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Orlowska die sbditbtr. Die ersten Fraumhände nach hundert Tagen. Habe ich gesagt, daß mich mein Unteroffizier meiner Kompagnie gewarnt hatte, die Orlowska stünde im Verdacht, russophil Kn sein? Ich schlug die Warnung in den Wind. Teufel ucdji mal, so verrückt macht mich kein Weib, dass ich nicht wachsam bliebe und im Moment der G.ch.hr lvüßte, was ich zu tun habe. D^i Tage waren wir im Schloss Drei so gottselig ruhige Tage. Wie wenn es keinen Kriegs mehr gäbe. Ja, ich war glücklich mit dieser Frau, aber am dritten Tage kam doch die Sehnsricht nach Bewegung und Taten über mich. Morgen sollten wir fort. Wieder an den Feind. Ich nahm Ab^ schied von der Orlowska. Sic rezitierte polnische Gedichte. Dann gab sie mir einen Rosenspätling. ilnb zum guten Ende lasen wir in der Bibel. Sie hatte oft so verstiegene Einfälle. Weist Gott, wie es kam, in einer weichen, lächerlichen Stimvttmg, vielleicht aus dem Gefühl heraus: Du wirst nun lange nicht mehr neben einer schönen polnischen Aristokratin sitzeil und von heißen und sentimentalen Tin gen reden, sagte ich. wohl auch, weil mir die Warnung des Unteroffiziers einsiel, plötzlich: -
„Musja, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verraten haben!" Ich vergesse nie die All geil, die mich nach diesen Worten trafen. Ich habe ihren Sinn damals nicht verstanden:! heute weist ich, das; sie die Angst vor dem allfgedeckten Geheimnis, das: sie Beherrschung und Verzweiflung, Schwanken, Rene und Festigtcit ausdrückten und — vielleicht auch Liebe — ja, auch ein bißchen Liebe. Musja Orlowska küßte mich, auf die Stirne uub sagte nur ein Wort: ,,Ich Hab dich wirklich lieb — ick) kann nicht, anders» . . . ." Dann ging sie, und wir sahen sie diesen Abend nicht wieder. „Ich kamt nicht anders. . ." - Herr ich habe über dieses Wort nachgedacht und konnte leinen Sinn finden. Heute verstehe ich es. Damals wies ich jeden Verdacht von mir, und letzt stand ich in der stillen Allee und sah nach dem Fenster dev Orlowska. Müßige Sorge. Eine Viertelstunde noch blieb e# hell in ihrem Schlafzimmer. Ein ruhiger gleichmäßiger Schein. Nein, die gibt keine Lichtsignale. Dann fällt das sanfte Licht in sich zusammen. Alles still, alles dunkel. Ich höre die Uhr in, Ziwmer der Orlowska eine Stunde anzeigen. Ich wundere mich noch einmal darüber, dast eine so kultivierte Frau ein so geschmackloses Spielzeug duldet. — Sie müssen wissen, bei jedem Stundenschlag krähte und piepste ein Hahnerlschrei ans den, Uhrwerk. Na, mir kann's gleich sein, und schon will ich ins Dorf hinaus zur Truppe. Morgen! geht's ja los. Ta — tausche ich mich — aus dem Zimmer der Orions kcv wieder das vermaledeite Hahnengekreische. Nanu? Ich halte den Atem an. Nach etwa 10 Minuten wieder das Hähnengeschrei. Deine Uhr geht mir etwas zu rasch, polnisches Weib! Ich stürze in ihr Zimmer, gar nicht bemüht, Meine Schritte zu dämpfen., hastig, mit den Sekunden ringend, stürze ich hinauf, trete die Tür ein — da sitzt die Orlowska, schaut ins Dorf hinunter, sieht! jede Bewegung der Truppen, hat die verflixte Hahnenuhr vor sich und läßt eben den Hahn in einen abgehobenen Telephon Hörer irgend cin verabredetes Signal krähen. Wir wußten natürlich nichts von der heimlichen Telcphoulcilung. Musja ist garnichit erschrocken, sie sagt ganz still: „Ich muß — aber Ml Hab dich lieb, schone mich!" Ich nehme den Revolver. Sie sieht mich fassungslos an: „Tu lieber, brauner Bub .... ich bin noch so jung. . . . Tann knall ich einen Alarmschuß los. Sie begreift es nicht, daß ich sie preisgebe. Der erste meiner Leute ist an der -Dille. Ta schreit die Orlowska kreischend um* der Hahn aus der Uhr: „Ehe der Hahn zweimal kräht, werde ich dich dreimal verraten haben - - brauner Bub. . . M
~ .-^„Orlowska wurde als Verräterin erschossen. Es gab keinen Strick für — für — ah ihren, schönen Hals. Eine Stunde! später nach der Szene in, Schlafzimmer überfielen uns die Russen von dem niedrigen Walde her. Es war eine "harte Arbeit, sie znrückznschlagen.
