Ausgabe 
10.6.1916
 
Einzelbild herunterladen

Der psingstausflug.

fr Eine kleine Geschichte VVN Josef Kuhnigk.

(Nachdruck verboten.)

Eines Tages eröfssiete mir »Heime Frau von einem Klub­sessel meines Arbeitszimmers aus das folgende:

Mann, das geht so nicht länger weiter mit den beiden. '

Ten beiden?" fragte-ich.

Ja, mau muß dazu ettvas tun."

Etums tun?" fragte ich wieder. . ^ ,

Gott, stell' dich doch nicht so ungeschickt. Tu wirst doch schon gemerkt haben, daß dein Freund Emil Hosenn:ann e:n lehr unschöner Name übrigens, aber dafür kann er offenbar nichts Ich nickte, da auch, ich ihn für offenbar schuldlos daran hielt, daß dein Freund Emil in meine liebe, reizende Freundin Frida verliebt ist. Nicht wahr?" . ^ .

Ich zuckle die Achseln.Gesagt hat er mir noch nichts davon Aber er trinkt in letzter Zeit ein bißchen viel. Wenn düs Sie unterbrach unwillig meinen Erklärungsversuch.Sei nicht so langweilig, ich bitte dich." Und sagte dann sehr bestimmt: So etwas sieht man eben. Ich habe das jedenfalls schon lange bemerkt. Und von meiner lieben .Frieda weiß ich, auch ohne datz sie mir etwas gesagt hat, daß sie deinen Freund Emil ivi^er-, liebt. Tas Unglück will nur, daß er so schüchtern ist und so

kann das lange gehen, ehe ctlvas erfolgt. Ich bin also dafür-

wir machen zu Pfingsten, da dies uns am nächsten liegt, eins Wagenpartie. Bei solch einer Gelegenheit läßt sich manches arran­gieren. Und so zwanglos, m Freien, bei Sonnenschein und Lerchensang, ach, da kann es ja nicht ausbleiben, daß. chm seine Liebe die Zunge löst. Ich schlage also vor, einePWMpartt§ über Hohenberg. Wenn man dort durch den Wald fahrt, den

?ll»hang entlang, von wo man den schönen Blick hat wert hinein

ins Land, und des 'Abends, bei Mondschein nein, nein, es kann da nicht fehlen." . . , , >

Mir war es zwar nicht ganz klar, nne merne Frau sich bet Mondschein einen weiten Mick ins Land vorstellte, aber in der Liebe ist ja alles möglich, dachte ich, und erklärte mich also!

damit einverstanden. _ v

Fräulein Frida Lorzing und Herr Oberlehrer Emu Hofens mann erhielten von uns eine Einladung zu dem denkwürdigen Psingstverlobungsunternehmen und sagten auch beide zu.

*

Tas war ein strahlender Tag, der Pfingstsonntag, ganz so wie man sich solch einen Festtag vorstellt. Der Himmel in Liefern Blau uitb die Sonne darin wie ein strahlend goldnes Juwel; das Land in Harz-- und Blütendnst und Lerchenjnbel über bunten Wiesen und grün wogenden Aetzren.

Fräulein Frida war entzückerrd in ihrem lichter: leichten Kleid und meine Frau womöglich eberiso. Freund Em:l hatte seltsamer­weise seine ciindlichen Forme:: in einen Bratenrock gehüllt, wohl ans Erwägungen und Hoffnungen heraus auf unbegrenzte Mög­lichkeiten. Mich dünkte das kein günstiges Omen, meine Frau aber schien anderer Msicht zu sein, denn sie flüsterte nur beoent- sam zu:Wenn das Herz seine Zunge gelöst haben wird. . . ' und zeigte auf seinen wehenden Rockschoß.

Ter Tag verlief in schönster Harmonie. In Hohenberg hatten wir unfern Wagen eingestellt und wunderten über Berg und Tal, durch Wald und Feld in freundlichstem Austausch und Wechsel der Damen und Gespräche. Zur Mittagszeit i ichtcn wir Rast im Walde, hielte:: ein luftiges und hungriges Mahl und vergaßen auch das Schläfchen im Anschluß nicht. Wir hofften, wenigstens meine Frau und ich, auf die erwartete Ueberraschüng nach freund­lichem Eiwachen. Es geschah aber nichts.

