Ausgabe 
26.6.1916
 
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Uhr öierjeljit in Nauen eingetroffen. Ich kaug Jchnen auch sagen, wer die Dame War, nur derentwillen es wahrsch-eiw- tich dem zeugenlosen Zweikampf der beiden Herrew gekvipmen ist. Es war dies ein Fräulein Natascha Lazanski, eine junge Russin, die seit zwei Jahren in Berlin lebte, angeblich Sprachunterricht erteilte und sich literarisch be­schäftigte und in der vornehmen Lebewelt unter dein Svitz'- nanreuGoldrnaus" bekannt war sie hatte wunderschönes goldblondes Haar_"

Und nun?" fragte Velten und erhob sich.Hat man das Paar nicht verfolgen lassen?"

.Herr von Gamisch trat an feilten Schreibtisch, nahm ein stählernes Lineal in die Hand und bog es.Selbstverständ­lich" entgegnete er;die Hamburger Behörden sind benachs- richtiat. Aber..." Der Kommissar legte das Lineal wieder auf den Tisch zurück und beschäftigte sich, während er weitersprach damit, die Federhalter in eine schnurgerade Reihe zu legenMer ebenso selbst verständlich ist es, daß es im Interesse der Familie liegen würde, wenn.. .'3 Nun hatte Herr von Gamisch das Spiel auf dem Schreibtisch

beendet und schaute Velten ernst in das Gesicht_Lieber

Freund," fuhr er fort,ich bin nicht berechtigt^ Ihnen weitere Mitteilungen zu machen. Es schwebt auch noch mancherlei in der Luft. Die Annahme eines Zweikampfs liegt nahe; es kann beim Fürsten von Gotternegg aber auch du Selbstmord vorliegen. Man sagt, er sei sehr'nervös ge­wesen_"

Belten verstand. Er dankte dem Kommissar und ging. Ein Selbstmord, verübt in einem Augenblick geistiger Trü­bung^ vielleicht war es gilt, man hält an dieser Version fest. Eine völlige Klärung der dunsten Angelegenheit erfolgte tatsächlich nie. Wohl stieg in Velten der Geoanke auf, daß die russischen Behörden die Natascha Lazanski endgültig zu ihre m Werkzeug gemacht haben könnten, um den Fürsten Kola um so sicherer verschwinden zu lassen. Es war auch

Kola im Hafenviertel New Yorks von einem betrunkenen Matrosen erschlagen worden sei. Nun war er tot, und das Gespenst der Schande deckte in fremdem Lande das Leichen­tuch. Doch der vernichtende Sturm, der das Haus Gotternegg in seinen Grundfesten erschütterte, legte sich erst, als der Nanie erlosch und aus den noch lebenskräftigen Wurzeln­des a&ftcrbenben alten Baumes neue Schößlinge in die Zu­kunft zu sprießen begannen, ein neues Geschlecht, das nicht mehr den Fürstenhut trug, aber das Wappenschild der Vor­fahren reiner zu halten wußte als die, die dahingeganaenl waren....

Velten saß wieder in der Droschke und fuhr nach der Vvßstraße zurück. Die Gedanken durchwirbelten seinen Kopf; er sah wieder Annemarie vor sich, sah, wie sie den fremden Kommissar empfing und >vie sie unter der Gewalt des neuen Schreckens zu Boden brach.... Hätte er nnr dem Manne zuvonommen tonnen! Ueberlegnngslos beugte er den Kopf aus dem Droschkenfenster und rief dem Kutscher zu:Fahren Sie schneller, Mann Sie bekommen ein gutes TrinL- geld! ." Und dann fiel ihm, der erschöpft in die Kissen jurucksank, wieder ein, daß auch das schnellste Fahren ver­lorene Muhe war, denn schon zu dieser Stunde mußte Annemarie erfahren haben, daß sie mit dem Gatten zugleich den Bruder verloren hatte.

Armes Weib arme Kleine! Velten flüsterte das nltt bebender Lippe. Eine Träne trat in sein Auge, heiß und schwer und glänzend. Sie galt iiicht dein leichtsinnigen Manne, ben inan in dem Heilten havelländischen Städtchen, erschossen anfgefunden, sie galt auch nicht denl Untergänge dieses Fürstengeschlechts, dem seines Lebens bester Teck zw- gehvrt hatte, Lote galt einer Liebe voll stiller Zärtlichkeit, einer trauteil und heimlichen Neigung, die sein Herz inj warmen Sonnenschein getatlcht und es gleichsam in die ttcrre Reinheit seines Kinderalanbens zurückgeführt hatte Sie aalt nicht einnkal dem Weibe, sondern einer holden Göttin die ihm anbetungswürdig erschienen war, ohne daß er sie begehrte: als Idol seiner sehnenden Seele.

^ r .?i l Voßstraße trat ihm der Diener mit verstörtem Gesicht entgegen. Das sagte chm alles; aber mußtck fragen. Der Diener berichtete: Vor etwa einer Stunde war . ü^3? ^F^vesen, der von der Fürstin empfangen worden wgw Mgn hatte im ersten Salon einen gellenden Aufschrei gehört; dann war der Herr hdausgestürzt und hätte ge­

rufen, man möge umgehend zum Arzt schicken, Ihre Durch­laucht sei ohmnächtig geworden. Mer ein Arzt wär schau; auf dem Wege: Doktor Reschke; die Fürstin war zu Bett gebracht worden, und hierauf hatte Doktor Reschke an einen Chirurgen und einen zweiten Arzt telephoniert. Nun weilten die drei Herren im Schlafzimmer der Fürstin.

