Mittwoch, drn 5. Zuli
Der weitze Jäger.
Skizze von Max Preis.
(Nachdruck verboten.)
Ueber den Altstadter Ring zu Prag kroch die Dämmerung. Zog «einen braunen Bor bang vor die zarte und ernste Silhouette der Teynkir-ck.e, schob sich tuie eilt unruhiges Geheimnis vor die Heimlichkeiten des Rathauses und schritt mit abenteuernder Bedächtigkeit in die kleinen dunklen Gassen und Hose rings um den seltsam unwirklichen Platz, um dort das letzte Flüstern des Tageslichts ganz Tu ersticken. Bor bent Wunderwerk der alten ^Uhr des Altstadter Rathauses standen Soldaten. Leute, die alle Spuren des Krieges in verwitterten oder kränklich blassen Gesichtern trugen.
Feldgraue Burschen, die, schon genesen, den letzten Ungehorsam -erschossener und wieder heilgewordener Glieder noch ein wenig mühselig durch den lauen Abend trugen: deutsche Krieger, die hier int Bundesland Erholung nach schweren Tagen fanden, stämmige ungarische Husaren, Tiroler Jäger, ausrecht und allen Wettern trotzend wie die Schirmtanne vor dem Hos in der fernen Hemmt. Alte Sprachen wirrten ineinander, l-undert Farben sänftigten nch unter den milden Händen der frühen Dämmerung, und ern letztes, kaum mehr vernehmliches Echo des großen Krieges stockte, oor den Wahrzeichen der uralten Stadt. . '
In die seltsame, init allerlei Mysterium verschnörkelte Uhr am Altstüdter Rathanse kam Bewegung. Sie geht nicht mit der Zeit, fiimmert sich nicht mit den eiligen Rhythmus der Gegenwart: sie, die um die Schatten astrologischer Verborgenheiten weiß, chlagt ihre eigenen Stunden. In feierlich ernsteut Zug, mit all der Sckaubudenwürde von Marionetten ziehen die Gehalten aus den kleinen Fensterchen. Der Tod macht sich mit seiner Glocke zu «aws- fen, und ein heiserer Hahn kräht aus Berus. Tre Smubrldlichkeit des Mechimislnus dieser alten, kostbaren Spielerei findet bet den Soldaten unten dankbare Zuschauer. Das ist ein ^>past — nach diesen, heißen, grausaineu Monaten alten Uhren und ihrem verworrenen Geheimnis folgen ztt dürfen. Die braven Jnugens, die so Arges hinter sich haben, glauben sich im Theater, und es fehlt Uicht viel, so würden sie dem kreisck)endeu Hahn, dein ewigen Wächter aller Zeiten, Beifall klatschen. Leute mit seltsamem Mienenspiele steigen nun durch den Abend; elegante Frauen kommen, Offiziere, polnische Flüchtlinge. Ja, es ist ein Leben letzt in Prag!'Und alle gucken nach der Uhr unduachdem helleren Hahn.
Do steht auch ein österreichischer Jäger und sieht in das Spektakel. Ein junger Offizier. Um die rechte Schulter hastet ihm ein Berband. Sonderbar, alles an dem Mann m Kraft, Sonne, Jugend Nur die Ailgen, die dem Spiel der Uhr folgen, Und he ist trank und wissend. Und sein Haar ist weiß) gebleicht. Ergreifend ist'dies Bild — so viel stolze Mämilrchkeit unter ,o greisen hastem Hanpl. Was mag der Mensch erlebt haben! Einige weichen ihm scheu ans, Gespräche iverdeii stumm ans Rücklicht und Ber- legenheit, lind manche flüstern: ,^Ter weiße Jäger!" . .