Später habe ich noch ein paar Gefechte mitgemacht. Nächt- Ucherlvene c-\t in Dörfern, so um das Morgcnlgrancn, Hab ich gehorcht, ob Mj leinen Hahn krähen höre. Es krähte kein Hahr, der Drlvwsta nach niir. 9iie - ich habe nicmals dort oben einen Hahn gehört, ^n den Karpathen wnpde ich verlvnndet. Nicht schlimm, ^rnstfch-nß Be,nahe ganz heil wieder. Ich ran, nach Prag ins Lazarett. Und — nun ko>nmt das Tollste. Horchen Sie gut zu. Einen Schluck zuvor. Profit!
xSfi, in Prag also. Ich kannte die Stadt nicht. Hatte nrich oft gefreut darauf, einmal in all die Romantik hineinschauen zu! dunen, von der man so vom Hörensagen, aus Romanen und auch vom .Milo per ttieiß. ^5-0 e,n Schuß Romantik warna immer iw uftr. Aber, daß es so verworrene Dinge geben könnte Sie dmren mrch darum nicht für einen Träumer halte!,, ich hao wirk- trch nur ans der Kadettenschnle ein Dutzend blödsinnige Gedichte gemacht — also; wie ich zum erstenmal spazieren gehen durfte, ließ
ni ben, Hradsehin führen, buiniwelte durch das Älch,in,stengäschen, wo d,e Puppenhäuser so winzig sind, daß man f,e an ihren -Schornsteinen um den Hals nehmen kann, und lvie es lang,an, Abend wurde, da kam ich ans den Alistädtec Ring Ich S am Rathaus ansehen, von der män
°V^"bstbnch was hört. Hab ich Ihnen das schon Kühen ÄW lC Ä K,t nach der Orlowjs'ka keinen Hahn wie der aä sie^ek ^ Ihnen gesagt. .Es war so ein Abend IW wenb kennen lernten. E>,n ganz unwirklicher Abend. Ich also schau mir ine hundert andere Gaffer die alle Spielerei nhr
an: freu mich über dre Mchpen, sehe zu, ime der lwlzgeschnitzte Tod läutet, und —> na, ich Hab' im Kugelregen gestanden, Sie dürfen nicht glauben, daß ich weich bin — auf einmal sehe ich, wie das! dunlliw Hähnchen da oben sich bewegt. stdun ging cilteS blitzschnell. Der wird doch nicht krähen, denk ich noch, und es! wird
Mir eiskalt. Aha, die Munde-doch wieder Fieber! Und da
kräht daA Biest schon. Ganz deutlich. Der erste Hahnenschrei! In dieser Sekunde springt — Herr, ich bin nicht verrückt, ich hab'S deutlich gesehen — springt die Orlowska vor mich. Sieht mir mit qualvollen, gemarterten Augen ins! Gesicht, und das eine Sfnge ist döse Urne die Pest. Dreimal tanzt das Weib rasend schnell vor nnr Mn und her. Jedesmal gibtK mir einen Stich tm! Kbps. 'Das dritte Mal hör,ch sie yanz deutlich lachen, und ihr Lachen nimint der Hahn auf und kräht zum zweitenmal. Und, was' glauben Sie, kräht er? „Brauner Dnb", kräht er. Dann ist der Spuk ans. x-,e, bte tote Orlowska, war in Prag, und ehe der Hahn zweimal krähte... Ta packt mich ein Kamerad am Arm: „Mensch," schreit er, „was ist denn mit dir?" Er führt mich über die Straße. — Unter den Lauben sah ich einen Spiegel, darin mein Gesicht, gelb wie eure Zitrone, und mein Haar — weiß wie Schnee —, mein braunes Haar — weiß — weiß — weiß.
Glauben Sie, war eä 1 die Orlowska?
Oder kam es von der Wunde?
Wie seltsam, seit der Zeit höre ich vor der Uhr den Hahn nicht mehr krähen-
Oder — oder war es, weil es gerade, in Prag geschah? Prag —'Romantik? WaS glauben Sic?
Die vorsorglich rimiebärb.')
Der Anne Bärb ihr Mann ,oar krank, Un bccs erschien sei Leide,
Er klagt viel iwer Adeinnot Un Steches in der Seide.
»Du Liesche, laaf zum Dokter cmal, Gleich mißt er awer kumme."
»Das gleich, das' kost e Extramark" Deht zwar de Doklec brumme.
Doch macht er wirklich aus de Weg Sich gleich ohn lang Besinne Un siehlt de Puls dein Palient Un horcht ein vorn un hinnc.
Er schreibt ivas gege 's Iieber auf Un auch ivas sor zum Leese.
Dann will er grad zur Dihr euaus Un ividder in sei Scheese.
Er hat schon giidcn Dag aesacht,
Da fällt sein letzter Blick Ein uff eu Korb mit Eier,
Gewiß an hunuert Stick.
Un iveil bei seiner Iran er sicht Gar gern e froh Gesicht,
So denkt er: ei, was die wohl lacht? Wann se die Eier kricht.
»Mit da dein Kerbche Anne.Bärb, Braucht sie net lang zu lause,
Ich gebb ehr, ivas se hawe ivill, Ich will die Eier kaufe."
Da schnüffelt laut die Aune-Bärb Unn flennt wie net gescheit;
Starr deut se ans ihrn kranke Mann Un spricht in großem Leid:
„Herr Dokter, nee, das bitte Se Mer wirklich zu net mute,
Da licht mein Hannes kraut im Bett, Der lieive Mann, der gute.
Mer iveeß in seiner Krankheit net, Bleibt er aach ivohl heriiviver,
Bei so ein hohe Fieiver Geht einer leicht eniwer.
Jedoch, geht er eniwer"
— So ruft se schmerzlich aus - »Braach ich nachher die Eier Doch selbst beim Leicheschmaus.-
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m> ^ ! k k'.S p a ß.E Ziveites Heft: Vom Fritzche Wo*
^^rtha Frohwein-Buchuer. R. G. El,veil Verlag, Marburg. “
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