Samstag, den 22. Zuli
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Schicksale.
Noman voll Heinrich Kornfeld.
(Nachdruck verboten.)
(Amerlbanisch«» Copyright by Carl Duncker 1911)
tFortfetzuna)
Jeden Tag strahlten die beiden Kronleuchter auf, überwachte voll der riesigen Kredenz her der Haushofmeister das Servieren un.d Mservieren der Diener.
Jeden Mittag liest sich die junge Marquise von St. Chamant von Seiner Exzellenz dem General von Lüssow die Hand küssen und zur Tafel führen', verlebte sie eine Stunde angeregter Unterhaltung im Kreise ihrer deutschen Wste, versah sie die Pflichten einer Hausfrau.
Jeden Mittag war jdas so. Und ofk'-anch sunnnelte sie abends die Herren um sich, gestattete ihnen die Zigarre oder Zigarette. Und es war nicht so sehr Vorsicht' vorder sralizösischen Marquise, als vielmehr ungeschriebenes Gesetz, daß in Gegenwart der Hausfrau keiner der Offiziere ein Wort vom Kriege und von Kriegsdingen sprach. Höchstens — da st hin und wieder einmal der General von ILüssow oder sein Stabschef mitten ans angeregtem Geplauder abgerufen wurden, wenn der Morseapparat arbeitete oder vom großen Hauptquartier telephonische Befehle und Anfragen kamen. Sonst aber herrschte ans St. .Chamant eine Geselligkeit großen Stils. Und man hätte sich fast im tiefsten Frieden fühlen können, wäre nicht drüben von der Linie der Marne her ununterbrochen das monotone -Knarren und Knattern und Dröhnen des Infanterie- und Geschick-lämpfes herü'bergekommen.
Mer auch dieser drohende Unterton ward der jungen Marquise allgeinach zur Gewohnheit. Sie hörte ihn kaum noch. Ja — »venu dies murrende Knarren ans der Ferne her ural eilte Stunde schwieg, dann horchte sie ans: hoch- geschreckt durch die ungewohnte tiefe Stille.
Aber inmitten all dieses Trltbels, all dieser Pflichten weitgegrifsener, großzügig gewährter Geselligkeit . . . fand
i ie doch stets ein paar Stunden am Tage, wo lliemand sie kören durste, wo sie am Bett ihrer Schwiegermutter, »er alten Marquise de St. Chamant saß.
Und was die beiden Frauen da miteinander sprachen, wieviel Liebe und zärtliche Sorgfalt da gegeben, wieviel Liebe da entgegengenommen um erwidert wurde .... * Ute hat es jemand gesehen oder gehört....
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„Was sagen Sie doch dazu, Brünnow? Habe ich Ihnen AuVtel versprochen?"
Der Rittmeister Brünnow nahm die Hacken zusammen vor Seiner Exzellenz dem KommaiMevenden General.
„Tatsächlich — 'Exzellenz sind ein unheimlich sicherer Prophet. Ich hätte im Leben nicht für möglich gehalten.
daß wir mit einem einzigen Bataillon bayrischer Landwehr die Höhe317 gegen die anstürmenden Lankashire-Fttsilter« halten würden. Ein ganzes englisches Eliteregiment gegen unsere paar hundert Mann. Mer luie gesagt — bayrische Landwehr! Und nicht allein der Sturm abgeschlagen, sondern noch obendrein nachgestoßen und das ganze Vorgelände in sicheren Besitz genommen. Es ist kolossal, Exzellenz."
Herr von Lüssow nickte.
„Wenn man bedenkt — keine jungen Kerls, die nichts zu verlieren haben, sondern alles Familienväter: Männer, die über die erste Jugend längst hinaus sind! Und gehen gegen das seindliche Feuer an, als ob sie überhaupt zu weiter nichts geboren wären, als englische Füsiliere tu ^h'tnib und Boden zu stürmen! Sehen Sie, lieber Brünnow — lmd wenn ich hundert Jahre alt werden sollte, diese Episoden am Rhein-Marne-Kanal inmitten meiner süddeutschen Truppen — die werde ich nie vergessen! Das sind hohe Feiertage des Lebens, die einem das Schicksal gönnt?"
Der Rittmeister Brünnow wollte gerade eilte zu- frmrmettbe Erwiderung geben, als es an der Tür klopfte. Eine Ordonnanz meldete, vom Schlosse drüben sei ein alter Diener mit einer Botschaft an Herrn Rittmeister Brünnow.
Der Schwere Retter wendete sich an den Höchst ko min an- dierenden.
„Gestatten Exzellenz, daß ich tnich einen Augenblick! entferne?"
„Mer bitte; selbstverständlich, mein Lieber. Wer iveist, vielleicht handelt es sich um irgendeine wichtige Angelegenheit. In diesem Falle haben Sie sogar eine volle halbe Stunde Urlaub. Nötigenfalls weiß ich ja jederzeit Sie in wenigen Minuten wieder zu erreichen."
Der Rittmeister schlug die Hacken zusammen, verließ das Zimmer. ,
Draußen auf dem Flur stand der alte Frederic.
„Nun worum handelt es sich?"
„Frau Marquise läßt Herrn Rittmeister doch bitten, wenn möglich sofort einmal herüberzukommen, es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit."
„Schön: ich konnne sofort." '
Und fünf Minuten später beugte sich der Rittmeister Brünnow über die Hand der jungen Marquise de St. Chamant. . .
„Seien Sie vielmals bedankt, Herr Rittmeister, und verzeihen Sie, wenn ich Sie etwa in dienstlichen Obliegenheiten störte." f
„Keineswegs, gnädigste Marquise."
„Sie haben also eilt paar Minuten Zeit für tnich?"
„Exzellenz hat mir eine volle halbe Stunde Urlaub gegeben, die gnädigster Marquise selbstverständlich zur Ber- füguna steht."
Etn Lächeln überrann ihr schönes Gekickt. >


