Schicksale.
Noman von Heinrich Kornfeld.
(Nachdruck verboten.)
(Amertkanifches Copyright by Carl 'Dundur 1914.)
(Fortsetzung.)
Dröhnend" und donnernd brauste der deutsche Heilruf durch den schweren stickigen Prunk des französischen Bankett snales Unb einer nach dem anderen der Offiziere kam um den Tisch herum und trat zu der Marquise und klirrte die Hacken zusammen und streifte klingend sein Weinglas au dein ihrigen.
Für Minuten ein Gewühl von feldgrauen Un.isormen deutsche Laute ringsum — deutsche scharfblitzende Augen deutsche Männer als Repräsentanten deutschen Heldenmutes.
Und mitten dazwischen — in der Schönheit und der Zugend ihrer sechsundzwanzig Jahre — die Marquise de St Chamaut.
Abseits aber vom Gewühl der Uniformen stand Alphonse de Marsillargues — blaß bis in die Schläfen: einen scharfen schwer zu deutenden Zug um die Lippen, als wolle er seine Kusine zwingen, die Augen von dem bunten klirrenden Wirrivarr loszureißen und zu ihm hinüberzusehen. Sie aber hatte in dieser Stunde ihren Pariser Vetter vergessen.
*
Alphonse de Marsillargues wanderte ruhelos in seinem diskret gehaltenen und doch behaglichen Arbeitszimmer auf und ab.
Vor zwei Stunden erst ivar er nach Paris zurückgekehrt, hatte ein' Bad genommen, sich umgezogen und ein wenig gesrühstückt und nun wartete er.
Eine entzückende Gareonwohnung stand ihm zur Verfügung tut vornehmsten Teil von Paris — in der tue Cast'gtione, zwischen der rue St. Honore und der Placke Vendome. Wenn er auf dem Baltou — eine unwahrscheinliche Ausnahme in Paris — hinaus trat, besaß er einen eu tz ückend en Ru ndblick
Hub zu dieser somckgen Vormittägsstunde hätte es wohl manch einen gereizt, die erfrischende Prise, die von der Seine herüberwehte, einznatmen.
Alphonse de Marsillargues aber hielt die Fenster geschlossen Er dachte nicht an die Sommersonne, die Paris übergoldete, er dachte nicht an die Seine und die Riesenstadt, die unter ihm atmete, deren Leben ihn sebst in der Stille seiner Gareonwohnung wie ein monotones, nie unterbrochenes, dumpfes Brausen von ferne umbrandete . . . die Unruhe trieb ihn auf
Ein paarmal schon hatte er sich in den Sessel geworfen, um sofort wieder auffuspringen.
Ein paarmal schon hatte er sich eine Zigarette angezündet. um sie nach den ersten Zügen in den Asckchecher zu werfen.
Unrastvoll arbeiteten seine Gedanken. Tausend Pläne und Möglichkeiten erwog er und kant doch immer und immer wieder zu der einen einzigen Folgerung: — Margüerite mußte die Rolle übernehmen!
Und gerade war er soloeit in seinem Gedankengange, als der kleine Groom, den er sich zur Bedienung hielt, an^ klopfte und meldete:
„Monsieur te docteur Darragon!"
Im selben Moment schon wurde das kleine Kerlchen beiseite geschob?ii und der Doktor selbst kam herein.
Kam - nein, stürmte aufgeregt in das Zimmer. Aufgeregt, wie er stets nwr, der kleine korpulente Herr von unbestimmbarem Alter, dem der rabenschwarze Spitzbart und das ein toenig langmähnige verwilderte Haar el>er den Anschein eines Musikers als eines scharfsinnigen nüchternen Finauzberaters verlieh.
Schnietterte die Tür hinter sich ins Schloß. feuerte seinen Schlapphnt in die Sofaecke, umarmte Alphonse de Marsillargues stürmisch und schnietterte mit seiner durchdringenden Diskantstimme:
„Mphonse — hol's der Teufel, aber 's ist ein wahrer Segen, daß Sie endlich wieder hier sind. Wenn ich mal über den Pont de Solserino wanderte, dcnrn sah ich unten in den schmierigen Wellen der Seine alt die. Erinnerungen an unsere gemeinsam verlebten schönen Stunden davon- fchwimmen! Mann — Paris ohne Mphonse de Marsillargues ist ein Erbbegräbnis! Paris ähnelt sowieso in diesen Kriegszeiten einer schonen Frau, die den ganzen Kranz ihrer Verehrer verloren hat. Und toeim auch Sie, Alphonse. diesem Sündenbabel noch den Rücken kehren — also wie gesagt, ich verspürte schon alle Anlage in mir, ein Hypochonder zu werden! Den Teufet auch, Alphonse — ein Segen, daß Sie endlich wieder hier sind!
„Und natürlich danke ich Ihnen auch tausendmal für Ihren Brief. Mann — Sie wissen ja gar nicht, wie neugierig Sie mich damit gemackü haben. Was ist denn los? Und warum sollte ich denn zum Teufel Ihnen nach St. Ehamand keine Briefe schreiben?"
Das alles sprudelte er in beäugstigeirdenr Tempo über die Lippen, wobei er noch nach seiner alten Gewohnheit die Hälfte der Worte verschluckte. Der Kopf konnte einem wirr tverden, wenn man dem Doktor Darragon ein paar Minuten lang zuhörte. Aber Alphonse de Marsillargues kannte das schon.
Er hatte sich mittlerweile wieder in dem Sessel niedergelassen und die ewige Zigarette angezündet, ohne die er nun einmal nicht leben konnte.
So unvermittelt, tvie der Doktor Darragon losgesprudelt war — jo unvermittelt verstummte er auch wieder, warf sich aus ein Stuhl, saß vorgeveugt, die gefaltetetr Häirde ztvischen den Knien und musterte in fast kindlich wirkender Neugier das gelassen kühle Gesicht seines Kumpanen. ' •
Der schlug nachlässig ein Bein ü,ber das andere.


