meinen Fingern," rief sie Är nach. Frau von Braundorff stand schon auf der obersten Stufe der marmonren Vortreppe; ihre Stimme war dunkel und glitt dennoch klar, ohne Widerhall, durch den Park: „Ja, aber komm, wir sollten uns nicht so lange draußen aufhalten."
Vergingen denn nicht stets die Muttertage den Frauen so, als drehe jeniaud vor ihnen eine Sanduhr um, imb sie saßen stumm und gefühllos davor und warteten, bis sie ablief, und gingen schlafen., und tvarteten wieder, daß die Sanduhr sich abermals! drehe? Ihr Leben war eine Kreislinie in einem leeren Feld. Sie standen im Mittelpunkt, und wohin sie sahen, erblickten sie den bedeutungslosen Kreis und ein kahles, nacktes Feld, freudlos lü-ie sie und ohne Schönheit. Was taten die Ulmen im Park? Sie standen da und starben jedes Jahr, weil sie des Grünens Müde wurden! ! !
„Charlotte hatte sich in ihr Zimmer begeben. .Sie weinte. Frau von Vraundorss war eine jener egoistischen Weibnaturen, die innerlich wohl stark genug sind, ein Unglück schließlich 51t überwinden, und die dennoch zu feige sind, es allein zu tragen: die zn herbe geworden sind, um ihre Umgebung glücklicher.sehen zn rönnen als sich selbst — eine Art von Neid, der sie iminerhin vor allzugroßer Selbst^'rbitteruug zu schützen vermag, aber von Außenstehenden leicht als Grausamkeit ohne psychische Ursache empfunden wird. Ihre Tochter svußte, wloran sie litt, lvußte auch, warum sie,
solange die Mutter .lebte, uie einem Manne angehören durfte So blieben beide Dienerinnen eines Verschollenen, eines Toten J die eine hartnäckig, die andere trostlos und schweigend.
Auch der kommende Frühling brachte, wie alle vorherge- aangenen, keine Erlösung dem altcrrrden Mädchen. Ter Jubel der Herzen, den er brachte in blühender Wiederrehr, war für sie nicht mehr. Ms die Tage wärnrer Wurden, nahm sie ein Buch und las es draußen in der Hängematte statt in dem hohen, altmodischen und dunklen Bibliothekzimmer. Es' nahm sie selbst nicht mehr wunder, daß ihr oft in der heitersten Lektüre ein müder Gedanke an den Tod kam. daß es sie mit geradezu schmerzhafter Wonne erfüllte, so zu träumen, und ihr vereinsamter Geist immer mehr einer säst mystischen Düsterkeit zuneigte.
Das Korn reiste langsam in der Sommersonne. Und als es reif geworden war, ging wie ein Donnerschlag die Kriegskunde durch Deutschland.
Die Augen der Frau von Braundorff wurden leuchtend, sie redete viel von nun an, und seit Jahren zum erstenmal trajb sie ans Parktor und sah die Dorsstraße entlang. Da hinaenj Jahnen und Girlanden, da sang es aus und ab, und nur oie Mütter von erwachsenen Söhnen sahen bekümmert drein.
Tie alte Frau ging erregt ins Hans^zurück und ordnete an> draußen ans jedem Torpfeiler müßten Standarten sein, lange, oie fast bis auf die Erde schleiften. . .
Charlotte stteg bis unter das heiße Dach und blickte durch eine schmale Luke in die Baume hinab, die leise tm Sommerwinde schwankten. Die Dorfstraße schien eine Allee von geblähten Fahnentüchern und schaukelnden Kränzen. Geharnischte Lieder, hell gesungen und gern gehört, trug der warme Wind herauf. Charlotte fühlte sich plötzlich allem eigenen entrifferu was sie war, war sie nickst mehr. Eine Welle war über sie gegangen, alles bittere Einsamkeitsgefühl der letzten Tage tvar verschwunden, ^ und ein betäubendes, unnennbar süßes Dangen guoll ihr zum Herzen, so daß sie hinuntereilte und die Mutter stürmisch in bifc Arme schloß.
