Ausgabe 
21.6.1916
 
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Die Seeschlacht -es Kapitänlcutnants Iwan Gabrilow.

Von Alfred Br at 1.

(Nachdruck verboten.)

Tie erste Seeschlacht, die der kaiserlich-russische Kapitänleutnant Wan Gabrilow mitmachte, war auch seine einzige. Ein zweites tal dürfte Herrn Gabrilow kaum Gelegenheit geboten werden, an einem Gefecht aktiv teilzunehmen. Das heißt in Rußland kann man ja nichts mit Bestimmtheit wissen ....

Wie die Angelegenheit, die an den offiziellen Stellen streng geheim gehalten wurde, dennoch durch die Indiskretion einiger Kameraden Iwan Gabrilows in russischen Marinekreisen bekannt wurde, brauchen wir nicht näher aus zu sichren, da ioir nicht ebenso geschwätzig sein wollen, wie die besagten Herren. Darum nennen wir den Helden auch Iwan Gabrilow, trotzdem er in Wirklichkeit einen anderen Namen trug.

Das Abenteuer an sich erscheint uns aber psychologisch inter­essant und auch bezeichnend genug, um in Kürze wiedergegeben zu werden.

Iwan Grabilow entstammte einer ziemlich angesehenen, nicht sehr vermögenden Familie in Südrußland. Seine Mutter war eine Petersburg erin, eine Vertreterin jenes Frauentyps, dessen Herkunft mit einen: ebenso geheimnisvollen wie nicht ganz rein­lichen Schleier umgeben zu sein pflegt. Sie hatte Locken von jener mild leuchtenden blonden Farbe und Angel: von jenem sanften Blau, wie man es manchmal bei Großstadtkindern findet, deren, Blut und Seele von den schreckhaften Berührungen mit der Tiefe dunkler Borstadtviertel angesteckt wurden. Aber der schöne Gre- gvrjewitsch Gabrilow, Iwans Vater hatte sich in dieses Mädchen verliebt Und sie ohne lange Ueberleg:mg geheiratet. Ter frühe Tod der Frau veranlaßte Gregorjewitsch. in seinem Beruf als Seeoffizier in den Wirren des russisch-japanischen Krieges Vergessen zu suchen. Er fuhr mit dem berühmten Geschwader des Admirals Rosch- destwcnsky aus unb blieb wie die meisten seiner Unglücksgenossen auf ewig in den unergründlichen Gewässern des fernen Ostens.

Iwan war zu jener Zeit noch ein Knabe und besuchte die rus­sische Marineladetten-Schule. Mit dem schwermütigen Gemüt des Vaters !u. dem verderbten, durch Proletariergenerationen geschwäch­ten Blut der Mutter behaftet, ging Iwan schweigsam und schwäch- lich den herköinmlichen Weg. Er war der letzte seines Stammes, Und das furchtbare Ende seines Vaters schwebte wie ein Gespenst v»n schreckhafter Vorbedeutung über seinen: Haupte. Ms mit Kriegsansbnich ein Regen ebenso dringlicher wie leichtfertig vorge­nommener Beförderungen die russische Marine beglückte, kam auch Iwan über Nacht auf der Rangstaffel vorwärts. Er nahin dieses Ereignis, wie er eigentlich alles im Leben nahm: gleichgültig, ohne sich ernsthafte Gedanken darüber zu machen, mit einen: be­fangenen, fast furchtsame:: Lächeln.

Mit einer Anzahl gleichaltriger Kameraden nach der russischen Kiistenfestnng X versetzt, durchlebte Iwan Monate bangen Harrens, deren nervenzersetzende Einförmigkeit durch anstrengende Trink­gelage nur noch empfindlicher gemacht wiikde. Man war in ständiger Erwartung des Feindes, man schoß aus Molken,' die man für Luftschiffe hielt, und auf Schifferfahrzieuge, in denen man feind­lich Patrouillenboote zu erkennen glaubte. Tie ganze Besatzung der Festung war durch das einige Warten, durch Alkohol, Weiber^ ein schlechtes Kommando und das bohr eiche Geflihl der Unsicherheit in eine nicht gerade vorteilhafte Verfassung des Körpers und Geistes geraten.

