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Campnta Plinianen nennt; int Belgischen sind eS die Lttsitanen, desgleichett am Rhein; ihre Färbung ist ein Gemisch von Dnnkel- rvt und Weiß, so daß sie stets wie halbreif anssehen. Seit weniger als fünf fahren hat man durch Propfen auf Lorbeer auch eine Sorte Lanrea hervorgebracht, die eine lischt unangenehme Herbigkeit hat. Es gibt auch makedonische von einem niedrigen Baume und einem noch kleineren Strauche, den Man EhamaikerasoS (Zwergkirsche) nennt. Der Kirschbaum rst dem Gärtner durch seine am frühesten reife Fruchst zuerst dankbar. Er liebt einen nördlichen, kühlen Standort. Die Frucht trockttet man auch an der Sonne und bewahrt sie wie die Oliven in Fässern."
Man hat ja den Ruhm des alten Lukull znffchmätern gesucht, indem man nachwies, daß bereits in der Bronzezeit, also etwa 8000 Jahre vor Lukull, die Kirsche in Europa Amisch war. In den Pfahlbauten der Schweiz, Oesterreichsl und Norditaliens fand man vielfach Kirschkerne, die zweifellos belveisen, daß man lauge vor den Römern Kirschen in Europa aß. Das war aber die kleine Unscheinbare Frucht des Bogelkirschbanmes, und Lukull gebührt unzweifelhaft das Verdienst, die großfrnchtige Süßkirsche nach Europa gebracht und ihre Kultirr veranlaßt zu haben. Später lernte man m Rom auch die Sauerkirsche kennen und schätzen, auf zwei Wandgemälde Pompejis sind Kirschen abgebildet, die nach bent Zeugnis von Fachleuten als Sauerkirschen anzusprechen sind.
Bon Italien aus wanderte der Kirschbauur weiter, und bereits 120 Jahre, nachdem Lukull den Bannt nach Rom gebracht, finden Wir ihn an den Ufern des Rheins, in Belgien und Britannien. Hier, ffr den ehemaligen Barbarenländern, trug der Baum sogar Noch aoomatischere Früchte als an den Gestaden des Mittelmeeres, wo ihm das Klima imter der Einwirkung der See zu gleichmäßig milde war. Mit dem Baum selbst übernahm man auch seinen
Nicht etwa^die Obstbänme der Gegend von Cerasns ihren Namen ton der Stadt empfangen, sondern es war umgekehrt, die Stadt hatte ihren Namen nach der Hauptfrucht der Landschaft erhalten.
Heute finden wir den Kirschbaum fast in ganz Europä, nno namentlich in Deutschland hat man sich seiner Pfteae mit ganz besonderer Liebe gewidmet. Der Oberrhein, das Alte Land gü der Elbe — Hamburg gegenüber —, Sachsen, Thüringen, die Mark ^Werder) tmd gndcre Gegenden sind ja rühmlichst bekannt durch ihre prächtigen Kirschen, ebenso gibt es in Tirol, der Schweiz, Frankreichs Holland und Dalmatien weitg'edehnte Kirschkulturen. Hier und da, namentlich in der Schweiz und im Schwarzwald, bereitet man aus ihnen auch das bekannte „Kirschwasser", den Kirsch- hranntwein, der in dem englischen Sherry Brandt, und im dalmatinischen Maraschini (benannt nach der Sauerkirsche: maraLen) be- sortders vornehme und bevorzugte Geführten erhallen hat.
Tie Kirschernte ist natürlich übexall eine frohe Zeit, und in manchen Gegenden werden besondere Kirschfeste abgehalten. In der Schweiz galten die Kirschen, die auf den Bäumen auf dem Gemeindeland, der Mlmend, reiften, als Gemeingut der betresfendett Markgenossenschaft. Im Züricher Altstetten herrschte noch im vorigen Jahrhundert der Brauch, daß die Geistlichen in der Kirche an einem Sonntage, wenn die Kirschen reif waren, die sogenannten Kirschensegen sprachen. Ihr Amen gab als! Zeichen zur Besitzergreifung. Tie Leute eilten hinaus auf die Llllmend, und wem es gelang, als Erster einen Baum mit den Armen zu umfassen, dem gehörte dessen Ertrag.
