das Schliminste ist: cs hat ihm immer an Selbstzucht gefehlt."
„Das ist es," fiel Harro ein: die strenge Hand fehlte, die er brauchte. Bei der Haltlosigkeit seines Charakters und der Zerfahrenheit seines Wesens hätte es erzieherischer Energie bedurft, das Gute in ihm zu lvecken und auszubauen. Es ist schade um Volko: ich'habe in der Tat gehofft, daß die Ehe ihn günstig beeinflussen würde.
„Lieber.Harro, ein solcher Einfluß ist immer nur unter dein Empfinden gegenseitiger Achtung möglich."
„Was heißt das, Lilian? — Wagt es Bolko —"
Sie hob die Hand, um seiner raschen Frage vorzubeugen. „Laß," sagte sie, „ich will nicht klagen... Es hat manche häßliche Szene gegeben. Da bin ich still geworden, und er ging allein seiner Wege. Das kommt vor — bei Vernunftheiraten und auch bei Liebesehen. Es kann vor- übergehen. Man wird älter, man tobt sich aus. Du siehst, ich bin ganz verständig. Ich hoffe nicht viel, aber ich verzweifle auch,nicht, liebet den großen Kummer bin ich hinaus. Ich habe mein Kind und meine Arbeit — die füllen mein Leben aus..
Der Wagen vielt unerwartet. Harro beugte--sich aus dein Fenster, riß dann den Schlag aus und sprang hinaus. Kutscher und Diener waren vom Bock gestiegen; bei dem Viergespann war einer der Verbindungsriemen zwischen den Vorder- und den Stangenpferden gerissen. Der Kutscher entschuldigte sich, er war außer sich; er begriff iiicht, wie das hatte Vorkommen können. Die Pferde waren unruhig; sie hörten hinter sich das Wiehern anderer Gäule. Harro ließ die nachfolgenden Wagen voran fahren. Es war eine ganze Reihe: die Gesellschaftsdame der Fürstin mit dem Hofchef Grafen Artern, Reschke mit seiner Tochter, Jost mit Velten; noch mehr schlossen sich an: Madame Balfour, Beyfuß und seine Frau, die Wagen der Beamten, des Pastors von Gotternegg, des Rentmeisters Kappstein. Auch Graf Artern hatte halten lassen und eilte zur Hilfe herbei. Aber es war nicht so leicht. Die Vorderpferde bäuinten, warfen die Köpfe und bedeckten das Gebiß mit Schaum: auch die Stangenpferde wurden nervös. Dabei stellte sich heraus, daß dem Kutscher der Hilfsriemen aus dem Wagenkasten abhanden gekommen war. Nun fluchte .Harro, und Artern fluchte mit. Inzwischen war auch die Fürstin aus dem Wagen gesprungen und stand im strömeilden Regen neben den Pferden, beklopfte und streichelte ihnen den Hals und
zur Not Riemen und Strick ersetzen. Ter Kutscher drehte den Schleier zusammen und kroch vorsichtig zwischen das unruhige Getier. Währenddessen hielten der Diener und Harro die Stangenpferde am Gebiß, und Artern ftanb mit der Fürstin zu Häupten der Vorderpferde. Lilian war blaß, aber ganz ruhig. Sie hatte den Gaul mit nervigen Händen an die Kandare gepackt; er riß sie hin und her, wollte steigen und bedeckte das Kostüm der Fürstin mit weißen Schaumflocken. Der Regen strömte auf sie herab; vom Hutrande lief über ihr' Gesicht ein graues Wasser. Harro schaute besorgt zu ihr hinüber; sie sah es und nickte ihm lächelnd zu.
„Fertig!" rief der Kutscher. Mau stieg wieder ein „Mein Kompliment, Lilian," sagte Harro halblaut. Artern bemühte sich, die völlig durchnäßte junge Frau in Decken zu wickeln. Die Pferde zogen an. —
„Was war denn da los?" fragte der Burgmüller in seinem Wagen die neben ihm sitzende Grete.
. „Ich weiß es nicht, Papa," antwortete diese, „es muß irgend etwas am Zaumzeug in Unordnung sein
Sie unterhielten sich nicht viel. Reschke lug in der Wagenecke und rauchte, das hatte Grete erlaubt- in ihren kleinen Salon wagte sich der Alte iiicht mit der brennenden Zigarre hinein. Grete führte das Regiment im .Hause; der &ater stand vollständig unter ihrem Pantöffelchen und ließ es sich gefallen. Man merkte ihm an, daß ihm die gewohnte Bewegung fehlte. Er war sehr stark geworden; der'Havelock aus feinem Tuch umhüllte riesige Glieder. Das Gesicht war em wenig gedunsen, aber immer lioch frisch in den Farben- nur das Auge war leerer geworden.