Nach sechs dieser Art durchlebten Monaten ward Iwan die Ehre zuteil, als kommandierender Käpitänlentnant ai:s ein kleines Tor­pedoboot ältester Konstruktion zu kommen. Eine Anzahl von Offi­zieren hatte sich durch gute Verbindungen von derlei Befehlei: zu schützen gewußt, außerdem war das Boot ivie gesagt, alt und nicht gerade mehr sehr kostbar. . . So war die Berufung Iwan Gabrt- loivs durchaus nichts Erstaunliches.

Zuerst legte Iwan in seiner neuen Stellung einiges Interesse an der: Tag. Ms er aber die Mannschaft besichtigt und den läster­lich traurige:: Zustand des Bootes festgestellt hatte, fiel er in seine gottergebene Stumpfheit zurück. Doch bei bei: einsamen und int flatternden Nebel schauerlichen Streiffahrten, die er nunmehr Nacht für Nacht unternehme:: Mußte, begann eine ganz seltsame Empfin­dung sich seiner zu bemächtigen. Gr ward Voi: einer Art gespen­stischer Erregung ergriffen, die durch die unablässig bohrende Er­innerung an seine hohle Jugend immer heftiger wurde. Und dann kam noch etwas: wenn Iwan nachts auf der Kommandobrücke staiw, um sich die alles verhüllende, lauernde Dunkelheit, über sich den geisterhaft zerfetzten Wolkenhimmel, unter sich die Planken des aus betrügerisch morschem! Miaterial gefügten Schiffes, glaubte er die unsicher verschwimmende Gestalt des Vaters vor sich auftauchen zu sehen. Unb eines NachA begriff er, daß diese Visionen bedeuteten, daß er als ein Opfer seines Blutes und der herrschenden Käste wehr­los einem furchtbaren Ende preisgegeben sei. Von da ab hielt Iwan sich noch verschlossener und in Dumpfheit befangener als je zuvor Er sah sein «ganzest Leben als ein Symbol: er selbst, der Letzte einer Hoffnungsleeren Rasse, war das russische Volk, das zu stumpf ge­lben ist, um sich anfzulchnen: der Krieg, das ivar das Verhängnis des M:ches: und das von der Geivinnsucht schwindelhafter Liefe­ranten zerzauste Boot war das Sinnbild des herrschende,: Geistes

In dieser Stimmung fuhr Jivan eines Abends ans, um eine befohlene Erkundung durchzuführen. Von ungenannter Stelle war die Nachricht gekommen, daß der Angriff einer deutschen Flottille zu errvarten sei. Das russische Geschwader blieb gefechtsbereit im Hafen. Iwans Boot und noch drei andere Torpedoboote wurden in die brausende See hinauZgesandt, um das Herannahen des Feindes ausznspüren. _ >

Tie Nacht war von Wolken durchjagt, von Regen durchsprüht, voi: Sturm durchheult. Hohe Wellen warfen das Boot hti: und her, daß es in seinen brüchigen Fugen krachte. Ter Nebel wurde dicht wie ein Tuch und lieh nicht oie Hand vor den Angen er- kennen. Ter Mond verkroch sich hinter dunklen, gezackten Unge­tümen. Und aus jedem sausenden Sturmton glaubte man ein drohendes Signal zu vernehmen, in jedem Mrsserherg von Gischt und Schann: glaubte miau bei: gefürchteten Mfaßlichen, unerforsch- lichen, verderbenbringenden Feind zu erblicken.

Ter Kapitänleutnant Iwan Gabrilow tappte auf dein Boot umher, um ordnungsgemäß zu inspizieren. Tie Mannschaft ivar stumm wie er selbst. Die Gesichter waren unnatürlich bleich, iuv- wirklich und verzerrt. Man ahnte Flüche, ohne sie zu hören. Tie Geschütze waren feuerbereit. Tie Lichter waren abgeblendet. Der Ä'male Rumpf des Bootes rollte schwer: bald schien er nach Steuerbord, bald nach Backbord zu kentern, richtete sich jedoch stets wieder auf unter dem treibenden Truck der Maschinenkraft . . . Im Kesselraum, in dem die Lust vor Hitze sichtbar zu stehen schien, schwangen fettriefende Kolben um rottierende Radachsen, der Hoch­druck steigerte die Energien bis zur Grenze der gewaltsamen Ent­ladung, die Glühkohlen stürzten lohend zwischen die Eisenplatten der Heizwände, die Verschlußschrauben, Rohre und Ventile sangen von gesättigten: Widerstand. Es sang überall aus diesen von' Feuerreflexen und Oelgestank umdunsteten Metallteilen: ans den: Wirbeln der Achsen, dem Aneinandergleiten polierter Eisenteile, ans dem explosiven Schnauben in dem Dampfbehälter, aus dem Prasseln in den Kohlenfängen: aus allen Ecken, Tiefen und Fugen des stöhnenden Schachtes tönte und sang es. Aber es war kein ftoher, wild-heißer Gesang: es war mehr ein Rütteln, Zischen :md Röcheln, der Sackg einer schlechten, ungepflegten, fehlerhaften Maschine.. .

