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ver graue Spion.
Novelle von Ludwig Beil.
Nachdruck verboten.)
Erdgeruch, gärender, fauliger Erdgcruch, wie in einem Keller, der nie gelüftet werden kann, lueiX er nur ein 'Loch nach draußen. Kat — nachM das unaufhörliche Getröpfel über einem, der unend- lrcl-e sästüpfrige Schlanrin tagsiiber, Wasser gibts genug, nur keinZ -um funken. . . . Und dann das einige Postenstehen und Ablösen. Wer gab einem zu rauchen? Wer erzählte etwas? Die drei Mann und ihr Unteroffizier — was holten die sich noch zu erzählen, lvcnn sie vier Wochen lang in demselben Erdloch kauerten und nichts erlebten, nichts sahen, als die eignen blöden, verstummten Angen in den kalkigen, erkrankten Gesichtern? Es ivar unfaßlich, ivas m<m er- lue ü rnan nichts anderes tim konnte, als ivachen, husten, frösteln und Brotrinden kaufen. Als man mit den Kameraden auszog, „Bive la France!" rief, sich betrank — da hieß jeder Tropfen Blut „Frankreich!", jedes Zähneknirschen, jeder Fluch, jeder Fcmst- sckstag auf den Kvntinentisch „a Berlin, a Berlin!" — Nun lag man hier, vier vertane Wochen, und hatte noch seinen ersten Schuß, zu tun. Hinten, dreißig Kilometer hinten, lag die Armee, lag Frankreich, alles . . . Wo kämpfte sie nur, wie stands an der übrigen Front?
Ei', der Unteroffizier Dupont, hatte den Auftrag erhalten, mit drei Mann hier zu wachen. „Sie haben nichts weiter zu tun, als zu lvartcn," hatte ihm der Lenmant eingeschärft, „Sie schießen nicht, verstanden? Auf keinen Fall! Lassen sie die Leute ein kurzes Grabenstück anfwerfen, nur für drei Mann, für Sie und die beiden Ablösungen. Der vierte steht ja Posten. Instruieren Sie den Mann aber vorher genau. Er darf sich weder erheben noch patrouillieren I noch sich überhaupt unnötig bewegen, auch nachts nicht. Da er r Her ade auf die Aichöhe zu liegen komint, damit er die Ebene ganz überblicken kann —, Sie ersehen es hier aus meiner Skizze — würde er in der Dunkelheit sofort als Silh!ouettc gegen den Horizont wahrgeuomincu ivcrdeu föuiteii, und der ganze Plan wäre vereitelt. Nehmen Sie jich die tüchtigsten ihrer Leute mit, Pfänner, die sich beherrsche" können, folgen Sie dem. bereits von Pionieren gelegten Tclephondraht, und da, lobtet zu Ende ist, graben Sie sich ein. Noch einmal, mein lieber Unteroffizier, wird ans keinen Fall geschossen!"
„Darf ich mir eine Frage — ?"
„Bitte, Herr Unteroffizier!"
„Wozu wohl diese Maßregel da ist?"
Der Leutnant schmunzelte und klopfte ihm aus die Schulter: „Mobilmachung, den Säbel voni Leder reißen, über die Grenze rennen uub die Deutschen bis nach Berlin treiben — so haben tmr Franzosen es uns immer gewünscht. Xe va pas, mon eher — der Krieg ist ein Gednldspiel, und eins mit hohen Einsätzen. Welche meinen Sie wohl, Herr Unteroffizier?"
„Blut, Herr Leutnant." Die jungen Augen glänzten.
„Ach nein, Nerven, mein Lieber. Tie da falten, erleben nicht das Grausigste, aber wir, die wjiv sic fallen sehen! Etz ist
oft ganz verkehrt, iix'iui kn an einem Soldaten sagt, wie groß die Verantwortung seinem Postens ist. Das kann ihn einerseits un-
iie ist planlos und zersplittert nur unsere Einzelkräfte. — Nun gehen ^ie, wir brauchen Ihre Geduld, nr'ehr darf ich Ihnen nicht sagen."
