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GId England.
Eine groteske Geschichte von Rudolf (Nachdruck verboten.)
i cha el.
Nachdenklich, langsam 'mit gepreßten Lippen wanderte Thomas Upper an der grauen, dunklen Muserfront entlang. Bon fernher brandete durch die Straßen wie durch einen Hohlweg der rauschende und kreischende Lärm der inneren Citv. Hier war es stiller und milder. M' war, als? fldsjsen alle unruhigen Wasser Londons dort in einen wirren Strudel zusammen. Aw dunklen Himmel stand der rötliche Widerschein der großen Stadt.
Thomas Upper ballte die Fäuste und stemmte sie in die Taschep des leichten Sommermantels-, den er trotz Herbst und Nebel noch imchwr Mg. Mein Gott, von 90 Shilling oen Honat kann man sich nicht zu jeder Jahreszeit einen neuen Rock kaufen. Das muß doch ein Prinzipal einiehen. Na, und auch der Herbst war rücksichtslos genug, brummte Thomas. Der fragte nickt imch Ultimo und Vermögeil. Der war einfach dg mch kom-mändiertO! So, nun zieh den 'hellen Plunder aus. Ich bin fürs Grane.
Erschrocken schaute Thomas gegen die blendende Höhe. Eine blutrote Hand schrieb gegen die graue Hauswand in rtesigsn, grell«: Buchstaben: enlist now! contry neöds hon!
Da sah Thomas Upper wieder nieder zur Erde und tat, alß schäme er sich. Aber innerlich grinste er doch. Hahaha! Weim die Deutschen mit Gummipfropfen schössen, weNn's Hungern und Frie- ren mcht gar so arg aus die gute Stimmung wirkte, Wem: — schließlich, je, iü<emt er Ellen nicht hätte, die er doch auch in solchen Fragen der Vaterlands Verteidigung hören mußt«, ja, dann wär' es vielleicht möglich. Ach, seinetwegen komrt's notwendig sein. Aber fol,Mnges eben nicht. Std England in's doch nicht allein, man Null doch auch existieren. Nicht wahr?
Thomas Upper trottete rpeiter. Dort oben schrieb die blutrote Hand aufs neue ihren grellen, flimmernden Aufruf.
Iy ,üar e J Etten zwischen den lackenden und fchtvatzendyn Menschen, zwischen rollendm und fauchenden Wägen. Gewaltig, wie in ernem engen Kessel sing sich der Lärm zwischen den hohen' sternernerr Wanden. Von oben sah die Nacht hinein. So neugierig, geheimnisvoll!
Thomas Upper sah kaum auf. Er rannte die Herren an, die W 1 brummend ansahen und doch weiter gingen, trqt einer alteren Jungfer auf die spitzen Lachttzfel, so däß sie froh erschreckt sich Umdrehte um zu sehen, wer sich ir^tt ihr einlassen wolle. Thomas ging rücksichtslos werter und Mächte sich darriber wirklich keine Dörgen. *
M.die Sorgen satz«n ihjm ja ganz wo andarch! Das Geld?
pnch Titifc hinein. Aber tiefer, noch tiefer
►eute erst. Thomas
Ja, das Geld gehörte saß die bittere, beinah^ giftige Wurzel.
^.^Der Bruder in Amerika hatte geschrieben, fühlte den knitternden Brief in der Tasche. Kr, her hatte aut reden', w r N ilf imb Sicherheit in seiner Fabrik und zählte täglich die gedrehten: Granaten, die allwöchentlich K einer stattlichen, gran- blmfenden Pyramide anwnchsen. ^
. doch kommen, schrieb her Bruder. Mt deck Verdienst
Lbo^n ser'sa doch nicht-. Jetzt zumal, wo die Deutschen mit ^'f?ooten dasganze.Leben so verteuert hätten. Hier aber- sei die Devrsö: Großer Verdienst, billiges' Leben.
