Ausgabe 
21.6.1916
 
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Velten eilte verwundert heran.Warum fluchen Sie denn dazu so erschrecklich?" fragte er.

Jetzt wurde Ariern verlegen.Es ist Gewohnheit," meinte er,eine schlechte. Bet Telegrammen fluche ich immer."

Inzwischen hatte Velten das Papier ausgerissen und ' Erblaßte.

Was gibt's?" fragte Jost.

Etwas Unverständliches," erwiderte Velten.Lies!"

Und der Prinz las vor:Bitte Sie herzlich und drin- QC7ib, sofort zu mir zu kommen. Habe Wichtiges mit Ihnen zu besprechen. Drahtantwort, wann ich Sie erwarten darf. Annemarie."

Was soll das heißen?" fragte Otto kopfschüttelnd. Auch ihn packte auf einmal eine grimmige Angst. Woher kam sie? Er wußte es nicht. Er starrte Velten in das fahl ge­wordene Gesicht. In beider- Augen laa das gleiche Erschrecken.

Jost lachte.Tut mir die Liebe!" meinte er sorglos. Ein Scherz von der Annemie. Was soll denn passiert sein? Am Mittag haben wir sie noch fidel und munter vor uns gesehen. M) bah! . . ."

Velten schaute nach der Ansgabestundc des Telegramms: Sieben Uhr fünf Minuten abends." Gegen Fünf am Nach­mittag konnte Annemarie mit ihrem Gatten erst in Berlin eiugetrofsen sein.

Auch Grete und Artern faßten die Nachricht keineswegs beängstigend auf. Wer Velten blieb unruhig.Wann geht der nächste Zug?" fragte er.

Otto hatte ein kleines Kursbuch in seiner Paletottasche, holte es hervor und sah nach.Der Schnellzug drei Minuten nach Mitternacht," sagte er:Sie erreichen ihn noch bequem und sind etwas nach vier Uhr früh in Berlin."

Gut," erwiderte Velten/ich fahre."

Jahr los," meinte Jost heiter:grüß mir die Annemie und sag ihr, sie tauge noch immer nichts."

Und hören Sie, Velten," fügte Otto hinzu und zog ben finster brütenden Mann etwas abseits, während er selbst die Stimme dämpfte,ich folge mit dem Morgenzug nach. Sie wissen, wo ich wohnei falls Sie meiner bedürfen!. . ." . Am Kamin schaden Grete und Achtern. 'Er schaute ihr ties in die Augen und sagte Milz leise, so daß es wie ein Flüstern klang:Eh' wir auseinandergeh'n, höre: kleine Grete, ich liebe dich. Nun fürcht' ich auch dein Auge nicht mehr, aber ich spreche dennoch nicht weiter. Morgen komm' ich und hol' mir dein In. Süßer Schelm, du liebst mich ja auch!_"

Grete," rief Otto,wir wollen anspannen lassen. Es . ist spät geworden, und ich muß früh heraus."

Ein Funke sprang blitzend aus dem Kamin und aus den Kleidsnunr Gretes. Artern stürzte in die Küiee und drückte den Junten ausj. Sie sah den geliebten Mann zu ihren-' Füßen, mit) es rieselte wonnesam durch ihr Herz wie eine warme Quellenflut, wie ein lauer Frühlingsregen, der über durstige Erde taut. Aber da war er nicht der Graf aus altein imb stolzem Geschlechte mit dein biblischeii Bor- iiamen, der sich weniger durch «Schönheit als durch vor­nehmen Raritätswert anszeichnete da war er wirklich nur der Mann, beit sie Wer alles liebte, ohne den törichten Drang der Eitelkeit aus schlicht einfältigem Herzen . . Sae nickte ihm freundlich zu und sagte einDanke" und gab ihm die Hand ziim Abschied. Am Drucke der Hand fühlte er daß er ihres Jaworts sicher war. Er hätte auch nie daran gezweifelt.

O diese Annemie!" rief Jost ärgerlich.Wollt ihr mich wirklich alle verlassen?"

Es half nichts. Velten hatte sich schoii empfohlen. Eva wandte sich mit einem bittenden Wort an ArternLieber Gras," sagte sie, es stürnit, weht und regnet und die Nacht ist finster. Das alles tut nrir nichts. Aber da Sie doch auch nach dein Schlosse müssen wollen Sie mich geleiten?"

Wird mir eine ganz besondere Ehre sein," erwiderte Artern.

. Er machte dazu ein beglücktes Gesicht; das lvar nur ein Reflex der Jubilstimmung in seiner Seele, aber es störte Jost.Zwei Begleiter sind besser als einer," sagte der Prinz; man weiß nicht, von welcher Seite der Wind weht; ich komme gleichfalls mit. ..."