Am bekantttesten von allen Kirschfeslcn dürfte aber wohl das zu Naumburg sein. Tort ziehen noch alljährlich die Kinder mit rhren Lehrern und Eltern ins Freie, schmücken sich mit Grün, belustigen sich mit Spiel und Tanz und werden mit Kirschett bewirtet. lieber den Ursprung des Festes erzählt man sich bekanntlich eine hübsche Geschichte. Nach ihr kamen die Hnssiten unter ihrem Flihrer Prokop auch nach Naumburg, der die Stadt wegen ihres hartnäckigen Widerstandes mit Feuer und Schwert verheeren und keines Einwohners schonen wollte. Lange wehrte die tapfere Bewohnerschaft alle Angriffe der Hnssiten ab, schließlich machte aber der Manuel an Nahrungsmitteln alle Hosfnung zu schänden, man entschloß ftch zur Uebergabe, wenn Prokop Milde walten lassen wollte. Tiefer wiederholte aber seine Drohung, und alle Bemühungen, ihn umzustimmen, waren vergebens. Ta machte ein Schlosser, namens Wilhelm Wolf, den Vorschlag, die Eltern sollten ihre Kmder tn das Hussitenlager schicken, um durch ihren Anblick das Herz des grausamen Heerführers zu erweichen. Mit weißen Kleidern angetan, zogen bald darauf 238 Knaben und 321 Mädchen m Stadt hinaus, und ihren Bitten gelang es, das Unheil abzu- t^ndem Prokop nahm sie freundlich ans, bewirtete sie mit Kirschen, Schoten und Wein und erklärte, von eitler weiteren Bedrohung Naumburgs abseheu zu wollen.
„Dem Prokopen tät' es scheinen,
Kirschen kauft er für die Kleinen;
Uog darauf sein langes Schwert,
Kommandierte: Rechts um kehrt;
Hinterwärts von Naumburg."
Ans Freude über diese unverhoffte Rettung beschloß man in Nanmbltrg, ledes Jahr den Tag feierlich zu begehen. Tie Kinder rolltett alle Jahre an den Ort ziehen, wo das Lager der Hussiten gestanden und dort in eigens dazu errichteten Hütten mit Obst, Bier tmd Wein erfrischt werden, dann ein chahes bei der Stadt lie
gendes Schotettseld plündern und abends ihrett Rückzug mit klingendem Spiel, mit grünen Ztveigen in her Hand mw dem Rufe: „Hnssitensieg!" halten dürfen. . . . Die mit einer Menge von Einzelheiten ausgeschtnückte Erzählung hält freilich vor der ge- schichrtichen Forschung nicht stand, von einer Belagerung Naumburgs durch die Husfften ist nirgends hie Rede. Wahrscheinlich ist das Kirschenfest der Ueberrest einer alten Frühlingsfeier.
_ In den Polksoränchen spielen sonst der Krrschbanm und seine Früchte keilte ajlzn bedeutende Rolle. Am verbreitetsten ist tvobl die Sitte, am St. Barbaratage (4. Dezember) Zweige vom Kirsch- banm zu schneiden uttd im Zimmer ztttst Blühen zu bringen. Ent- wickeln sich die Knospen schnell uttd reichlich, so gibt cs einen milbeit Winter tmd ein fruchtbares Jahr. Die jungen Mädchett brechen! diese Ztveige gern am Andreasabend, dem großett Schicksalstag aller Detratslnstiaen. Jeder Zweig wird einer bestimmten Person gewidmet. Ta§ Mädchen, deren Zweig am Weihnachtsheiligavettd die metsten Blüten trägt, heiratet zuerst. In Böhmen stecken die Torfschönen die Blütenzweige dann ins Mieder, um durch „Zauber" deit Burschen anzuziehen, den sie im stillen lieben.
Der vrirg im deutschen tiinderreim.