So hieß es also sich gedulden, wenn auch eine getvisse unge^ löste Spannung merklicher bei allen fühlbar lvurde. Besonders schien mein Freund Emil darunter zu leiden, er wurde immep wortkarger. Vielleicht war es die Stille vor dem Sturm, vielleicht auch ein unglücklicher Triumph seiner liebeschweren Schüchternheit.

Nu::, meine Frau hatte jedenfalls noch als letzten Trumpf ihre Mondschein fahrt am Bergeshang, und ich beschloß, in Hohen­berg einen besonders guten Tropfen auffahven zu lassen.

Die sinkende Sonne brachte uns in den schattigen Garten des Gasthofes. Buntes, lachendes Leben umfing uns. Helle, flatternde Kleider an den Tischen, blitzende Augen irnd lustiges Lachen­eine Zupfgeige irgendwo im Fliederbusch versteckt, iiud ein schmach- lende? Liebeslied dazu von frischen Mädchen kehle::. Kellnerinnen in weißen Schiirzen flogen hin und her und hörten von wohl­wollenden Herren freundliche Worte und Bestellungen für den Tisch.

Wir fanden ein hi'ibsches Plätzchen ein wenig abseits unter einer alten Kastanie und hatten bald einen köstlichen Land­schinken für Unseren Hunger und einen feinen Tropfen für die Zunge. Tas wird eine schöne Vorbereitung für die Fahrt, dachte ich mir. Tie Gläser klangen aneinander, die Flaschen mehrtest sich, und leichter und lustiger sprang die Rede. Nur mein Freund Emil lyollte immer nicht so recht wtt. Seine Züngo schien schwer Unter dem Druck seines Herzens. Sie fand noch inimer keinest Kontakt zu hem Gegenpol.

Wir waren inzwischen fast die letzten Gäste geworden in dein Garton. Die meisten der ?lusslügl-er hatten sich längst wieder auf den Heimweg begeben. So beschlossen denn auch nur die Heimfahrt in einer gewissen Spannung aus den letzten Akt.

Aüä dem Wagen saßen mein Freund Emil und ich den beiden Damen gegenüber. Der Mond stand ganz nach Wunsch hell und freundlich am Himmel, urtb die Lust war warm wie in einer Sommernacht, Tas finb gewiß wohl schöne Liebes­ingred ienzien, dachte uh, aber eine Wagenfabrt AU viert, selbst mit Fernsicht am Bergeshang, wie soll sie das große Wunder vollbringen!

Ich wollte jedoch nicht müßig sein und unterstützte dis Stim­mung mit ejnem zweckmäßigen Gesang:

Weh, daß wir scheiden müssen.

Laß dich noch einmal küssen - .

Niemand stimwte jedoch mit ein, was wich indessen nirfjtt beirrte, den schliichzenden Schlag der Nachtigall wenigstens textlich einigermaßen auch weiter Au ersetzen. So waren wir dann an den erwarteten Llbhang gekommen. Ich schaute hinaus und war wirk­lich überrascht ob des schönen, sichtigen Bildes. Der ganz sanft zu Tag abfallende Hügel, mit hohem! Gras und Busch und Strauchwerk überioachsen, lag magisch im fahlen Mondlicht. Ties unten schwam­men bläuliche Nebel. > '

Kinder!" entfuhr es mir.

Da rief auch schon meine Frau dem Kutscher zu halten. Doch was war das! Im gleichen Augenblick erfolgte ein gewaltiger Ruck, der Wagen schleuderte gegen einen Chausseebaum!, und in der liächsten Sekunde fühlte ich schon meine Nase im feuchten Gras.

Himmeldonnerwetter! dachte ich zunächst nur bei mir, dann hörte ich zu meiner Seite meine Frau mich beim! Namen rufen.

