Ausgabe 
24.6.1916
 
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Ging er häufig allein cnis?"

Nein o doch... anfänglich nicht, aber später. Das inachte sich so. Er hatte seine Herrenabende im Klub unb da

und dort_Einmal habe ich auch eine anonyme Warnung

bekommen, einen Brief, in dem hieß es, Kola habe ein Ver­hältnis 'mit einer jungen Russin, die hier lebe das habe -ssr schon lange und auch nach der Heirat nicht abgebrochen. Ich zeigte Kola den Brief da hat er gelacht und gemeint, solche Wische gehörten in den Papierkorb oder besser noch rns Feuer..."

Haben Sie von den Papieren, die Ihr Gatte allem An­schein nach verbrannt hat, kein Schnitzelchen mehr ge­funden?"

Ich habe gar nicht danach gesucht, Velten aber,ich spürte den Geruch verbrannten Papiers in seinem Zimmer/' Sie nestelte an ihrer Tasche.Nur das fand ich im Kor-j ridor und steckte es ein das Telegramm, das Kola er* halten hatte und das er verloren haben muß. Ich habe es den Herren gar nicht erst gezeigt ich kann es auch nicht lesen, ich glaube, es ist Russisch . .

Sie reichte Vellen die Depesche, der sie sorgfätig prüfte. Das ist nicht Nüssisch, Fürstin," sagte er,das ist irgend eine verabredete Geheimschrift. . . . Liebe Annemarie, ich fürchte, wir kommen auf diesem Wege nicht weiter. Sie er­zählten, der Botschaftsrat von Hänel sei liebenswürdig zu Ihnen gewesen; wissen Sie, wo er wohnt?"

Ich kann ans seiner Visitenkarte Nachsehen, wir haben in seinem Hause verkehrt. Wollen Sie zu ihm gehen?"

Vielleicht gibt er mir Aufschluß vielleicht_Liebe

Freundin, wir müssen auf alles vorbereitet sein. Ich fürchte, die Politik streckt ihre Fangarme auch bis in Ihr Heim hin­ein und wo dieser gräßliche Polyp sich regt. . ."

Er brach ab. Er sah, daß Annemarie mit den Händen an ihr Herz griff und die Auaen schloß und da sprang er auf und umfaßte sie.Um Gotteswillen, Annemarie," rief er ängstlich,so seien Sie doch stark es ist ja noch nicht alles verloren! . . ." Ihr Gesicht verblich noch mehr, sie rang nach Atem und lag schwer in den Armen Veltens.

Liebes Kind," sagte er,ich bitte Sie herzlich: legen Sie sich zu Bett Sie werden mir krank und wer weiß, ob Sie nicht Ihre Kraft brauchen . . . darf ich Ihren Arzt rufen lassen?"

hauchte sie,ich will ihn nicht ich kann ihn nicht leiben..."

Ein glücklicher Gedanke schoß Velten durch den Kopf. Horen Sie, Annemarie: ich werde zu Otto schicken. Er praktiziert zwar nicht, aber er ist immerhin Mediziner und wird den Arzt ersetzen. Und er ist Ihr Freund, vor dem Sie nichts zu verbergen nötig haben. Das gewährt auch mir eine Beruhigung ich weiß Sie dann wenigstens in sicherer Obhut. Darf ich?"

Sie nickte, ergriff seine Hände und sah ihn dankbar an. Sre war so schwach, daß sie kaum sprechen konnte.Gut, sligte sie leise,lasseii Sie Otto kommen. Ich ver­spreche Ihnen auch, ich will mich niederlegen. Und Sie gehen zu Herrn von Hänel und fragen ihn, was er über Kola weih. Ich gebe Ihnen eine Zeile mit, die Sie legetr- mreren wird. Mein Gott, man kann mich über das Schicksal mernes Mannes doch nicht im Ungewissen lassen! Und wenn er nun überhaupt nicht wieder kommt! Soll ich denn Mutter werden ohne daß mein Kind. . Sie sprach nicht zu Ende schluchzte auf und preßte ihr Gesicht in die Kissen des (Losas.

Velten atmete schwer. Also auch das noch. Die arme Fran erwartete ein Ktnd, das vielleicht niemals seinen Vater sehen sollte. Es war ein Verhängnis, das über das Unglücks­haus hereinbrach.

Annemarie richtete sich wieder auf und tupste mit ihrem Löschentuch die Tranen aus den Augen. Sie wurde ganz Plötzlich gefaßter und ruhiger, befragte den Diener nach der Adresse des Barons Hänel und gab Velten eine Visitenkarte folgenden Inhalts:Annemarie Fürstin Bura-eddin, ge- xorene Prinzessin von Gotternegg, bittet den Baron Hänel, ^ " . berbrmger dieses, Doktor Freiherrn von Velten, einen Freund ihres Hauses, vorlassen und auhören zu wollen."

jeder Stunde für Sie zu sprechen, Velten," Otto belieben sollte, mich in zu steckeii, lass ich Sie in mein Schlafzimmer führen. .Suchen Sie mit aller List herauszubekommen, was Kola ver­

brochen haben soll gehen Sie nötigenfalls aus die Polizei und melden Sie sein Verschwinden an. Ich will aus den Ungewißheit heraus! . . ."