Iwan Gahrilvw war wieder auf Teck geklettert und stand auf dem durch die heftige Schlingerbewegung schwingenden Kommändo- steg. Ter Luftzug zerrte an seinen: Oelzeug und fegte sein Haar unter der Mütze hervor. Eiseskälte sprühte ihm ins Gesicht und blieb wie taufend spitze Splitter in der Haut stecken. Er hatte die Arme gegen eine Eisenstange gestemmt und starrte in die Brandung, die das Boot hoch warf und dann einen gärgelnden Abgrund aufriß, um es in die Tiefe zu schlingen.

Stunde um Stunde verging. Ter Sturm blieb Sturn:, die Gischtkämme blieben schäumendes Wasser der Feilid war nicht zu sehen. Mer je mehr die Zeit verrann, je unduxchdringlicher der Nebel wurde, desto bestimmter meinte Iwan Gabrilow die todbringende Nabe des Feindes zu verspüren. Tie wirxen Ge­danken zuckten wie Schwefelblitze in seinem gepeinigten Hirn, er witterte, und wußte nicht was. Er ließ den Kurs ändern, fuhr' kreuz und quer, bis vom Steuermann zum' letzte:: Maat niemand mehä- Bescheid zu wissen schien. Es war, als'stampften sie führer­los, wehrlos durch die Unendlichkeit.

Und da begann Iwan plötzlich nachzudenken. Es war lange her, daß er dies nicht so kaltblütig mrd logisch getan hatte. Er dachte an die Eltern, an den ertrunkenen Vater, an das verzehrte, erstarrte russische Volk, an sich selbst ar: Bord des Bootes, und er schüttelte stumm den schmerzenden Kopf.

Und dann packte ihn jäh der heiße Wunsch, jetzt, gerade jetzt der erivarteten Gefahr zu begegnen, um zu käntpfen und zu sterben, um nur einmal in seinem Leben wirklich etivas zu tun. Und in: nächsten Augenblick schon tauchten aus der Nacht schwache Licht- streifen auf. Jetzt... jetzt ist's so weit, dachte Jwair mit einer Art selbstmörderischen Triumphes. Und er glaubte köstlich be­rauscht zu sein, als er den ersten Befehl zum Feuern gab.

Es war ein heftiges, ununterbrochenes, biatterndes Fechten. Das Boot wurde mehrmals getroffen und begann zu sinken. Und Iwan bebte in seinem Rausch, als es sank.

Tann aber ertönte aus der gegnerischen Seite eine donnernde Explosion. Und in der Feuergarbe, die zum Hin:Mel emporstieg, erkannte Iwan das brennende Yldmiralschiff des russischen Ge­schwaders, den russischen Hafen.'... Aus Jrrtvegen zurückgekehrt, hatte er die eigene Macht für den Feind gehalten, und der Ge-- schwaderbesatznng war es ebenso gegangen. Wieder tauchte alles in Dunkel, n::d als Iwans Körper das Wasser berührte, hatte er zum ersten Male das heiße Bewußtsein, ein lebender Mensch z:: sein. ...

Ter merkwürdige Kaiirpf Rußlands gegen Rnßlaiid batte mit dem Untergang des Torpedobootes und mit einer schiveren Explosion an Bord des Admiralschiffes geendet.

Iwan Gabrilow aber war es nicht beschieden, unterzngehen. Er wurde gerettet und kam vor das Kriegsgericht, das ihn in den Kerker nach Schlüsselbnrg schickte.

Und als die Türe der Zelle in der düsteren Schlüssellmra hinter Iwan zuftel, seufzte er erschöpft und befreit auf, in dem Gefühl, endlich von der Welt geschieden zu sein, die er niemals verstanden hatte und niemals verstehen ivürde. ..