Die arme Prinzessin.
Roman von Fedor von Zobelttß.
(Nachdruck verboten.^
(Fortsetzung.)
- Cr stand auf und verneigbe sich, indem -er Ungleicher Zeit Velten die Hand reichte. Velten sah ein, das; jede weitere Frage überflüssig sein würde und empfahl sich mit einent Dankwort. Als er wieder auf der Straße stand, grrsf er mit einer unwillkürlichen Bewegung an seine Stirn. Was chatte er nun erreicht? Was sollte er Annemarie sagen? Nur eins war sicher: Kola lvar in der Tat ein Nichts würdiger. Daß er ein gewissenloser Bude war, das hatte sein eigener Bruder ausgesprochen, das hatte auch Herrfurth gewußt. Aber den Schurkenstreich, den er verübt, umgab noch ein Dunkel; vielleicht lag es im Interesse der Botschaft oder der russischen Regierung oder auch der Berliner Polizei, daß dies Dunkel blieb. Velten hatte das Gefühl, als gehe- aus den Worten des Barons gältet hervor, daß man mit der Aufdeckung des Verbrechens absichtlich bis heute gezögert habe; es Mußten bestimmte Gründe dafür vorliegen. Aber welche? Lieber Gott, es war schließlich gleiche
e . Das Unglück brach mit erdrückender Wucht über narre herein und war iiicht abzuwehren: was fruchtete es noch, nach Gründen und Ursachen zu forschen! — Belteri überlegte, ob es zweckmäßig sein würde, nach den: Polizeipräsidium zu fahren. Er entsann sich, daß Annemarie ihn: den Namen eines der beiden Kommissare ge- nainit, die Herr,: von Hänel und den Grasen Lovjagin in die Wohnung Kolas begleitet hatten; es war ein Herr von Gamisch. Er entsann sich auch, daß er mit einem gewissen Edgar von Gamisch, der später Offizier geworden war, das französische Gymnasium in Berlin besucht hatte; vielleicht war der jetzige Polizeikommissar der Freund von der Schulbank.
Er sah nach der Uhr: es ging aus Elf. Kurz entschlossen fuhr er nach dem Alexanderplatz und fragte im Palast des Polizeipräsidiums nach Herrn von Gamisch. Man wies ihn in dessen Bureau, wo er über eine Stunde warten mußte, da der Kommissar zu seinem Abteilungschef besohlen worden war. Die Zeit schlich gleichsam aus bleierner Sohle vorwärts. Bel teil saß auf einem Stuhl in dem kleinen Zrmmer, hörte auf das Ticken der Wanduhr und starrte auf die große Karte Europas ihm gegenüber, auf der eingezeichnete rote Linien sich kreuzten. Um seine Gedanken zu sammeln, versuchte sick) Velten, über den Zweck der Ein- zeichnnng klar zu werden; aber die roten Linien tanzten vor seinen Angen und verschoben sich; das Wort „Berlin" auf der Karte wurde plötzlich ungeheuer groß und schrumpfte dann wieder zu einem Nichts zusammen; das Ticken der Wanduhr wurde unhörbar und gleich daraus zu einem tosenden Dröhnen. Belten schüttelte sich wie im Fieber.
Er sah plötzlich das blasse Gesicht Annemaries vor sich, ihre angstvoll fragenden Angen, ihre nervös zuckenden Lippen. Und wie durch einen Zauber sah er sie wieder schmerzgebeugt über dem Kinde, das sie erwartete und auf dessen schuldlosem Haupte die Schande des Vaters ruhte. Da sprang er auf, trat an das Fenster.und schaute auf den Hof hinaus, über dem in einem sechseckigen Ausschnitt das,' Blau des Himmels sichtbar wurde-
„Mit wem habe ich die Ehre?" fragte eine Stimme hinter ihm.
Velten erkannte ans der Stelle den Schulfreund wieder, legitimierte sich und wurde herzlich begrüßt. Er erzählte in kurzen Worben von seinem Verhältnis zum Hause Gottern> egg und von der Depesche Annemaries, die ihn nach Berlin gerufen hatte, von seinem Besuche bei dem Baron Hänel und seinem Wunsche, nach Möglichkeit Klarheit in die unselige» Angelegenheit bringen zu können.
Noch ivährend er sprach, hatte Herr von Gamisch ein; paar Zeiten aus ein Papier geworfen und dieses durch einen Diener fortgeschicrt. Der Diener kam mit der Meldung zurück, Kounnissar Elvert sei nicht mehr im Hause.
„Das ist bedauerlich," sagte Herr von Gamisch. „Lieber Freund Velten, wären Sie eine Stunde früher gekommen, dann hätten Sie selbst den traurigen Auftrag für Ihre Fürstin übernehmen können, mit dem nunmehr ein Kollege betraut worden ist. Fürst Bolko Gotternegg, der Bruder der Fürstin, ist heute früh, wie wir annehmen müssen, im Zweikampf erschossen worden—"
Belten schrie nicht auf, aber er taumelte. Sein Gesicht wurde so unheimlich blaß, oaß Herr von Gamisch erschrak. „Um Gottes willen," rief er, „so fassen Sie sich doch!" — Ergoß aus der Karaffe, die unter der Wandkarte stand, ein» Glas voll Wasser und reichte es Velten. Der wehrte dankend ab. „Vergebung," sagte er, „es war nur der erste Anaelv- blick... ich bin wreder völlig ruhig... Erzählen Sie!... Also, Fürst Bolko ist - tot?..."
„Ich kann nur referieren, Velten. Man hat heute snch um sieben Uhr unweit des Städtchens Nauen die Leiche eines jungen Mannes gefunden; aus seinen Papieren ging hervor, daß es der Fürst Gotternegg ist. Er ist gestern abend tu Begleitung einer Dame in Nauen eingetroffen und nn „Hotel znm König von Preußen" abgeftiegeit; die Herrschaften erwarteten mit einem späteren Zuge einen zweiten! Herrn und soupierten zusammen. In aller Frühe unternahmen die drei einen gemeinsamen Spaziergang, von dem sie nicht zurückkehrten! Alles Handgepäck, nur Wäsche und Kleidungsstücke enthaltend, blieb im Hotel; aus dem Tische des Zimmers fand man einen Hundertmarkschein zur Be-
gleichun^ der Zeche^ j ra ^ tc Velten in mühsamer Be
herrschung, „war der Fürst Nikolaus Bnra-eddin — ?"
Herr von Gamisch nickte. „Es ist nicht zhu bezweifeln. Er ist gestern abend mit dem Zuge um neun Uhr fünfmtbi zwanzig vom Hamburger Bahnhof abgereist und um zehn