Wie das so einfach auf dem Papier stand. Geduldiges Papier, zu ^fchfn ^wnM^N'gtbrt dg dich her k Woher das Geld nehmen ? nb den. Bruder fühlen lassen, daß er so gar wchts hatte? Nern, lieber nicht. Und dann auch das Vaterland! S doch eigentlich hier sein. Hier wÄ'de er gebraucht So
N^eb/n's weniastens die Zeitungen allabendlich in schreienden Buchstaben. Ach ja, die bültrote Hand steckte dazwischen! Ja, gewiß,
langsam bog ThbmaS Upper in die NebenstraK ein und l!ek den lauten Verkehr hinter sichtzer ebben ^
.... Nein, so aings' nicht! Myi mutz doch sein Aeusterstes tun Ober doch wmtgftenK so tun, als»« man'S ffc. Wi W? Hi» b"s war ain alter englischer Satz. 4er Vater blatte ihn oft gÄrarZü' Late^Lhl Et- in a(t seinen Gedunsen ge^n eine«
Da kam! ihm! dre kGrleuchtungi Ula? Nim wenigstens eine i Kr « dort dntben dem VaterlaiLc nicht BieT Ä Met ?
mcht. wcnti er Granaten drehen half, dem Vaterlande L'nL und sich selbtz zugleich auch? Ach fg darin tag die vorlkomtnenste Harmonie,asler Znteressen^ Er fühlte es immer ^-»Ü.^nufwachs«t. seme Schritte wurden lebhafter, seilte Wetten ® flten ttf ’ ^"eller. seine Gedanken liefen wie flinke
. ..Und doch! Damit war noch nicht alles' gewönne,r Er war noch Ach. rate er es ||e, dies, »roste. graue Wasser, das dazwischen lag. Und er fjel ,weder m ein dumpfes' Nachdenken v i:,""? klewen Stube stand er frierend und starrte gegen ^^tten Fensterscheiben. Den Hut hatte er noch auf dem Kopf So tief steckte er in dem -sumpf seiner Gedanken dritk *
Dann wandte er sich jäh! um und fiel polternd die steile Treppe
Nicht Mt und Hilfe?^ bfC St, ' n f' E"en! Sag. weißt du
Ellen war noch nicht im Hanse. Bleiern vor sich 'hinstarrend bockte Thomas Itpper auf einein Stuhl und Ivarlete.
Tä kanr sie. Da stand sie.
„Aber ivarum sprichst du nicht, meine Mm?" stürzte er die Worte hinaus.
„Na, wovon denn?" fragte sie mtt seltsamer Ruhe.
Und dann erzählte Thomas. Er hockte loieder auf dem Stuhl. Sie saß jenseits des Tisches. Und über den Tisch himveg legtm sich die Hände ineinander. Beide in Mäntel und Hut. Beide mit Augen, die toie Stichflammen brannten.
Das schmale, kahle Zimm«erchen füllte sich mit tausend Gedanken der beiden Liebenden. Denn ihre Gedanken lvaren wie ein Schlyamm, über den das Wässer der Auflegung gegossen wird. Wenn man das Ohr an den Türspalt legte, konnte man jie
& reden hören, tyie zwei plätsckeriiüc Waldbäche. Plötzlich verte ihr Reden. Ein kurzes helles' Auflächen. Ein paar zaghafte Töiie, die von Küssen Herruhren konnten. Vielleicht. Dann ging die Dir auf, und die beiden halfen sich die dunkle Treppe Himmler.
Am anderen Mlorgen meldete sich Ellen im' Schreibzimmer eines Werbebüreaus, gab ein paar Namen und Tatsachen zu Protokoll, wartete das Augenzwinkern des grauhaarigen Beamten ab, woraus! sie schloß, daß es nun erledigt sei, uno ging dann süß lächelnd lme- oer von dannen.
Am Nachmittag erschien Thomas llvper in demselben Bureau! und stellte sich als Freiwilliger für die große englische Armee. Dep ältliche Beamte klopfe ihm wie ein Väter auf den bellen Sommermantel und entließ ihn mit einem energischen .Händedruck, in dem der Dank des ganzen englischen Weltreichs lag.
Draußen logrtete Ellen aus ihn. Ungeduldig lächelnd.
„Nun, seryg?"