Velten brach auf. Die Herren, die sich für sein Kommen interessiert hatten, sah er auf der Straße nicht wieder. Er. nahm sich eine Droschke und fuhr zil dem Botschaftsrat von Hänel. Die Karte Annemaries gewährte ihm Einlaß. Baron Hänel war ein liebenswürdiger älterer Herr mit gutmütigem Lebemannsgesicht und kleinen freundlichen, beständig zwin­kernden Augen. Er aab sich anfänglich etwas reserviert, wurde dann aber offener.

Details weiß ich nicht, Herr von Velten," sagte er.Ich weiß nur, daß der Verdacht auf dem Fürsten Bura-eddin ruht, der internationalen Propaganda wichtige Papiere ausgeliefert zu haben. Daß der Fürst verbrecherische Ver­bindungen unterhalte, mutmaßte man längst. Hätte es in der Hand des Botschafters gelegen, die Heirat mit der bedauerns­werten Prinzessin zu verhindern, es wäre geschehen. Aber er durfte nicht sprechen.

Pardon, Herr Baron." warf Velten ein,halten Sie es denn für ganz unmöglich, oaß der Verdacht auf einem Irr­tum beruhen kann? Welcher Grund soll für einen lebens­lustigen jungen Mann wie den Fürsten Kola Vorgelegen haben, sich in nihilistische Umtriebe verwickeln zu lassen? Er machte doch keineswegs den Eindruck eines politischen Fa­natikers ich habe ihn immer nur für einen harmlosest Viveur gehalten. . ."

Herr von Hänel zog die breiten Schultern hoch.Ver­ehrtester," entgegnete er,auch darauf kann ich Ihnen keine bestimmte Antwort geben. Ich habe nur Mutmaßungen. Die Verhältnisse des Fürsten sollen total brouilliert gewesen sein sein eigener Bruder wußte nicht mehr, aus welchen Quellen er schöpfte. . . . Im übrigen mein bester Herr von Velten, werden Sie auf oer hiesigen Polizei wahrscheinlich genauere Auskunft erhalten können'als durch mich. Die Polizei ist uns sehr gefällig und hat auch gewisse Wünsche der Botschaft respektiert. Es ist erklärlich, daß man dem Fürsten den Weg nach Sibirien ersparen wollte. Da hat uns die Polizei denn benachrichtigt, daß er nach der Schweiz zu flüchten beabsich­tige. Tatsächlich ist Kola aber gestern abend vom Hamburger Bahnhof abgefahren. . . . Ich will nicht klarer werben, Herr von Velten. Die Verhältnisse liegen eigenartig. Preußen kann nur ausliefern, nicht verfolgen und inhaftieren. . .

Velten nickte.Vom Hamburger Bahnhof," wiederholte er.Da liegt also die Wahrscheinlichkeit nahe, daß er nach Amerika flüchten wird."

In der Tat, das ist das Wahrscheinlichste. Es wäre auch das Beste. Drüben wird er verschwinden, wird unter­stehen. Ich möchte Ihnen eine Wette proponieren: er wirb' eines Abends in einer Matrosenschenke von New Dork in einen Streit mit betrunkenem Gesindel verwickelt und tot­geschlagen werden. Ich wette darauf."

Herr von Hänel sagte dies mit freundlichem Gesicht und' vergnüglich zwinkernden Aeugelchen. Velten war entsetzt, ^ilm Gottes willen," stieß er hervor,sein armes armes Weib! . . ."

Nun wurde der Botschaftsrat ernst, sehr ernst. Er setzte sich Velten gerade gegenüber und aus seinen Zügen schwand der lächelnde Ausdruck. Aber doch nicht völlig. Es bliev ein Zucken um die Mundwinkel zurück, das häßlich war: grotesk und cynisch zugleich. Er sagte:Herr von Velten, ich bemitleide die Fürstin von Herzen. Ich wünschte, der Zu­sammenbruch ihres Mannes wäre schon vor Jahresfrist er­folgt, denn schon damals sahen wir ih.n kommen. Trotzdem: es ist noch immer ein Glück, daß das Wetter jetzt über Kola hereinbrach, ehe die Schande größer wurde. Finalementr dieser junge Bursche, der einem der edelsten Geschlechter Sstdrußlands angehört, ist ich wäge das Wort ist eine infame Kanaille. Je eher er seinem unglücklichen Weibe entrissen werden konnte, um so besser für diej Aermste Ich möchte noch etwas anfügen. Es wird nicht zu verhindern sein, daß die üble Affäre wenigstens arst, deutungsweise in die Zeitungen kommt; greifen Sie da nicht niit Berichtigungen und dergleichen ein. Es wird gut sein^ daß Kola Bura-eddin so bald als möglich vergessen wird; schon der armen Frau wegen, die vielleicht ihren Mädchen- Namen wieder aNntinmt aber auch um des Fürsten; Iazik willen, dem der Zar stets außerordentlich gewogen war...

(Fortsetzung folgt.)