Grete starrte durch die tropfenden Fensterscheiben in den rnegen hinein. Nun gab es Trauer in Gotternegg, lind ein langweiliger Winter stand bevor. Das wären trübe Aussichten sur die überschäumende Lebenslust der Kleinen Sie hatte jo gern einmal eine gaifott in Berlin oder PariH
dnrchtobt; aber der Vater wirr zu schwerfällig, Um derlei; Wünsche zu berücksichtigen. Aiis Gotternegg hatte sie ihü noch nicht herausbekommen. Sie hatte im übrigen so ziemlich alles erreicht, was sie wölkte. Im Müllerschlösse herrschte ein großer Train; vom Alten war nicht viel mehr übrig geblieben, als die große Linde vor dein Portal und Schiimv- zerl, der Kettenhund. Aber auch der hatte ein neues Heim erhalten, eine stilisierte Hundehütte, in der er sich unbehaglich fühlte; er kränkelte, wurde struppig, und immer heiserer, und wenn er freundlich mit dem Schwänze wedeln wollte, so sah dies sehr wehmütig ans. Selbst die Spatzen ärgerten ihn nicht mehr>; sie spielten vor seiner Hütte fyetum und nisteten sich zuweilen iit seinem Stroh ein; Schnauzerl schaute ihnen mit blinzelnden Augen zu uiid bewegte höch? stens einmal unmutig die Ohren, ©t war recht alt ge- worden.
Das war auch der Burgmüller. Uebrigens wünschte Grete iiicht, daß inan ihn noch also benannte. Man titulierte ihn also „Herr Reschke", und das kam den meisten befremdlich vor. Der Diener hatte es sogar mit „gnädiger Herr" versuchen müssen; da wurde Reschke rot und verbot sich das. Sonst war er geduldig und fügte sich willig der: Launen seines Töchterchens. Er tat nicht mehr viel, bekümmerte sich wenig um die Wirtschaft, ging täglich an das Grab seiner Frau urtb konnte stundenlang über der Zeitung sitzen. Da weckte Grete den Ehrgeiz in ihm. Er »rußte sich in den Kreistag als Vertreter des mittleren Grundbesitzes wählen lassen und wurde Staiidesbeainter. T-as machte ihm Spaß. Nun sollte er im nächsten Jahre auch für ben Landtag kandidieren. Aber das war ihm zu viel. Er erinnerte sich jüngerer Tage; da hatte inan ihn schon einmal als Kandidaten der bereinigten nationalliberalen, und freikonservativen Partei proklamiert, unb bei einer Versammlung war er mit dem Gegenkandidaten heftig zusammengeraten und harte ihn im Eifer der Sache gehörig verhauen. Die Gerichte hielten dies nicht für zulässig und verurteilten Herrn Gottfried m einer hohen Geldbuße. Von dieser Zeit ab war Reschke die politische Tätigkeit verleidet.
Aber am ärgerlichsten war Grete darüber, daß der Vater iiicht reisen wollte. Er hatte schweigend zugesehen, mic das Burg lehn „herrschaftlich" wurde. Doch die' Scholle verließ er iiicht. Der Gedanke, wochenlang dem Grabe seiner Frau fern bleiben zii sollen, war ihm unerträglich. Das fesselte auch Grete an die Heimat. Im Sommer ließ es sich hier schon leben. Da fehlte es nicht au Abwechslung. Sie stand in regem Verkehr mit dem Schlosse drüben, wo häufig Gäste iveilteu; sie war unter Arterns Anleitung auch eine siriup Reiteriii geworden und saß viel im Sattel — jedweder Sport machte ihr Freude. Aber der Winter war langweilig.
Grete war ausfallend hübsch geworden, eine Brünette mit matt gebräuntem Teint und zarter Blutfärbung der Haut, mit prachtvollen Augen und etwas kecken, aber in der Gesamtheit sehr reizenden Zügen; sie hatte vor allein cineu schön gezeichneten Mund und eine gute Figur. Das Dralle hatte sich ausgewachsen und war zu schlanker Fülle geworden. Da aber die Mode der Magerkeit und der „Linie" voir Eiiglaiid herübergekommen war, so hungerte Grete, betrieb eifrig Gymnastik und beneidete im ftiUeit Eva Storni; die batte einen durchaus wackern Appetit und blieb doch knabenhaft zierlich.
Grete steckte voll eitler Schnurren — wie damals als Kiiid. Aber die Mutter lebte nicht inehr, die sie ihr aus- zntreiben verstand, die sie in den Knhstall schickte und an die Buttermaschine und sie am rosigeil Ohrläppchen nahw, wenn der Hochmutsteufel sich regte. Der Vater war schwach geworden in der Vergötterung des Kindes. Otto pfefferte seine Briese mit Sarkasmen; er mokierte sich bitter über die „neue Aera" im Burglehn. Aber das geschriebene Wort wirkte nicht. Da blieb Gras Artern der einzige, der Grete noch zuweilen die Wahrheit sagte.
Er tat das in seiner luftigen, durchaus nicht von festen Prinzipien angelrankelteil Weise. Er ärgerte sich, wenn Grete einen Brillantschmuck trug, der nicht zil ihrer Jugend! paßte, und machte seine Bemerkung über die Kniestieseln aus rotem Juchten, die unter dem Reitrock des Mädchens sehr niedlich, über herausfordernd kokett hervorschanten. Er hatte gewöhnlich irgend etwas an ihr auszusetzen. Er gab sein Urteil über ihre neuen Kostüme ab; sie gefielen ihm feiten, und wenn er die Preise hörte, sagte er, es sei ein Skandal/ (Fortsetzung folgt.)