Dupont war Schachspieler. Er überlegte: eine Figur schiebt man nicht so weit allein vor. Er griibelte. Er hatte erfahren, wo dre letzten Vchlachlen stattgefunden. aus Feldpostbriefen wußte er, m die Regimenter seiner bei der Mobilmachung zersprengten Ka- Uixuaden lagen. Er zeichnete sich ihre ungefähre Stellung auf, berechnete die Wirkung ihrer Artillerie. Punkt häufte sich zu Punkt, Lnue zu Linie. (fr, der durchsröstelte und nervöse Geistesarbeiter ans nnsamiem, rncit vorgeschobenem Untcrossizierposten versviirtc aus der muh,am im vcrschlainmten Unterstand verfertigten Zeichnung eUvas von der sparsamen Schönheit der Strategie'!
Hier also stand er. Als Mittelpunkt eines Halbkreises, den ein ganzes Armeekorps bilden mußte. Dreißig Kilometer hinter und rechts und lmks neben ihnr standeil demnach die Front, eine Aus- yol-!uuo>, eisil L>ack für den arglos naheudei: Feind
^T^L^elt, in Patrouillen. Auch Flieger knatterten hoch über den Kopien des Postens. Endlich!
Dupont telephonierte, er habe Patrouillen und Flieger gesehen. u J a
Ruhig kommen lassen, war die Antwort. Stets in Deckung bleiben, nicht schienen.
Ob er einzelne gefangen nehmen dürfe?
^^Zotteswilleil nicht,! Ruhig bleiben, nichts merken lassen!
Nachts horten )\t tagende Schritte. Sck-leick)erschritte Aefte- ^lacken rm kleinen Wald dort, links'. Dupont schlief nicht. Ter Posten fieberte heittg urrd nrußte abgctöst werden. Dupont tele- phonierte iim eincii neuen Mann. Niemand schien dort zu versteht Ob an der lLntung ivas sei, fragte inan. — Nein, er- könne alles gut
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D^r Ersatzmann fi’ir den Kranken tvurde bewilligt.
Der Gewxhrkolben des Postens stieß dreimal auf die Erde — das verabredete Zeicksen.
„Wäs ist deun nun schon wieder?"
„Die graiie EKßtalt — dort — die grairc Gestalt —"
„Welche graue Gestalt — Mensch, nun seien Sie nicht so wasch- lappm!" '
Doch, der Manu hatte recht: drüben, aus dem Wald mußt« tte gekommen sein. Mit bewegungslosem Oberkörper scbien sie lanq- w'» liber die Weile zu schreiten, plötzlich, mitten ans der großem flache blieb jf. stehen. Man unterschied einen Helm, einen Mantel, Joint nichts rlnheimlich war die Starrheit, mit der. sie nach den LJeidc'n hinzu sehen schien, denen das Herz im Leibe stockte. Dupont fühlte, wie er zitterte.
Was war denn?
Eiil fremder Posten, ein Spion vielleicht, weiter nichts.
Er war kopstos.
Er telephonierte flüsternd, er fwbe eine graue Gestalt
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3mn Teufel ja, er sei nicht zu gebrauchen. Man werde morgen Soldat? fWen - ^"'er, der Gespenster sähe, das sei kein
Er bat, man möge ihn noch belassen san,^nm-h!mn7^ ^Eicht. nun satte er sich aber zu-
Der Posten, der eben abgelöst worden ivar, meldete, .die Gestatt sei wieder zurncigegangen.
^Wic - ziiriickgegangen?"
^. Solange rückwärts gegangen, bis sie an dein Wald war. Aber lmincr das Geiicht nach uns zu."
... « Unmöglich! Wie kann jemand m dem holperigen Heideboden rnmvarts gehen?"