Velten ließ sich inr Sälon nieder. Der Kopf brannte- ihm, eschämmerte in seinen Schläfen. Er winkte dem Diener und hielt ihn am Aermel fest; er wollte ihür einen Auftrag erteilen, aber die Kehle war ihin wie zugeschnürt. Endlich sprach er: tvenn einer der Domestiken den Doktor Reschke sehe, möge man ilM fageu Herr Velten sei hier und warte.

Gr wartete geduldig. (& wandelte auf dem schweren mattgrünen Teppich geräuschlos auf und ab, setzte sich wieder und -Prang von neuem empor, um aberin als das Gemach zu durchqueren. Er hatte seit sieben Uhr früh nichts ge? riossen, doch er spürte keine:: Hunger. Er betrachtete die Bilder an den Wänden und wußte kaum, was sie darstellten. Er trat an das Fenster uno zählte die vorubersahreiiden Droschken, sah den Sonnenschein über den Häusern gegen­über verblassen und die Straßenlaternen ansleuchten. Der Tag verging, und er. wartete noch immer. Er dachte an tausenderlei: an die Unglückliche nebenan, an den flüchj- tigen Verbrecher, an den Toten, an die russische Dirne, die wie aus mystischem Dunkel aufgetaucht war, nnr ihr Ver­nichtungswerk zu vollenden er dachte an Jost. Aber es wax kein ruhiges, kein logisches Denken mehr; es war eine Flucht von Gesichtern, die an ihm vorüberhnschten....

Der Diener trat wieder ein, um das elektrische Lichh anfzudrehen. Zn gleicher Zeit erschien Otto Er drückte Velten stark die Hand.Wir müssen auif das Schwerste gefaßt sein," sagte er, und durch seine Stimme bebte di/e verhaltene Angst;Annemarie sieht einer Fehlgeburt ent­gegen. ..."

Belten verstand nicht sogleich.Da känre das Kind, das sie erwartet, tot zur Welt?" fragte er.

Ja, Velten... aber wenn wir nur ihr Leben retten können!..." Sie ftanben sich Hand in Hand gegenüber und schauten sich an. Ihre Gedanken trafen sich. Dieses seeteiv- lose Wesen, das im Mutterschoße noch ohne eine Regung lebendigen Odems schlummerte was kümmerte es siel War es nicht eher ein Glück, wenn Kola ohne Nachkommen! blieb, wenn sich das Blut des Verworfenen nicht weiter vererbte'? Aber das Weib, das mußte gerettet werden! Das arme Geschöpf, das noch zu jung war, um au den Sünden des Mannes zu sterben das sollte die Haiid des Arztes dem blühenden Leven wiedergeben und vielleicht auch einem Glück, das fester stand und dauernder war als das wie auf fliegendem Sande erbaute und wie ein Lnftgebildq zerronnene_

(Fortsetzung folgt.)

Kirschen.

Kulturgeschichtliche Skizze von Franz Pflüger.

Es war im Jahre 64 v. Ehr. Gcb., Luknll, der siegreiche Feldherr, war eben aus dem Orient zunickgekehrt und hielt in den Straßen Roms seinen Triumphzng. Ein sechs Fuß hohes goldenes Kolossalbild des von ilM bezwungenen König Mirhri- dates von Pontns, viele massiv goldene Bcitcn, zahllose goldene und ulbcrne Gesäße, annähernd drei Millionen Drachmen aus dem Rücken von hundert Maultieren u. a. m. führte er als Glanz­stücke seiner Beute den staunenden Römern vor und mit 100 000 Hektolitern griechicschen Wcienes bewirtete er zur Feier des Taaes die Bewohner der Tiberstadt.

Neben diesen glänzenden Beutestücken aber hatte er aus der -wüschen Sin owe und Trapeznnt liegenden, von ihm zerstörten Ätadt Cerasns ein weit unscheinbareres Etivas mitgebrackü ein Kirschbäunichen, das im Frühsommer große, köstliche, wohlschmek- kendeFruchte trug. Die goldenen und silbernen Schätze Lnlnlls sind langst den Weg alles Irdischen gegangen, das kleine Kirsch- banmchen aber, das sich in seinen Gärten prächtig entwickelte sag gar bald m Italien eine zahlreiche Nachkommenschaft heranwachsen, inrd heute künden Tausende und Abertausende von Bäumen in den Landern Europas den, Rn hm des alten Miners. Die Kirschbäume ^freuten sich nämlich m kurzer Zeit der größten Beliebtheit. Biele Römer ließen -ich viele Sendungen von Bäuinen aus Asien kom- men, nian pfropfte einheimische wilde Bänme mit Edelreisern und zog eme Menge Abarten. So berichtet u. a. Plinins:Unter den Kuschen sind die Apromanen die rötesten, die Lutatien die dnnkel-i Len, die Cacilignen dw rundesten. Die Junianen schmecken aln Vorzüglichsten, können aber fast nur unter den: Baume selbst ge­nossen werden, da sie so zart such, daß sie das Mgbringen uM vectragen. Den Preis aber haben die Duracinen, welche man in