Ausgabe 
22.7.1916
 
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Das ist ausgezeichnet, Herr Rittmeister, dann schlage ich Ihnen eine kleine Promenade im Park vor. Wir können dabei die Angelegenheit in aller Ruhe besprechen."

Draußen in: Park war es wundervoll kühl. Die uralten Kastanien und Buchen rankten ihre Zweige zu einem dichten grünen Dach ineinander, das nur wenige Sonnenstrahlen durchlieh. ^ .

Jutta Log in einen Seitenweg ab, der zu eurer kleinen Anhöhe führte, von der man einen wundervollen Blick weit iu8 Land hinaus Hatto. Auf einer steinernen Bank ließ sie sich dort nieder, machte eine einladende Handbewegung für ihren Begleiter, neben ihr Platz zu nehmen; doch der Ritt­meister blieb stehen.

Aus ihrer Handtasche nahm sie einen Brief.

Herr Rittmeister man hat aus Rücksicht auf meine Person mir das Entgegenkommen bewiesen, daß an mich eintreffende Briese nicht vorher geöffnet und geprüst werden," sagte sie einleitend.

Befehl von Seiner Exzellenz, gnädigste Marquise. Und Seine Exzellenz hatte umsoweniger Bedeuk'eu, gnädigster) Marquise diese Vergünstigung zu gewähren, als wir alle uns durch die hochherzige Gastfreundschaft in tiefer Schuld fühlen."

Die schöne junge Frau nickte ihm dankend zu. Zog aus dem Umschlag einen zusammengesalteten Bogen, reichte ihn dem Bayer.

Wollen Sie die Freundlichkeit haben, diesen Brief zu lesen, Herr Rittmeister."

Er jedoch streckte nicht die Hand nach dem Schreiben aus, schüttelte vielmehr den Kopf.

Gnädigste Marquise es wiederspricht meinen Prin­zipien, in einen Brief Einsicht zu nehmen, der nicht für mich bestimmt ist."

Mer wenn ich Sie doch ausdrücklich darum bitte!"

Trotzdem! Vielleicht haben gnädigste Marquise die Liebenswürdigkeit, mich mündlich von dem Inhalt in Kennt­nis ui setzen." .

5)ie junge Witwe musterte den vor ihr Stehenden eine Sekunde forschend und mit einem ihr selbst unerklärlichem Interesse. Dann schob sie das Schreiben wieder in den lim* schlag zurück

Wie Sie wünschen. Selbstverständlich. Also in drei Worten gesprochen Sie erinnern sich meines Vetters, der den ersteil Abend Ihrer Einquartierung an der Tafel teilnahm, jedoch am nächsten Tage St. Chamant verließ, Mn.nach Paris zurückzukehreu. Er ist ein direkter Vetter meines verstorbenen Gatten. Ich kenne ihn seit fünf Jahren unb achte ihn als einen Menschen voir ungewöhnlichen An­lagen. Daß er jedoch viel Herz hat, das erseh ich erst aus diesem Brief, zu den: er sich veranlaßt fühlt, um einem' fremden Menschell zu Helsen.

Es handelt sich um ein junges Mädchen, eine Elsässerin, die durch den Krieg Waise geworden ist und die er irgendlvo in Paris kennen lernte. Vielleicht ailch wandte sie sich direkt all ihn um .Hilfe unb Beistand. Nach seiner Schiwerung wäre das junge Mädchen einer solchen Anteilnahme würdig. Und da er als Junggeselle selbstverständlich nicht die Mög­lichkeit besitzt, ihr in ehrenhafter Weise irgendeine Existenz oder Unterkunft zu bieten, so frä'gt er bei mir an, ob ich! nicht geneigt wäre, dies junge Mädchen ihr Name lautet Marguerite Varrel auf St. Chamant aus die Dauer des Krieges aufzunehmen."

Der Rittmerster Brünnow hatte aufmerksam zugehört.

Ich habe vollkommen begriffen, gnädigste Marquise."

Sie zögerte einen Moment, ehe sie fortfuhr:

Im Prinzip hege ich stets eine gewisse Abneigung! dagegen, Herr Rittlneister, Leuten, die ich nicht persönlich! ganz genau kenne, in meinem Hause Unterkunft zu ge­währen. Doch berechtigt mich vielleicht dieser Spezralsall. meine sonstigen Bedenken beiseite zu stellen. Ich habe daher überlegt, welche Art von Beschäftigung diese Marguerite Varrel übernehmen könnte und bin daraus verfallen, ihr sofern ich dem Wunsch meines Vetters entspreche die Stellung einer zweiten Kammerzofe bei mir zu überlassen."

Sehr wohl, gädigste Marquise."

Nun habe ich Sie deshalb um diese Unterredung gebeten, Herr Rittmeister, weil ich nicht-genau informiert biir, unter welchen Gesetzen wir in St. Chamant augenblick­lich leben und ob ich ohne weiteres berechtigt bin, eine bisher nicht zu uns gehörende dritte Person bei mir anf-

zunehmen. .haben Sie also die Liebenswürdigkeit, mich dahingehend aufzuklären."

Der Rittmeister Brünnow hatte stumm zugehört. Jetzt glitt über sein männlich schönes Gesicht eine leise Röte.

