Ausgabe 
24.6.1916
 
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Die arme Prinzessin.

Roman von Fedor von Zobeltttz. (Nachdruck verl»otenK

^Fortsetzung.)

^ r Wirst Bnra-eddin bewohnte hier die erste Etage eines eleganten Hanfes. Der Portier fixierte Velten, befragte ihn «aber nicht. Oben öffnete auf das Klingelzeichen ein Diener ünd nahm Velten die Karte ab. Man schien ihn erwartet zu haben, denn der Diener führte ihn ohne weiteres in einen großen dreisenstrigen Salon mit prunkvoller, aber frostiger Einrichtung.

Velten war kaum eingetreten, so erschien auch Annemarie, hi einem Schlafrock von bläßblauer Seide mit zerkntillten Spitzen 'und Schleifen, häs Gesicht sehr blaß, die Züge schlaff, die Augen verweint. Mit einein wilden Aufschlnchzen warf sie sich an die Brust Veltens; sie wollte sprechen, aber ichre Stimme erstickte immer wieder in dem krampfhaften Weinen, däs ihre Glieder beben ließ.

IVelten strich mit der Hand über ihr lvirres blondes Haar.Annemarie liebes Kind," sagte er zärtlich,nur Ruhe Ruhe . . . ein Freund ist bei Ihnen, ein guter freund, dem Sie Ihr Herz ansschütten können. . . Es ist ja nicht das erstemal..."

Aber es währte lange, ehe die Ruhe wirklich iiber das verstörte junge Weib kam. Rur allgemach konnte sich Velten ein Pild voir dem entwerfen, nms geschehen tvsir.

Bei seiner Rückkehr nach Berlin von dem Begräbnis des Herzogs hatte Fürst Kola ein Telegramm vorgesunden. Er erbrach es in Gegenwart seiner Man und tuuvbe kalkig weiß. Aber er beherrschte sich: eine unliebsame Nachricht von seine;! Gütern, so sagte er zu Annemarie, zwinge ihn lrwchszu einigen Geschäftsgängen. Doch! er ging nicht sogleich. !Er riegelte sich zunächst in seinein Zimmer ein; Anne­marie merkte später, das; er Papiere verbrannt hätte. Gegen sechs Nhr verabschiedete er sich herzlich von seiner Man und kan: nicht wieder. Annemarie siel es auf, daß Kola den Weg über die Hintertreppe und durch den kleinen Garten wählte, der wiederum mit dem gegen;

Hause in Verbindung stand, dessen Frontseite leimiger Matz tyu erhob. Kaum eine Viertel

b erliegen den ich nach dein tunde später

enen zwei Mitglieder der russischen Botschaft, der Bot-

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chasiSrat Baron Hänel und der Militärattache Graf Lov. agin, in Begleitung zweier Polizetkommissare in Zivil, entschuldigten sich höflich bei der jungen Frau, fragten nach Mola und begannen sodann sein Zimmer, sowie einige Schränke der Wohnung unter Siegel zu legen. Während Aras Lovjagtn ziemlich kurz angebunden war, versuchte Herr Von Hänel, ein Deutscher aus den Ostseeprovinzen, die ver­ängstigte Frau zu beruhigen; er erklärte ihr, es handle sich Kllerdmgs um eine sekrete Angelelgenheit, ließ aber doch

dnrchblicken, daß auf dev Botschaft wichtige Papiere ab­handen gekommen seien und daß eine Berdachtsspur auch bis zu Kola führe eine Spur im übrigen, die noch keines­wegs aus eine Mitschuld des Fürsten 'hindeute... Es schien den Herren außerordentlich angenehm zu sein, daß Kola nicht im Hause war; sie empfahlen Annemarie an, auf den Schutz der Siegel zu achten, und verabschiedeten sich ebenso höflich, wie sie sich eingeführt hatten. Und nun kam das,! was Annemarie am ;neisten erschreckt hatte. Baron Hänel hielt sich mit Absicht ein wenig zurück, während die andern vorangiixgen. Halb gedeckt durch die Tür, zog er hastig Annemaries Hand an die Lippen und flüsterte:Ausgepaßt, Durchlaucht: ich glaube tzwar nicht, daß Kola zurückkehren wird. aber geschieht es dennoch, so soll er vorsichtig sein. Geheimpolizisten halten das HauS umstellt. .

Das war es, was Betten erfuhr. Und jetzt fiel ihn: auch ein, daß z;vei Herren von der andern Trottoirseite aus die Straße Überschritten hatten, als er das Hans betreten, und daß ihn auch der Portier in ausfälliger Weise fixiert hatte. Das konnte Zufall sein, aber vielleicht auch mehr.

Annemarie saß auf einem mit grüner Seide überzogs- nen Diwan ititb starrte in das kalte Licht hinein, das den unbehaglichen Raun: mit srostigen: Main erfüllte. Sie ;var so erschöpft, daß sie fast zusammenbrach. Ihre Augen brann­ten in der roten Umrandung, in dem armen blassen Gesicht zuckten die Muskeln. Sie hatte nur abgebrochen erzählen können, gewissermaßen stoßweise. Sie hatte nachtsüber natürlich kein Auge geschlossen, sich in tausend Mulmas-nn- gen zerguält und zermartert und dabei immer mit lau­schendem Ohr auf die Rückkehr Kolas gewartet. Sie begriff nicht, was geschehen sein konnte.Herr Gott im Himmel," schrie sie, Belten, Belten Kola ist doch kein Schurke!"

Er suchte nach begütigenden Worten; sie fruchteten wenig. Da schlug er einen herberen Ton an.Annemarie," sagte er,Sie 'haben :nich hergerufen, damit ich J-Hnärz nötigenfalls Helsen, damit ich Ihnen beistehen kann. Das war verständig von Ihnen; Jost würde Sie wahrscheinlich Nur noch mehr aufgereat haben. Aber Sie müssen nun auch verständig bleiben. Wir bringen kein Licht in die Wirrnis» wenn wir uns nicht bemühen, klar und folgerichtig z:q denken. Beantworten Sie mir bitte die Fragen, die ich Ihnen vorlegen werde. Haben Sie in der Zeit Ihrer Ehe gemerkt, daß Fürst Nikolaus irgendwelche geheime Verbin­dungen unterhielt?"

Sie war Lanz verwundert.Aber nein," antwortete sie,was denn für geheime...? Ah, Sie ineinen politi­scher Art! Gott bewahre ich weiß wenigstens nichts davon. Wir politisierten nie miteinander was verstehe ich denn von all dem! Kola arbeitete viel er brachte sich zuweilen Akten von der Botschaft mit, um sie hier zu er­ledigen; er sagte, ans ihm, dein zlveiten Sekretär, laste eine riesige Arbeit; was den andern zu langweilig sei, überlasse man ihrn..."