Ausgabe 
10.6.1916
 
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Jenen Ferne nabend, kvo er die Mädel an der Schleuse ge­funden, die nackten Füße im Wasser kühlend, und wo er die Eltern überrascht hatte. Wie hatte die Mutter sich damals gefreut urtJ> wie hurtig war sie bei der Hand gewiesen, sein kleines Zimmer in Ordnung zu bringen urrd das Mendbrot Ar bereiten. Aber kein Diener hatte serviert; da brachte noch die Magd die Schüsseln herein und stellte sie auf den Tisch, urrd es gab kein Porzellan, sondern Bunzlauer Stein­gut, und kein Silber, sondern Stahl urrd es war ein Er­eignis, werrn Vater selbst in derr Kelter ging und holte eine Flasche Rheinwein heraus, von der er mit bewußter Feier- lichkert den Staub fortblies, ehe er sie mit Vorsicht eut- korkte...

. Als sollte ein Stückchen Vergangercheit wieder zu Leben Werden, so war es Otto, da er hörte, daß der Diener sich Al Grete herab beugte und ihr leise meldete:Gnädiges Fräulein verzeihen Herr Kantor Fürbringer ist draußen Und wollte den Herrn'Doktor begrüßen..."

In den kleinen Salon," befahl Grete; aber dagegen Wehrte sich Otto.

Nein, Grete, hierher soll er kommen," sagte er;er stört uns nicht, er soll ein Glas Wein mit uns trinken keine Steifheit, wenn ein alter Freund uns besucht, und keine Förmlichkeit, wenn eine frohe Erinnerung an die Türe klopft!..."

Ohne weiteres und mit liebenswiirbigem Lächeln war Grete einverstanden und Fürbringer durste eiutreteu. An ihm schienen die Jahre vorüb ergewandert zu sein, ohne Spuren zurückzulassen. Nicht auf dem hageren pergamente­ner: Gesicht mit dem schwarzen Schnurrbarlklecks auf der Oberlippe, auch nicht auf dem alten Napoleonsrock mit der tiefen Taille und den gefältelten Schößen. Es war der spartanische Fürbringer von ehemals, der in das Zimmer trat und seinSalve" rief und Otto glückstrahlend die Hände entgegenstreckte und mit seiner Kommandostimme sägte:Otto der Große, mächtig gewachsen an Seele und Leib kraftvolle Jugend und Glorie der Tugend, aller Wissenschaften Meister, dich grüßt das bescheidene Alter!..."

Er mußte Platz nehmen, roch an der Blume des Weins, den man ihm eingoß und tat wie ein Gourmand: ließ einen Schluck über die Zunge rollen unb äußerte:Es ist etwas Köstliches um ein Glas Rheinwein" (es war aber Mosel). Nun mußte er Otto erzählen. Zuerst kam die Erbitterung Worte. Er war nicht gut zu sprechen auf den neuen Pastor, denüberseeischen", den er einen Sklavenhalter nannte; es hing eine Nitpferdpeitsche in seinem Arbeits­zimmer und auf seinem Schreibtische lag ein gebleichter Menschen kn ochen. Fürbringer wußte noch mehr, aber er sagte, er wolle nicht schwatzen; man möge den Grafen Ariern fragen, der wisse, wie es in den afrikanischen Missio- nen zuäehe. Er tat, als sei die spanische Inquisition ein Kinderspiel dagegen, ließ auch, Halo verschluckt, das geheim-- nisvolle WortPfandweib" fallen und sprach dann unver­mittelt von der Freibeit des Gewissens. Was ihn am meisten empörte, war die Bemängelung seiner Pädagogik von seiten des neuen Schulvorstandes. Ihn: wägte man dies zu bieten, einemPestalozzi und Jahn zugleich"! So hatte Fürst Herrfurth ihn einmal betitelt Gott Hab ihn selig, es war ein Mann, der mehr von der Erziehung der Jugend verstand als dieser Doktor Justus Freitag, den der Herr in seinem Zorn direkt aus Afrika in das Nuthetal geführt hatte.Otto," rief Fürbringer,es handelt sich nicht um mich, es handelt sich um die ewige Wahrheit: was Waren die Kinder von Gotternegg ehemals für bleichsüchtige Geschöpfe, und wie wuchsen sie heran unter meiner Hand, so frisch, fröhlich und fromm! Fromm mit Verlaub; ich lehrte sie nicht, den Kopf neigen und heuchlerisch die Augen verdrehen ich führte sie hinaus, wo Gott den Wald wachsen läßt und die Berge türmte, ich habe ihnen die Schöpfung gezeigt und auf nächtlichen Wanderungen den Sternenhimmel und den Großen Bären erklärt und das Haar der Berenice ich habe auch. dem Vaterlande ge­dient! Wir haben praktisch Geschichte gelernt; wir haben bei Roßbach und Fehrhellin gekämpft, ich wgr der alte Fritz, ich war der Große Kurfürst, ich war Zielen und Froben da stand der Feind, wir griffen an, wir haben Wie die Helden gefochten, lote hieben wir auf die Schweden ein, wie freuten wir uns des Sieges! Das ist Auschauungs'- unterricht, meine Herren, und ich hatte rotbäckige Kirwer um mich und keine Treibhauspflanzen; es wuchsen die Muskeln und der Mut tu der Brust, es war ein neues Ge­

schlecht, kernfeste Bengels und stramme Mädel und da kommt mir nun einer und erklärt: mein System sei falsch! Ja, Otto, ich schreibe an einem Werke, ich werde es oen Manen Jahns widmen und dem Kultusminister überreichen lassen, das wird mir die Fürstin besorgen: in diesem Werkei werfe ich alle Theorien über deu Haufen und stelle ganz neue pädagogische Grundsätze auf, die in der grünen Praxis wurzeln! Praxis Praxis keine fade Theorie? Eine frische Jugend, keine mit Brillen uud Scheuklappen? Darauf trink' ich..."