Aber schon am anderen Tage lourden die Augen der Frau härter als sie vordem wäre::. Charlotte jedoch war fröhlich bei jedem Sieg, ja sie sang an solchen Tagen im Haus umher unö machte sich viel zu schaffen. Feldpostbriefe kamen aus allen Stim^ mungen, und nach einem ariss Charlotte hastig: Leutnant von Möller gedachte darin kurz der genossenen Gastsreundschast, machte lustige Randbemerkungen zum Leben in den Schützengräben iuti>
den durchaus in gesellschaftlich-jovialem Ton gehaltenen _ rieT mit freundlichsten Grüßen. Sie antwortete in ihrer schweren, fast männlich gehaltvollen Handschrift ebenso höflich und mit cttvas geziertem „Damenhumor", den sie ja gern gestrichen hätte, wäre ihr etwas Besseres eingefallen. Als sie den Briefumschlag schloß, errötete sie und trug den Brief heimlich selbst zur Post, trotze dem er nichts enthielt, was ihre Mrttter nicht hätte lesen dürfen.
Noch che sie svissen konnte, ob überharrpt etwas im Herzeir des anderen bestand, worauf sie hätte hoffen können, gab sie sich in stiller Glücklichkeit einem unbeirrbaren Glauben an eine späte Erfüllung ihrer Liebe hin. Dem nicht mehr jungen Mädchen genügte die teils mütterliche einfack>e, teils schamhaft drängende Illusion. Sie dachte kaum an Gegerttiehe, die tvar ihr selbst- verständlich. Sie liebte, liebte wie eine Mutter, die ihren Sohn uocr» verhätscheln kann, der ihr vielleicht völlig entfremdet ist. Man hatte das Weibtum in ihr znrückgedrängt, mm brach alles hervor, was sie noch besaß. Hie sah den Geliebten, entstammt, weil sie ihn in die Flamwe der eigenen Liebe hüllte, in Flanttnen an ihü dachte. Trotzdem sie sich unendlich genesen und herzcnsklar fühlte, vermochte sie nicht zu erkennen, daß sich der junge Leutnant überhaupt keiner Leidenschaft von ihrer Seite bewutz lvar. So baute sie an einer Brücke, die bis zur Mitte des Stromes ging, doch nie das andere Ufer fand ....
Eines Morgens — der Frühling hatte begonnen und Charlotte pflückte tm Park die ersten Anemonen — blieb sie plötzlich ans recht stehen und lauschte. Rief jemand? — Mit pochendem Herzeir lies 'sie ins Haus. Frau von Braundorff stand im Eßzimmer, unbeweglich und mit eisig beherrschten Zügen. Sie hielt mit drer Fingern einen Brief auf der Tischplatte fest, und als Charlotte! cintrat, löste sie die Hand davon und blickte, um die Erregnngj zu verbergen, hinaus in die steilen dunklen Stämme der Ulmen, die in der frostigen Frühlingsluft so nackt und scharf Erde und Himwel tu Streifen schnitten.
Charlotte erkannte von der Tür aus ihre eigene Handschrift.
Gestammelte Worte sprangen aus dem Papier:,,-Empfänger
-gestorben-!"
Ter Brief siel zur Erde und knisterte ein Stück am Boden hin.
„Hauptmann ist er noch geworden," sagte die Greisin dumpf Und hob ihn auf.
Charlotte fühlte, wie eine Wucht von der Decke sank, die sie nicht mehr zu tragen vermochte. Aus ihrer Hand lösten sich die Anemonen, das Zimmer ward ihr gespenstisch leer — — die Uhr hatte ein wildes Gesicht und ihr Pendel ging hin und l^r wie die gelbe, metallene Zunge eines höllischen, grotesken Wesens
— — die Wände kämen ans sie zu-da schrie sie aus und
brach in sich zusammen.


