Die arme Prinzessin.
Kornan von gefror von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.^
^Fortsetzung.)
Der bucklige Jsaaksohn verkaufte Grete einen Zwerg- tthpinscher mit ausführlichem Pedegree; Artern erklärte, das Tier sei aus drei Rassen zusammengesetzt, eine „vereinigte Hundeausstellung". Er spöttelte über ihre Zeiteinteilung und sagte ihr, sie sei von jener entzückenden Faulheit, die er sich selbst immer gewünscht und nie habe erreichen können. Der kleine Krieg zwischen den beiden ritz nicht ab; aber beide hatten sich gern, und das wußten sie.
In Wahrheit war Gras Artern oft genug der Korrektor für die Wesensart Gretes. Seine frische Natürlichkeit vertrieb ihr das Gezierte. Sein ungeschminktes Urteil fiel meist »auf fruchtbaren Boden. Die geistigen Jüteressen beider waren gering; Artern las fast giar nichts, und Grete nur hin und wieder pflichtgemäß ein Buch, das die Fürstin ihr jünempfahl; dafür dichtete sie zeitweilig, wenn sie ein neues Neglige bekommen hatte und es reizvoll fand, sich in diesem an ihren kleinen Bouleschreibtisch zu setzen, während Flieder- dnft in das Zimmer schlug oder im Kam'in das Feuer knisterte. Aber im Sportlichen fanden sich beider Interessen, und das tvar wiederum ein Glück für die faule Grete, denn es riß sie wenigstens ans der physischen Trägheit heraus.
Anfänglich waren sie häufig allein in den Wald geritten, in die Berge, über Heide und Stoppel. Aber als Lilian einmal eine anspielende Pemerknng gemacht hatte, ritt immer ein Reitknecht zehn Galoppsprünge hinter ihnen her. Die eigenen Pferde genagten Grete bald nicht mehr; es war ihr ein Vergnügen, auch für die Fürstin zuweilen einen Dreijährigen fromm zu reiten oder ihr erneu neuen Vierer- Kug ernzufahren. Artern war ein brillanter Lehrmeister, und so kanr es, daß das niedliche „Mullerrnäjdel" allgemach in der ganzen Umgegend als kühne Amazone und schneidige Fjahrerin bekannt wurde. Sie ritt die Schleppen mit und jagte den Fuchs und war am Hubertustage allen voran, wenn der stöhnende Schwarzrock durch den See getrieben wurde. Die jüngeren Herren sagten, sie sei ein „ganz famoses Mädel", die älteren bekamen blanke Augen, wenn sie sie sahen, und wischten sich den Bart; von den Damen stand ihr Stur die Fürstin näher, die sie aufrichtig gern hatte, andre hielten sie für emanzipiert; Artern aber erklärte: „sie ist ein verdrehter kleiner Fisch Und ein lieber, lieber Kerl"... Seit einem halben Jahre erwog er mancherlei, rechnete zuweilen seine paar Schulden zusammen, zählte häufiger an fernen Knöpfen ein geheimnisvolles Ja oder Nein ab und sah tu den Abendstunden dann uttd wann ungemein sinnend ans. Aber zu einem Entschlüsse kmn er nicht. —
Als der Reschkesche Wagen vor dem Millerschlosse hielt, lahen dw Aussteigenden zu ihrem Erstaunen unter dem tief
eingebauten Portale Otto stehen. Er hatte der Beisetzung des alten Herzogs beiwohnen wollen, aber sein Zug war mit so großer Verspätung eingetroffen, daß es nicht tnehr mög- lich gewesen war, rechtzeittg nach Emsöirch zu kommen. Nun wollte er Zeinen Tag bei dem Vater verbleiben und zugleich auch den Freunden drüben im Schlosse die Hand drücken.
Der Bnrgmnller war überglücklich. Er konnte sich nicht sattsehen Mt seinem stattlichen Sohn. Eine besondere Freude tvar es ihm, daß auch Otto glatt rasiert »ging — gerade wie er. Großvater und Urgroßvater hätten es genall so gehalten, erzählte er, man sehe es noch an den Bildern: im glatten Gesicht der Reschkes gebe es keine heimliche Tüae, die krieche in- den Bart hinein tlnd verstecke sich im Haar. Er erzählte auch flugs eine alte Anekdote von diesem glatten Gesicht; ein Ahn tvar der Held und die Geschichte ging schnurviaj aus.
Auch zwischen Grete und Otto tvar die Begrüßung geschwisterlich herzlich. Dann sollte geluncht tverden, und Grete rief den Diener (der Bob genannt wurde) und gab it>m Bn- fehle an die Mamsell auf den Weg. Otto schüttelte den Kopf. „Was soll genracht werden?" fragte er, „geluncht- Als ich das letzte Mal hier war, ging es ja auch schon sehr fein zrl, aber da. frühstückte man doch -noch auf ehrliche deutsche Weise — und jetzt „luncht" man bei euch! Und da tvar
auch noch kein Diener da-ja, Vater, tveißt du dich denn
lnit diesem Bob würdig zu stellen?"
„Es geht schon," erwiderte der Alte, gutmütig nickend, „mau gewohnt sich ja an altes. Aber zuerst fam er mir überall in die Quere; er hat so eine merkwürdige Geschäftigkeit. Er hat übrigens auch feine sehr guten Seiten, lieber Otto; zunl Beispiel legt er immer dle Hosen lätlgs der Bügelfalte zusammen, und die Stiefeln putzt er nicht, sondern er nimmt Creme."
„I Gott bewahre," rief Otto lachend, „steht denn die Welt auf dem Kopf! Vater trägt Hosen mit Bngelfaltetv und auch die alte Perleberger Glanzwichse ist aus diesem ritterlichen Hause verbannt worden? Ist kein Haushofmeister da, bamit er mich erst lehre, wie ich mich zu benehmen habe, ehe ich es tragen darf, mich an enern Tisch zu setzeil! — Vater, ich sehe es konlmen: du wirst noch geadelt itnb die Grete heiratet einen Grafen!..."
Grete wurde purpnrrot und entfloh, um „Toilette zu machen". Auch dies war üblich geworden: Vater Reschke hatte sich täglich dreimal nmznkleiden. Beim „Lluich" bat Otto feierlich um Verzeihung: er trug noch seinen Reiseanzug. Mer er zähmte seine Spottlust, so lange der Diener servierte. Er tvar sogar galant genug, Grete ein Schmeichelwort über Frühstück und Service zu sagen. Bob glitt mir über den Teppich, präsentierte gewandt, goß den Wein tnit Verständnis ein und erwies sich auch sonst als ein Muster seinesgleichen; es uxtr ein vornehmes Gebahren in dein schön boisierten Speisezimmer mit der großen eisernen Radkrone, die von der getäfelten Decke, herab hing.
Und da wanderten Ottos Gedanten unwillkürlich zurück in vergangene Tage, in die Zeiten seiner Kindheit und an