So brachen alle auf. Der Burgmüller hatte ein Coups geschickt, über dessen Eleganz Otto seine Glossen machte Noch an der Hochzeit des Fürsten Bolko war man zu Fuß nach Hause ge,gangen: Vater in seiner weißen Weste, Grete

mit geschürztem Rock, Lackschuhen und blaue,: Strümpfen, Mutter in ihrem guten Seidenkleide immer durch die Wiesen, auf denen der Tau glänzte. Heute stand ein Eoup6 vor der Tür, der Kutscher lvar galoniert und faßte respekt­voll an die Krempe seines blanken Hüts.

In der Halle wickelte Jost Eva in Jacken, Plaios und Kapuze; Wern stand dienstwillig daneben und wagte sich doch nicht zu beteiligen: hier hatte oer Prinz die Vorhand.

Dann marschierte man los. Es stürmte gewaltig; es regnete auch wieder. Aber der Sturm fing gewissermaßen die Regentropfen auf und peitschte sie in regellosem Wirbel quer durch die Luft. Ganze Schauer von losgerissenen Blättern und brechendem kleinem Geäst prasselten herab; es ächzte und stöhnte in den Wipfeln.

Eva schritt zwischen den beiden Herren tapfer fürbaß. An ihren Röcken und Hüllen riß der Wind; aus der Kapuze schaute nur die äußerste Spitze des. Naschens hervor.

Bist du auch warm?" fragte Jost.

Sie nickte stumm. Aber das schien dem Prinzen nicht zu genügen. Er schob seine .Hand unter ihren Arm. Da war wirklich alles warm. Es pochte auch etwas er spürte einen raschen Schlag wie den eines Uhrwerks. Und gar zu gern hätte er bei Sturm und Wetter gefragt: für wen klopft denn das? Aber es ging nicht. Artern schritt nebenan, leicht vornübergeneigt und gegen den Wind ankämpfend, doch in guter Haltung durchaus Hosches.

l *. nupiiei.

Ein Glück ans fliegendem Sande.

Velten fuhr durch die Nacht. Er hätte sich im Bahn- coupe bequem gemacht, doch er schlief nicht. Der Gedanke, was Annemarie von ihm wollte, beschäftigte ihn unaus­gesetzt. Sicher war es möglich, daß es sich nur um eine harm­lose Kinderei handelte; aber Velten war schwerblütig und plagte sich mit allerhand trüben Ahnungen.

Er hatte sich auf den Polstern ausgestreckt und rauchte. Doch die Zigarre schmeckte ihm nicht. Er sprang empor, riß das Fenster auf und warf sie hinaus. Draußen psisf dev Sturm. Velten blieb am offenen Fenster sitzen; der Wind fuhr in das Coupe und zerzauste sein Haar, der Regen sprühte in sein Gesicht. Er merkte d3 kaum. In schwarzen Linien glitt der Telegravhendraht draußen vorüber, auf- und absteigend, und zwischendurch flatterte, in zerrissenen Gebilden, der weißgraue Dampf der Lokomotive. Dieses Auf und Ab und dieser zerflatterude Rauch, das schien Vel­ten wie ein Mbild des eigenen Lebens.

Aber er hatte niemals sich selbst beklagt. Und ob das, Ideal, dem er diente, einer Lebensarbeit wert lvar, auch darüber grübelte er nicht. In seiner übergroßen Selbst­losigkeit war alles in ihm hingebende Freundschaft; in seiner Liebe für Jost und Annemarie e n sichln mm e rte das Ich.

Es gibt nicht viele solcher altruistischen Naturen, wie Velten es war und das mag gut sein, denn der Wunsch, sich selbst und seine Persönlichkeit dnrchzusetzeu, bleibt die Basis für das Fortschreiten der Menschheit. Mer es lag in dem Empfinden dieses Mannes doch auch wieder jener große und zugleich rührende Zug, der die Helden des Rittertums, stark sein ließ in ihrer steten Todesbereitschaft: das Fest? bleiben in der Treue.

Ueber die Felder und Wälder der Mark dämmerte grau und trübe der Morgen herauf. Noch immer saß Velten am Fenster seines Eoupös und starrte in die vorüberhuschende Landschaft, die im fahlen Licht des neuen Tages ihre kargen herbstlichen Reize zeigte. Den Mäzen Himmel verhängte dunkles Gewölk, nur im.Osten lag ein hellerer Streifen über dem Horizont, ein gelber Strich über mattem Schwarz

Unaufhörlich pfiff die Lokomotive. Züge braustell vor­über, die Stationen rückten näher aneinander, in der Ferne tauchte die Großstadt auf, ein brauendes Meer, von Licht­punkten durchsetzt, darüber der tiefhängende Himmel, wie die Soffitten über eiirer Bühnendekoration.

Velten begab sich vom Bahnhofe ans in das nächst- gelogene Hotel, uahni ein Bad und ein hastiges Frühstück und wartete dann die Stunde ab>, zu der er meinte bei Annemarie vorsprechen zu können. Gegen Acht hielt ihn seme Ungeduld nicht länger zurück; er warf sich in eine Droschke und fuhr nach der Boßstraße.

(Fortsetzung folgt.)