Die arme Prinzessin.
Roman von Fedor von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.^
(Fortsetzung.)
l„Es ist An eiltem angenehmen Borrecht für mich geworden," antivortete er, „bei Ihnen die Wahrheit nicht mit einem niedlichen Mäntelchen bekleiden zu brauchen. Aber wenn ich heute währ sein will, kann ich Ihnen nur sagen, daß Sie unbeschreiblich reizend sind."
„Ach, lieber Gras, lassen Sie doch Schmeicheleien, die Sie liicht gewohnt sind und mich durchaus fremdartig berühren! Es ist mir schon lieber, Die bleiben bei Ihrer alten Ehrlichkeit."
„Da habe ich's. Jetzt wünschte ich Ihnen einmal etwas Nettes zu sagen, unib inut mache ich's wieder nicht recht. Mer im Ernst, Fräulein Grete: Sie sind anhaltend aus dein Wege der Besserunjgi."
„Sehr verbunden, mein Herr."
„Sie kehren sozusagen zur Natur zurück. Das könnte Blödsinn sein, aber es liegt doch Vernunft darin. Sie haben sich bisher zu sehr für die Etalage präpariert, für das Schaufenster dieser Welt. Da konunt das äußerlich Hübscheste hinein, der Glanz und Gleiß, der lockende Flitter' die Gediegenheit liegt weiter hinten im Laden. Die holen Sie nun langsam lvieder vor. Das Hübsche bleibt natürlich, aber es bekommt doch die rechte Füllung."
„Das ist allerdings eine Zweifelhafte Schnreichelei, Sie schrecklicher Graf, aber ich nehme sie Ihnen trotzdem nicht übel. Sie haben eine eigentümliche Virtuosität, den harmlosen Nebenmenschen mit Grobheiten zu füttern — immer lächelnd und sreundlich und imnrer mit gespitzter Zunge. Also bisher hat mir die „Füllung" gefehlt — wenn ich Sie recht verstehe, die Natürlichkeit. Das bestreite ich aber. Was mir gefehlt hat, ist die rechte Erziehung. Bitte, keinen Einwnrf — ich möchte gern eininal ausreden. Ich wollte mich zwar aus ausgedehntere Erwiderungen nicht einlassen — aber nach längerer und mit Konsequenz fortgesetzter Schuhriegelei fühle ich doch das Bedürfnis dazu."
„Vortrefflich; ich bin ganz Ohl'."
„Als Sie mich kennen lernten, steckte ich noch in Holzpantoffeln. Geistig und auch so, und die sollten nach Mutters Willen bleiben Bei den Herrnhutern kam ein grobes wollenes Röckchen dazu, mit dem rauhen Futter der Demut und dem Besatz des rechten Glaubens. Aber die weltliche Seele blieb dock) immer in der Mitte und wollte ihr Teil haben. Und als nun die Mutter starb und Vater das strenge Gleichgewicht verlor, schnappte die weltliche Seele über. Ich bevorzuge diese realistische Darstellung, damit Sie klarer sehen Eitel war ich ja immer ein bißchen und gern oben.
hinaus; nach der Kindererziehung, die sich zwischen Stall und Betsaal bewegte und der Freiheit der Persönlichkeit wenig Spielraum gab, wurde der kleinliche Instinkt zum treibenden Faktor. Wiederum realistisch ausgedrückt: das leidlich nette Mädel wurde zur dämlichen Pute."
„Jetzt erhebe ich energischen Widerspruch!" rief Artorn. „Ich protestiere mit Eifer, ich führe Klage und schreie laut — ich lasse meine Freundin Grete nicht schnöde beleidigen!"
„Selbsterkenntnis ist keine Beleidigung. Sie ist freilich auch nicht das höchste der Gefühle, siutemal sie gewöhnlich mit Bitternis gernenget ist, aber sie hat doch ihre praktischen Seiten. Und sehen Sie, lieber Graf..." Greto warf den Rest ihrer Zigarette in das Kantinfeuer .. daß ich bei den erwähnten Mängeln meiner Erziehung einen so gestrengen und zuweilen auch rücksichtslosen Präzeptor gefunden habe, das ist mir trotz alledeni eine große Freude ... ja, das Trotzalledem gehört auch dazu. Und deshalb verzeihe ich Ihnen alles, heimliche Kränkungen und verletzte Eitelkeit und sonstiges Dunnne, und reiche Ihnen hiermit meine Hand . .
Sie gab ihm die Rechte, und er nahm sie und drückte sie herzhast, während der Abglanz eines frohen Glücks auf seinem hübschen offenen Gesicht lag.
„Liebe Grete," sagte er, „in meinem ganzen Leben ist mir nicht so vergnüglich zu Mute gewesen toiie in diesem Augenblick Ich bin zwar Hofchef, aber kein Diplomat. Ich rede im allgemeinen frisch und frech von der Leber lvegi, und da glaq'be ich schon, daß ich Ihnen inanchmal ein klein wenig wehe getan habe. Böse gemeint war es nie — nein, immer gut. Auch nicht vom hohen Prüzeprorenstandpnnkt ans — Gott bewahr' mich, zum Erzieher eigne ich mich gar
nicht.Sagte ich Ihnen zuweilen: das gefällt mir an
Ihnen und das gefällt mir nicht, so sprach immer bloß das Herz ans mir. . . . Das Herz. . er stockte „. . ja,
nämlich, das Herz — es ist eine verzwickte Geschickte . . . seien Sie so gut und gucken Sie mich eininal zwei Minuten lang nicht an, sondern schauen Sie in die Flammen . . . da grade niemand weiter int Zimmer ist, möchte ich Ihnen etwas sagen —' und weil ich kein bedeutender Rhetoriker bin, geniert nlich Ihr Auge — sonst nicht, aber letzt . . ."
Es war gut, daß das Kaminsener so lebhaft ihr Antlitz überstrahlte. Sie hätte auch gar nicht den Mut gehabt, ihu in diesem Augenblick anzusehen; unwillkürlich neigte sie den Kops und senkte die Lider und hielt fast den Atem an. Er tat das nicht: im Gegenteil, er schöpfte tief und vernehmlich Atem, als wolle er sich zu einer heroischen Tat vorbereiten und begann sodann : „Alsoj, liebe Grete, nämlich was ich Ihnen' sagen wollte . ."
Doch er kam nicht weiter. Max trat ein und brachte ein Telegramm. Artern riß es ihm wütend aus der Hand; noch fluchte ec innerlich, als er aber die Aufschrift las, fluchte et laut: „Herr von Velten, hier ist eine Depescl>e für Sie —* Mm Kreuzmittionendonnerwetter! . . "