Mso sie lebt auch! Das beruhigte mich einig erntaßen.

Wir erhoben uiis darauf so schnell es ging und befühlten unsere Glieder. Alles schien heil, und ich flüsterte ihr nun zu: ,-Sag mal, gehört das auch zu Deinem Programm? Es scheint rmr etn bißchen viel"

Ihren Blick als Antwort konnte ich nicht gut sehen, zugleich aber hörte ich Emils Stimme:Gnädiges Fräulein leben noch? Ach mir ist ein Stein voM Herzen gefallen." Und gleich darauf wieder:Wäre:! gnädiges Fräulein zu Tode verunglückt, ich weiß nicht ich wolltei dann auch nicht mehr leben . .

Donnerwetter, denke ich, das ist ja großartig. Meine Frau! kneift nüch in den Arm.

Sie stehen nun beide im hellen Mondkicht, ein paar Schritte

entfernt.

Nun rverden sie sich in die Arme fallen, erwarte ich gespannt jeden Augenblick. Aber es geschieht nichts, rein nichts) sie sehen

beide zu Boden. Wir warten, schweigen schon Über die Schicklichkeit hinaus. Es bleibt iius schließlich nichts übrig, als uns nach deist Befinden ::nserer beiden Gäste zu erkundigen.

Sie komlmlen wieder zu sich. ja, es ist bei ihnen auch alles gut gegangen.

Das finde ich zwar mir bedingt als zutreffend. Aber was bilfts! Der schöne Moment ist vorbei, :md bald darauf sitzen wir wieder zu viert im Wagen, der wie wir keinen Schaden erlitten hat, und mit schwacher Beteiligung der beiden andern bestreiten wir die Unter­haltung für den Rest der Fahrt, bis wir vor unserer Wohnung yalten.

Ja, das ist nun Essig mit unsernt Pfingstverlobungsausflug, denke ich in: Äussteigen, als mich Emil beim Arm nimmt.Du müßt m!ir heute noch imWeißen Raben" Gesellschaft leisten. Ich habe Dir etivas Dringendes zu sagen. Deine Frau wird gewiß nichts dagegen haben."

Dringendes? Nein, da hatte meine Frau nichts dagegen. Und da es überdies schon spät tvar, wurde beschlossen, daß Fräulein Frida bei uns zur Nacht bleiben sollte, statt in ihrer Pension und meiner Frau indes Gesellschaft leisten.

Wir machten uns! dann auf den Weg zumRaben",- der eist wenig außerhalb der Stadt in einem! schönen Park lag.

Wir sprachen so gut wie nichts, während unsere Sohlen iM gleichen Takt in dem! Sande knirschten. Aber als wir dann in grüner: Laube bei einer FlascheWilttnger Kiip" saßen und ungehört und ungestört von den ander:: wenigen Gästen zu zweit, da vertraute ev mir zaudernd und stockend seine Liebe an.

Ich danke Euch beiden, besonders für den heutigen Tag, und es war weiß Gott bei den: Unfall eine so schöne Gelegenheit. Aber im> letzten Lm genblick, als Frida Fräulein Frida im'mer so still und kühl blieb, da ja da verzweifelte ich wieder. Sie liebt Mich eben nicht. Mich liebt überhaupt keine Frau!" schloß er und trank seinen Römer bis zur Nagelprobe.

Ich tat ihm Bescheid:Lieber Emil," und sch-enkte von neuem ein,ich glaube. Du irrst Dich in den Frauen und besonders rn Frida und ihrer Liebe zu Dir. Wenn sie etwas an Dir nicht liebt, so ist es Deine Schüchternheit."

Er seufzte und leerte das neue Glas. ,

Ja," sagte er,das ist richtig, und ich werde meine Schüch­ternheit nie überwinden. Heute morgen glaubte ich noch au dis Möglichkeit und zog mir in weiser Voraussicht des festlichen Falls meinen Bratenrock an. Nun bin ich damit vor mir selbst der Lächer­lichkeit verfallen."