„Ich hätte die Gestalt doch einmal von der Sette, also für Angenbllcke ichnialer werdend, sehen müssen, ivenu sie sich iimgedreht hatte^tLie schien nberl-aupt nicht zu gehen, sie schwebte zurück'"
.. Dupont sab dem Posten ins Gesicht, fragend, »wie ecfkrrrt. Ta m> otc Kerze um und erlosch. Dupont faßte den Mw^chei der: -chulter und llufterte tni ganz heiser ins Ohr:
„Das in eine — Puppe!"
(fr nahm sich vor, sie zu vernichten.
Er mußte sie vernichten.
Sie würde wiederkommen. Er konnte sich nicht erklären, was könnte, so weit von der französischen Front. Ob sie nur Uebungeu unt ihr anstellten? Daß etz eine List sein ronlitc, icmr a>Egeschlossen. Aber er mußte sie vernichten. Es war brne Tat gegen den Feind, wer konnte ihm die ver bieten? Er schoß in nicht und nahm auch keinen gefangen.
Als der Posten in der nächsten Nacht meldete, nun sei sic wieder da, kroch Dupont acttost und gefaßt ans dem Unterstand. Sein, -.mi stand noch nicht klar vor ihm, aber was brauchte er da noch zu überlegen? Er nahm kein Gewehr mit, auch Koppel itnb Settenge-, wehr legte er ab.
Der Wind wehte stark. Es war eine klare Mondnacht. Ein Geraschel war un fernen Walde, nur manchmal vom ©urteil und Zausen des Windes übertöut.
Die Puppe stand ruhig und regungslos da, te<o sie gestern, nacht gestanden, mitten auf der Heidefläche.
Das scharfe Gestrüpp schnitt dem Heraniriechcnden Handballen und Finger wund. Er zitterte vor Erregung, sodaß er aus den Leib hatte sinken mögen ....
Drähte sah er im Heidekraut blinken, die liefen von der Puppe nach dem Walde. Der Wind hörte plötzlich auf, alles war still. Es war, als warte die Erde, der Mond, der Wald atemlos ans seine Dat.^Er horte nur sich kriechen und atmen.
Wozu kriechen? Das ging ja viel zu langsam. Fm schien, das Blut svollte ihm den Hals z^ischnüren.
Hastig kniete er ans. Sprang auf die Füß^: und rannte be-' sumungslos unt vorgeitreckten Armen in die starre granc Gestalt hinein . . .
Da löitc sich vom Waldsaum der Schuß, der ihin allein galt, der aus ihn allem gewartet hatte ....
Der aber, der den Schuß abgegeben, sttirzte hervor und scmd, den Toten bei der nmgcsunkcnen Puppe. Er hatte die Fingen noch unter den leeren Helm hineingekrallt, als ob Augen darunter gewe,en waren . . .
Vermischtes.
* S ch o r l e - M o r l e. Jeder weiß, was Schorle-Morle ist: em ie zur Hälfte aus weißem oder rotein Wein und Mineral' wasser gemischtes Getränk, das namentlich an heißen Soinuier- tagen sehr erfrischend wirkt. Was das nlerkivnrdrge Wort 'der bedentet, das ivissen viele nicht. In Snddentschlaiid leitet man es vielfach vo,i deni französischeii Allsdrilck „Touj<mrs ramonr“ \o.mmcc die Liebe) ab, eineni Trinkspruch, der im Schwäbischen ww ,Schourlamour" lautete. Man muß aber diese Dcntnng fallen lassen, beim es läßt sich sicher nachiveisen. daß der Ausdruck „Scyorleuiorle" gilt deutsch uub keineswegs eine Rerballhormmg ist wie der .General Knusemong" (que nons aimous). Schon um dys Jahr 1600 begegnet uns im deutschen Rotwelsch der sstu-' druck .Schory Mory" in der Bcdcutnng „Mischnna, RermischuuV ur
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