Hinter den Lauben, wo dre Prager Golchchmrede Juwelen Teil halten öffnet sich die dunkle Melantrichgasse. In ihrer schützenden Enge verschwindet still, weltfremd dahinschreitend, der weihe
^^Jch bin ihn: gefolgt und l>abe ihn kennen gelernt. Seine. Brnstwlliide war so gut lvie geschlossen, darum brauchte er auch wick't mehr iiis Lazarett und kontite mir schon nach wenigen Tagen bei einem Glase Wein die Geschichte erzählen, wie es kam, das; sein Haar erbleichte. Eine Geschichte, in der die Wucht des. Krieges
und ebenso stille urib unfaßbare Tinge musizieren. Nach den, Verlegenheiten der ersten Viertelstunde erzählte der Oberleutnant, ohne einen richtigen Auftakt oder Uebergang von den Nebensächlichkeiten des Gesprächs zu suchen, so, als hätte er daraus gewartet, sich durch ein Bekenntnis zu befreien, seine Geschichte
„Sie haben iliich wohl vor der Uhr am Altstadter Rathaus zuerst gesehen? Und mein iveißes Haar, das fiel ^hnen ivohl auf? Na, ja, es ist ja auch sonst nickst die Art junger Leute, ntu einem schneeuwißen Schädel herumzulaufeii. Tie glaubeii^nämlich alle, müssen Sie wissen, ich sei draußen an der Front vor schrecken oder Grauen plötzlich weiß geivorden. Wie, das haben <2ie auch geineint? Aber, ich denke ja gar nicht daran Krieg ist Krieg, das wird sich doch ein richtiger Soldat nicht so zu Herzen nehmen, daß er sein braunes Hanptl-aar verändert. Urrd, ich bitte, eS toar nämlich sehr schön braun, ein paar Innsbrucker Mädels - tfU lag lange in Tirol in chirnisou — l>aT>cn sich regelrecht dannnt vergafft. Wie ^meinen Sie? Na, ja, ich glaube ja selber, daß ich ein bisserl gewaltsam Witz zu machen versuche. Mau chenkt lststt nianchmal, es ist altes so wie früher einmal. Aber, bei Gott, ich bin froh, wenn ich keine Witze machen brauche Prosit, übrigens. Ja, angefangetl hat es oben in Galizien. Ein schöner, pstillich-r Herrensitz war's. Merkwürdig sauber das ganze Schloß. An eine tiefe, ruhige Kastanieuallee, die von der zerfahrenen und vom Munitioustransporte zerschundenen Landstraße zum Der ren sitz führt, mlist ich oft denkeu. In dieser Allee hatte ich nach den furchtbaren Attacken der voraufgegangeuen Wochen zum erstenmal ioteder das Gefühl: Tn hist doch Mensch. Oh, diese weltfremde Stimmung, diese wunderbare Abgeschiedenheit! Nur voll ganz fern her, über niedrigen Wald hallend, die Kanonen der Unseren. Vielleicht auch, das ich an diese Allee daritin so oft denken must, weil ich hier die Schlostsrau kennen lernte. Kühl und teilnahmslos, als würde sie der Krieg nickst im geringsten berühren, saß sie au> einer Bank, den Blick in ein herbstliches Blumenheet verloreti. Lässig, Mit einer wundervollen Herablassung uahur sie meine Borstellnug und die Bitte, alle Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, entgegen. 'Bann bat sie mich und uod> drei meiner Kameraden zum Abendessen. Ich sage Ihnen, mau vergisst i» solchen Augenblicken wirklich, daß es ringsum au? Leben und Tod geht . ......
Ich entsinne mich, ich war glücklich, ihr das sranzomch Buch das sie ans der Bank hatte liegen lassen, in den Speisesaal Nachträgen zu dürfen. Schölt war die Frau, Herrgott noch einmal? Wissen Sie: Kultur, Rasse! Ueberlmupt: das ganze Schloß: Geschmack, uugeivollte edle Eigenart. Unten im Tors der Lärm der Mamischaft. Man war ja weit vom Feind. Und hier oben, inrt dem Blick in die traurige Herbstlands cha ft, das Abmdesien todmuc-er, von Geflüg
i den Augen einer schönen Frau augefeuerter Offiziere. Blumen, ^Zlügel, Früchte, Wein. — Sie begreifen es ja garurcht, wie erlesen dies alles ist nach den namenloseti Strapazen. Na, und« die Vorstellung: Du wirst heute einmal in ouicnt nckstigen Bett schlafen . . .! Ich will Sie nicht aushalten Mit Malerewn.
auch schon heraus haben: noch am «elben Abend war rch m Frau Musja Orlowska verliebt. Bon einer tollen Sehnsucht ergrifsen nach ihren Lippen — es war im K>rieg und der echte Rausch nach hundert Tagen unbeschreiblicher Arbeit des Gehirns und des
^ Meine drei Kameraden waren zu Bett gegangen, in der K'a- stanienallee patroniUierben die Posten, und ich küßte .Nucta^