Er war erregt, wollte kühn den Wein in die Kehle gießen uud verschlückerte sich. Otto klopfte ihn: auf den Rücken, der Burgmüller sprach beruhigende Worte. Mer Fürbriuaer war im Zuge. Er wetterte noch lange, hatte auch mancherlei an den: neuen Lehrer auszusetzeu: der meine es zwar gut, aber er sei ein Stillsitzer uud ein Pedunt< der stramme Zug fehle. Und dann sagte er Otto Schmeiche­leien; man habe vernommen, daß der Herr Doktor auf dem Wege sei, ein berühmter Mann zn werden; man habe in beit Zeitungen darüber gelesen, wie man in der hygieni­schen Versuchsstation dem Mikrobengesindel zu Leibe gehe und immer wieder neue Bazillen entdecke... Die andern kamen kaum zu Worte. Fürbringer sprach unaufhörlich; er war noch der alte brave Kerl, aber geschwätzig geworden. Auch der ungewohnte Wein, so leicht er war, stieg ihm zu Kopf. Nach dem dritten Glase wurde er wehmütig und drückte dem Burgmüller über deu Tisch hinüber tränenden Auges die Hand und dankte ihm für alle erwiesene Güte> Und als man aufstaud, mußte er sich einen Moment an der Stuhllehne festbalten, um nicht zn schwanken.

Er empfahl sich bald. Grete halte das Bedürfnis, sich auf ein Stündchen zurückzuziehen, und Reschke bat Otto, mit ihm in seinem Zimmer eine Zigarre zil rauchen.

13. Kapitel.

Von großstädtischen Wandlungen in Gotternegg, von einem Früh­druck Gutenbergs Und von einem Telegramm, das wenig sagt und viel ahnen läßt.

In diesem Zimmer umwehte Otto wieder ein Odem der alten Heintat. Hier hatte Grete dem Burgmüller nachgeben müssen, der es sich ansbedungen hatte, einen Teil des Mo­biliars von früher für sich zu behalten. Gerührt schaute Otto sich um. Da tickte die Uhr mit dem Moudgjesicht, da stand noch der Schreibtisch mit dem merkwürdigen Pilasterbau in der Mitte und der henkellosen Wedgwoodtasse, da hing auch noch das Napoleonsbilo, und die zwischen Glas und Litho­graphie eingeklemmte, zur Mumie gewordene Fliege hätte sich nicht um ein Atoni verrückt. Es war alles wie einst; man hätte!glaubeu können, nun müsse es au die Türe klopfen und Mauske, der Vogt, eintreten, um mit seiner dünnen Kiuderstimme zu melden, daß die Ställe geschlossen seien.

Die beiden steckten sich Zigarren au uno setzten sich auf das mit geblümtem Cretonne bezogene steiflehuige Sofa. Keiner sprach anfangs. Sie saßen nebeneinander, rauchten stark und starrten vor sich hin. Aber ihre Gedanken begeg­neten sich, ob sie auch schwiegen, und jeder wußte es von dem andern.

Ja, ja," sagte plötzlich der Alte uud seufzte leise auf; ja, jcj, mein Junge so tst es..

So ist es," wiederholte Otto; er verstand den Vater. Aber ich hätte es anders gewünscht ich wollte, du wärst härter gewesen. Manches begreife tch ja. Die Grete hing dir iinmer besonders am Herzen. Und nun warst du allein mit ihr, und da wurdest du schwach. Mer der Unterschied« ist doch gar zu groß, der zwischen heute und einst Und, daß du, d u dich hier heimisch fühlst, das versteh' ich doch« nicht so recht. Du warst immer mehr für die Ein fachbeit."'

Bin ich auch heute noch, Otto," sagte der Burgmüller; schau dich 'mal um: das ist meine Stube da hat sich« wenig verändert das Hab' ich mir retten köirneu aus der Zeit vor der Mutter Tode. Mer siehst du, es kam sy nnfi Fant so Und ich konnte nicht anders. Es kam so, wie dA Mutter immer prophezeit hat: die Grete würde einmal aunz plötzlich aus unseru Verhältnissen bprauswächsen sie hatte von jeher ihre eigenen Ideen und ihren Kopf für sich und im Grunde genommen Otto, ich bitte dich: Was schadet es denn? Das neue Haus unh dte Parkanlagen Und die Reitpferde und Equipagen wir fönnen'l ja hadeu. Ich Will dir meine Büchep vortzasn Itnb die Abrechnungen von. der Bank es ist genug."

(Fortsetzung folgt.)