Er nickte stumm. t , ,
„Wann werden sie dich einziehen?"
„Nächste Woche, denke ich."
Dann ciltm sie zusammen davon.
Pu einmß der nächsten Tage holte sich Men auf der Haupk- kasse des Werbebureaus ihren Werbelohn ab, diese hundert Shilling, die der englische Staat schönen und lächelnden Kranen auszahtt, die im Täsnstze des Vaterlandes Kreiwiltige für das Heer werbm. Die ihre Misse ftir sin „enlist now,!" verkaufen, die dis Ehe versprechen für einen Besuch aus dem Werbebureau, die die gairze Huld Ihres Härzens über den schütten, der vor Vt>ern oder Gallipoli für das Wrack des englischen Ruhmes ficht.
Ellen, tapfere Frau!
Thomas, tapferer Diener deines Vaterlandes!
Lachend saßen sie zu Hanse in den: kahlen, schmalen Zimmerchen und drückten sich die Hände über den Tisch hinweg.
Ein paar Tage später- bekam auch Thomas Upper seinen Werbelohn aiosbezahlt als Dank für das giwße, freie Herz, das er auf den Tisch des Werbebureaus fürs Vaterland niedergetegt hatte.
Me zähtz fühlten sich die paar Scheine an! Thomas ließ das ungewohnte Papier- durch die zitternden Finger gleitew
„Liebste Men," ries er und drückte sie an siäh „Bon nun an nenne ick dich Nur noch nrsirren kleinen Minister. Nicht wahr?"
Sie hüpfte vor Veranitgen. Sie sah das Meer pnter sich schaukeln und Englarck loie einen dunklen Schattenickß hinter sich tn der Ferne verschwinden. Nun ging's nach Amerika.
Und dock.
„Wenn sie dick aber aar so schnell hälen, Thomas?" fragte sie zaghaft und schien plötzlich wieder allen Mut verloren zu haben. Er fiel wieder in das qualvolle Nachdenken zurück.
Was? Sie ivolsten ihm nun England sperren? Und er wollte doch hinfahren in den Dieirst des Vaterlandes. Nein, die Sache war itttov noch nicht ganz klar. Das fiihtlte er tnieder, als' bohre ihm ein Tischler Schranblöcher in die Schläfen.
Es war tvieder Albend. Das Lachen war in dem kleinen Zimtnsr lviedei- ganz still geworden nick hatte sich irgendwo in eine drmkle Ecke velckrocken. Die beiden faßen sich schweigsam gegenüber-.
Thontäs Upver fühlte, wie bäßlick es im Leben mit Geld und mit den guten Gedanken eingerichtet sei.
Bon fernher ans der großen Dunkelheit kam ein anschwcllendes Rauschen gegerl die Stadt lote eine Flirt, die langsam gegen der: Deick anrollr.
ThämäS stand auf und horchte.
Wer noch dfye er sich gewiß rvurde. was es sein könnte, liefen schreiende Signale durch die Straßen, die Lichter verlöschten, fetn ani .Himjntel erstarb Plötzlich der grelle Widerschein der lärmenden Stadt. Eine Sterbensrnhe kam über das große, graue Häuserm'eer.
Das Rauschen des deutschen Luftschiffes wurde voller und lauter.
Thmnas sprang ans Fenster und lehnte sich hinaus.
In weißlich flimmernden riesigen Kegeln stürzte sich- da-'- Licht der Schiünwerfer gegen den düftetti Himni'el von allen Enden der toten Stadt. Es tvar ein atemerstickendes Licbtevsvicl.
Thiomas sprang zurück ins' Zimnier, packte Men ickl> bei der Hand und zerrte sie mit hinunter in den Flur des Hauses. Schon und lüstern zugleich schauten sie durch die staubigen Fenster über die Straße und gegen den Himmel m!it seinen flatternden Lichtbändern.
llnd plötzlich begann ein Küattern und Heulen dn- Schrapnels, ein Aufzischen und Pfeifen der Geschosse, daß Ellen sick ängülick an Thomas drängte. Ihr war, al - müsse sie aus dem Hause springen, das Freie atmen.