Gnädigste Marquise sprechen voll Sondergesetzen, denen Sie augenblicklich unterstehen. Dazu nlöchte ich be­merken, daß wir deutschen Offiziere vom ersten Tage an be­müht gewesess sind, jedes derartige Sondergesetz soweit es sich um die Persoll gnädigster Marqulse handelt entweder völlig auszuschalteu oder in schonendster Weise anzuwendell. Ich persönlich sehe also fein Bedenken, das dev Ausnahme dieser Marguerite Varrel aus St. Chamant ent- gegenstehen könnte und bin auch überzeulgt, daß Seine Exzellenz in diesem Punkt mit meinet Ansicht harmoniert."

Die schöne junge Frau hatte sich erhoben, war dem vor ihr Stehenden eineil Schritt näher getreten.

Dann dailke ich Ihnen also dafür, Herr Rittmeister. Und nlöchte gleichzeltig Gelegenheit nehmen, diesen Dallk noch zu ertveitern.

Was Sie eben erlvählltell, hat sich llicht nur mir, sondern allen Betvohliern voll St. Chamant als Erkenntnis von der ersten Stunde Ihrer Einquartierung anfgcdrängt. Sie wissen, Herr Rittmeister, ich lebe seit fünf Fahren in Frankreich, lese französische Zeitungen, atme französische Lllst, stehe unter bem unmittelbaren Einfluß einer rein französischen Umgebung. Wenll Sie ilvch dazu rechnen, daß ich nach Deutschland hinüber dllrch den Tod meinev Eltern keinerlei enge verwaridtschaftlick-e Beziehungen mehr habe ... so lvird Sie das Geständnis llicht wnndcr- nehmen, daß ich mich bis zum Ausbruch dieses Krieges innerlich scholl fast als Französin fühlte. Ich glalibe, eine Frall ist in nationalell Fragell ja stets iildolenter als eilt Mann. Was ich um inich sah, lvas ich hörte und lvas nliv begegnete in diesell fünf Jahren das war die bestrickende Ritterlichkeit dieses Landds llnd der schrankenlose Respekt vor der Frau; nnb dieser Respekt wurde llicht einmal da­durch getrübt, daß ich doch eigentlich eine Deutsche von Ge­burt war. Sehen Sie, Herr Rittmeister so haben die letz­ten fünf Jahre meines Lebeils mich eigentlich sehr wenig all mein ursprüngliches Vaterland denken lassen; Tanseuden von delltschen Frauen gilig und geht es genall lvie mir.

Und dann kam dieser llnglückselige durch nichts gerecht­fertigte Krieg. Dann war es plötzlich, als wäre der Begriff der französischen Kultilr und Ritterlichkeit nur eine Farce gewesen. Danil geschah es vor meinen sehenden und entsetz­ten Angeil, daß diese Kultur wie spröder Lack vön dem Ge­wissen eiiles ganzen großen Volkes absprang. Ich selbst habe daruilter nicht zil leiden gehabt; aber ich habe die französi­schen Zeitungen seit Beginil des Krieges mit einem gewissen selbstquälerischen Interesse verfolgt und habe eine solche er­drückende Wucht von Gehässigkeit und Revanchelnst unb Verlogenheit gegen alles deutsche Wesen erkannt, daß in mir seitdcin eine Wandlung vorgegangen ist. Innerlich natür­lich nur, aber desto vollständiger. Altes in mir empört sich gegen diese Art voll Lügeupolitik gegen das deutsche Volk. Und wenn Sie jetzt vielleicht auch darüber lächeln, Herr Rittmeister vor Ihren sehenden unb doch nichts ahnenden Augen ist eine große Wandlung in mir vorgegangen. Ich fühle mich wieder als Delitsche; ich habe mein Vaterland lviedergeflllld'eli. Und läge nicht da oben in ihrem Kranken­bette die alte Frau, der meill Herz gehört, weil sie diei Mutter meines verstorbeneil Gatteli ist ich gebe Ihnen lnein Wort, Schloß St. Chamant wäre verwaist und ich wie- der in Deutschland!. So aber darf ich Meinen Posten nicht lassen; so muß ich ausharren und muß mit Rücksicht auf lneiue Schwiegermutter vor meinen Lellten und der Welt auch weiterhin die Rolle der französischen Renegatin spielen'.

Ihnen aber, Herr Rittmeister, der Sie mir als erstev deutscher Offizier seit Beginn dieses Krieges und überhaupt seit langen Jahren wieder begegneten Ihnen fühlte ich! mich zll diesem Geständnis moralisch verpflichtet."

Ganz ruhig, ganz kühl, lvie es ihre Art war, hatte sie begoilnen zll sprechen. Bis sie allgemein erregter wurde, bis ihr zuletzt die Worte förmlich über die Lippen hasteten'. Als müsse sie sich vor unerträglichem Druck befreien; als sei es eine Erlösung, eine Gesundunlg, eine Pflicht vor sich selbst.

So sprach sie, so flaurjeu ihre Worte, so empfand sie auch der Rittnreister Brürmow.

Unb stand vor ihr auf der kleinen All höhe, vön der man weit ins Land hinaus einen wiW'ervöllen Blick hattet