Wer heute auf den Straßen tutb im frischet: Grün dem Spielen tmd Singen unserer Kinder aufmerksamer folgt, der beobachtet^ daß auch in dieser so ftiedlichen, idyllischen Kleiuwelt das unge- heitre Geschehen des Krieges stch in zahllosen Einzelheiten spiegelt. Daß ttitsere Jungeirs Schlachtett schlagen tmd unsere Mädchen als Krankenschwestern ihre Puppen pflegen, ist ja selbstverstätldkich; aber auch in dev: Liedern der Kinder treten allerlei Anspielungen, zumeist mißverstandene oder naiv umgeformte Beziehungen aus die große Zeit hervor, die einst ein denkwürdiges Zeugnis baftlr ableg eu werden, wie die*Phantasie unserer Kinder durch diese Ereignisse erregt wurde. Zu alten Zeiten haben die großen Vorgänge der Weltgeschichte ihren Reflex in: Kinderlieb gesunden. „Wer je in politisch etregten Zeiten die Kinder aufmerksam beobachtet hat," sagt einer der ersten Sammler dieser politischen Kindecreime, Albert Richter, „der wird wissen, wie zahlreich politische Kinderreime in der Form von NeuschöpftlUgen oder in der von Umdichtungen auftauchen." Ans der Straße kann man sie etttstehen sehen und ihre Verbreitung verfolgen. Die Forschung, die Karl Wehrhan in seinem hübschen Buch „Kittderlied und Kinderspiel" znsammenfaßt, hat festgestellt, daß es sich bei diesen geschichtlichen und kriegerischen Erinnerungen im Kinderlted zumeist nicht um örtliche Einzelheiten handelt, wie sie doch eigentlich dem kindlichen Geist näher liegen, sondern daß nur die ganze Nation bewegende! tmd erschütternde Angelegenheiten einen nachhaltigen Widerhall in diesen kindlichen Dichtungen erwecken. So hat sich in einem vtelgesnngenen .Kinderreim eine Beziehung auf die Hermanns-' j ch l a ch t, die Befreiung per Deutschen von der römischen Fremdherrschaft, erhalten: „Hermen, sla lärmen, / Sla Pipen, sla Trumen, / Ter Kaiser will funtcn / Met Hammer mt Stangen, / Will Hermen uphangen: / Un Hermen flog lärmen, / Slog Pipen, uog Trumen, / De Fürsten sind kumen / Met oll ehren Mannen,/ Hätt Barns uphatigen." Eitte volkstümliche Figur, wie der von den Nürnbergern 1381 Hingerichtete Raubritter Eppcle von Gei- lnlgcn, lebte im Lied der Mrnberger Gasfenjnngen fort, wenn fte sangen: „Eppela Gaila von Tramaus / Reit allzeit zum vier- zehnt aus; / Ta reit der Nürnberger Feind aus, / Eppels Gaila fron Tramaus." Hier und da schimmert: im deutschen Kinderreim noch Einklänge an die Kreuz Züge hervor. Leicht war Jübel und Lpott der kleinen Schar geweckt. Als der aus dem Lande vertriebene Herzog Ulrich von Württemberg nach der Schlacht bet Laufen wieder in sein Reich einzog, da ließen, wie Steinhofers Chronik berichtet, „die Kinder auf der Gassen sich also vor Freude hören: „Bide, bide, bomp, / Ter Herzog kommt; / Er liegt nicht weit im Feld, / Er bringt einen Sack mit Geld." Andererseits verspotteten die Kinder in Basel 1474 deit gefangen genommenen, allgemein verhaßten Landvogt Peter von Hagenbach mit einem den: ältesten deutschen Ostergesang nachgeahmten Liedlein, das also begamt: „Christ ist erstanden, / Ter Landvogt ist gefangen: / Des sollend wir sro sin, / Siegmund sott unser troft jtn; /, Kürte eleison!" Tiefe Spuren l-aben die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges auch im Kittdcrrcim hinter- lanett. Besonders die Schweden und ihr Führer Oxenstierna tvnr- den geradezu zum „schwarzen Mann", mtt dem matt die Kleinen schreckte: „Bet, Kinder, bet! / Morgen kommt der Schwed, / Morgen kommt der Oxenstertt / Und wird die Kinder beten fern." Eilt anderer Schwedenspruch der Kinder lautet: „Ter Schwed tst gekommen, / Hat alles weggenommen; / Hat d' Fenster 'ncin- g'schlagen, / Hats Blei 'rausgraben, / Hat Kügeln draus gossen, / Hat., alles verschossen." Friedrich d. Gr. ist. ähnlich wie Luther und Napoleon, eine Lieblingsfignr der Kinderreime; lustig ertönt es aus deutschem Kindermund: „Und wenn der alte Fritze kommt / Und klopft nur auf die Hosen. / So läuft die ganze Reichwarmee, / Panduren und Franzosen." An die Franzosen zeit der napoleonischen Kriege erinnern Verschen. tote: „Natttplamlam, Papier argent, / Kein lumpger Geld als As- ftguat. / Qn'est-ce qn'il^ dit hat Hosen an, / Parlez vous hat Strumpfe an." Oder: „Hopp, Mqriannchen, hopp. Mariannchen, / Laß das Puppchen tanzen! / Gestern tvaret: die Preußen frier, / Heute smds die Franzen." Eine Verhöhnung der Eng-


