Ausgabe 
7.6.1916
 
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Die arme Prinzessin.

Koman von Fedor von Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.'»

(Fortsetzung.)

Während der Regen unaufhörlich aufs Verdeck des Wagens herniedertrommelte, sprach .Harro weiter. Er hatte Dombach geerbt. Aber er dachte daran, es seinem Bruder zu verkaufen, der die Besitzung in die FideikommißgüLer aufnehlnen wollte. Harro besaß gar kein Heimatsempsin- den. Er erklärte auch knrzwea, daß er sich den deutschen Verhältnissen -entfremdet fühle. Er wav ganz Engländer geworden, sprach sich über England selbst aber doch immer in sehr reservierter Weise aus, wie denn überhaupt alles, was er sagte, den Eindruck einer gewissen kühl vornehmen Zurückhaltung machte. Schließlich "sprach er auch von den ijxnen, außerordentlich umfangreichen Kohlenlagern, die auf Gotterncggschem Gebiete gesunden worden waren, und schlug Lilian vor, bei der Erschließung seine Firma zu beteiligen.

Ich würde ohne lveiteres dafür sein," entgegnete die Fürstin,aber ich fgrchte, man wird wieder über mich hersallen, w-enn ich nicht heimische Kapitalkräfte heran­ziehe Gerade weil ich selbst Amerikanerin bin, habe ich mehr Rücksichten zu nehmen als andere. Km übrigen ahnst du gar nicht, wie schwerfällig Bolko in derlei Fragen ist."

Apropos Bolko," fiel Harro ein; ich möchte nicht ausdringlich sein, Lilian, aber du kannst dir denken, daß mich sein Schicksal lebhaft interessiert. Geht es ihm immer noch nicht besser?..."

Wohl eine Minute lang schwieg Lilian. Sie hatte sich in die Polster zurückgelehnt und ließ die Pompons an dem Zugriemcn des Wagenfensters in mechanischerSpielerei durch ihre Finger gleiteil, während sie die Augen gesenkt hielt und ein Schatten über ihre Stirn ging.

Äesser?" wiederholte sie endlichO, Harro um ihn sorge ich mich eigentlich nicht, aber um uns um uns beide..." Und dann fuhr sie leiser mit schwerem .Ttznfseufzen fort:Wir hieben zu spät eingesehen, daß wir nicht fiftehtcmbei* geschaffen fiitb ..."

Der Mafknickte, und auf sein kluges, glattes Gesicht, das ttur selten die Regungen seiner Seele widerspiegelte, trat ein >Zug aufrichtigen Mitgefühls.

Arme Lilian," sagte er und hauchte einen Kuß auf ihre Hand.Ich ahnte so etwas... ich ahnte es längst... Und Sn liebtest ihn doch!"

Fa," gab sie zur Antwort,ich habe ihn sehr geliebt... Kch nxljj wohl: Hunderte haben gesagt, mich locke nur seine Krsne. Harro, ich hätte nicht ein Mädchen sein müssetz, wenn nicht auch eitel «westn wäre. Gewiß ich freute mich Wer den Titel Durchlaucht lute üder eine hübsche Spielerei, Mer ein ZWnluAstück oder ein neues Kleid. Aber ich Mtte

meinem Vater zum Trotz nein gesagt, wenn ich keine Nei­gung zu ihm gehabt hätte. Und war er denn nicht auch liebenswert?"

Gewiß, Lilian ich verstehe alles. Eine glänzende Erscheinung, von strahlender Liebenswürdigkeit, gutmütig, wevaleresr ganz der Mann, ein Mädchenherz zu fangen. Ganz so wie Kola Bura-edoin! . . ."

Nein," entgegnete Lilian nach kurzem Besinnen,doch anders, Harro. Annemarie lebt in einem einzigen großen Rausche des Entzückens und ich gönne es der Kleinen- ich wollte, das Glück hielte an. Aber schau Kola in die Augen und schau in die Bolkos da siehst du den Unterschied der beiden. Hinter dem dunklen Samt im Auge Kolas liegt immer etwas wie Tücke; es ist, als schlummre ein Raubtier Zarinnen ich möchte sagen, etwas von der Bestie der Un­kultur. So empfinde i ch es, aber ich kann mich täuschen. In Bolkos hübschen Augen liegt nichts. Und dieses er­tötende Nichts das trieb uns auseinander. .

. Wieder nickte der Graf. Genau so hatte er es voraus- gesehen.Es war eine Torheit, daß er den Abschied nahm," sagte er.

Lilian zuckte leicht mit den Schultern.Vielleicht. Aber er schwur darauf, der Frontdienst öde ihn an. Ich fand es im übrigen ganz begreiflich, daß er nach dem langjährigen Interregnum di-e .Herrschaft endlich irr eigene Verwaltung nehmen w»Ute. Ich freule mich sogar darauf, denn ich hofsttz. die Arbeit auf seinem Grund und Boden würde ihm Spatz machen, zumal er verzeih, wenn ich das erwähne nun­mehr in der Lage war, mit großen Mitteln wirtschaften zu

können-Lieber Harro, daß er nicht zu rechnen weiß, datz

er unpraktisch ist alles das ist gleichgültig, denn ich stehe neben ihm, und mein Plebejerblnt verleugnet sich nicht, wenn seine Hand allzu lycker wird. Aber daß er nicht imstande ist, sich aus seiner Schlaffheit emporzureißen, daß er nichts nichts weiter ist als ein weichlicher Genußmensch, das hat mich, die ich selber eine tätige Natur bin, oft genug zu? Verzweiflung gebracht. Und übrigens das ist ja nicht alles ... die Menschen sind verschieden auch das hätte ich ertragen . . ."

Sie brach ab, strich mit der Hand über ihre Stirn und sagte klanglos:Ich weiß, daß er mit seiner.Geliebten in Venedig ist."

Harro fuhr aus.Aber das ist ja empörend!" stieß er hervor.

Vielleicht beurteilt man die Eskapade andererseits mil­der," entgegnete Lilian.Ich selbst habe ihm anfänglich viel verziehen. Er langweilte sich hier; ich riet ihm, auf ein paar Tage nach Berlin zu fahren. Das wurde zur Gewohn­heit; Paris folgte und Monte Carlo. Dazwischen lagen nur die großen Jagden in Gotternegg. Dann begann er über seine Gesundheit zu klagen. Er fühlte sich nervös, ewig müde und abgesprnnt; aber ich glaube nicht, daß er körperlich leidend ist. Er ist nur eine unglückselige Natur und. was