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Ihre Hände ballen sich noch. Velten spürte den leisen Druck ihrer Finger und hyrte wie im Traume, das; sie sagte: „Würde es Sie denn nicht auch freuen. Sie glücklich zu wissen? . . ..
Er sank zu ihren Füßen nieder, küßte ihre Hände und sprach mit leiser, aber von Leidenschaft durchbebter Stimme: „Ja, Annemarie, es würde mir eine Herzensfreude - sein, wenn ich das wüßte. Ich möchte alles Glück der Welt auf Ihren blonden Scheitel häufen, ich würde in Ihrem Glücke selbst glücklich sein. Aber ich sorge mich — ich weiß nicht warum. Ich kenne Ihren Auserwählten nicht, ich habe ihn nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen. Auch die Meinung des Fürsten Herrfurth sagt mir nicht viel: Leichtsinn kann sich wandeln, und Ihre feste kleine Hand wird seine Torheiten zügeln. Und doch sorge ich mich. Es dünkt mich fast kindisch, daß ich hier zu Ihren Füßen liege, als sei ich selbst ein Liebhaber und bettle um die verschmähte Gunst. Lachen Sie über den großen Narren — es tut mir nichts. Der Narr hat Ihre Kindertage behüten helfen —■ auch er hat Rechte an Sie. Annemarie, ich bitte, bitte, bitte Sie: lassen Sie sich Zeit, durchforschen Sie Ihr Herz, fragen Sie es tausendmal, fragen Sie es immer wieder! Fürst Herrfurth sagte mir, er habe Bura-eddin um eine Bedenkfrist ersucht; di- schützt sie. Bitten Sie Ihre Prinzessin um Verlängerung Ihres Urlaubs und bleiben Sie hier. Sie werden hier Ruhe finden, und die wird Ihnen auch Klarheit bringen. Wollen Sie mir das versprechen? ..."
Sie schaute mit eigenem Ausdruck im Blick auf den erregten Mann, ein wenig starr, und wirklich gingen ihre Gedanken weiter und sie dachte daran, daß so auch Kola zu ihren Füßen liegen werde. Sie fühlte wohl durch die raschen Worte der Angst hie verhaltene Liebe zittern, aber wieder war es Kola, der ihr von seiner Liebe sprach, und sie glaute im tiefer sich verdüsternden Abendschein sein Gesicht zu sehen — und es stieg wie ein Durst in ihr auf, die Wange zu küssen, die sie geschlagen hatte.
„Was Sie verlangen, Velten, ist zu viel — ich kann es nicht," sagte sie ruhig. „Und frage ich tausendmal mein Herz, es wird tausendmal dieselbe Antwort geben. Bedenkzeit — lieber Gott, was soll ich bedenken? Wär' er hier, ich würde ihm um den Hals fallen... ich w a r te ja nur auf ihn!..
Da verbeugte sich Belten stumm und ging.
Er hörte hinter sich kein Geräusch, nicht einmal das Rascheln ihres Kleides. Sie mußte bewegungslos sitzen geblichen sein. Er hoffte auf ein letztes Anrufen, auf ein Schlußwort, einen Dank oder ein Adieu; aber sie schwieg. Er schloß leise und vorsichtig die Tür. Ein schwaches Lächeln aing über seine Mge; ihm war, als schlösse er auch fejijrf Leben ab. Das Lächeln blieb. Was wollte er denn? Wem batte seine Jugend gegolten? Wenk galt die Arbeit seiner Mannesjahre? — Als noch die Minnehöfe blühten, gab es ritterliche Herren, die weihten ihr ganzes Leben der Dame ihres Herzens. Als noch das Königtum von Gottes Gnaden war, starb des Landes Adel für sein Idol. Für Golgatha bluteten Millionen. Und welche Opfer forderte die einfache Freundschaft! . . .
Veltens Schritte durchhallten den Korridor. Er lächelte nicht mehr: es war aber auch nichts Bitteres auf seinem Gesicht. Er sah hell und klar in die Zukunft. „Führ es zu Ende, du romantischer Narr," sagte er sich.
12. Kapitel.
Wie man den Herzog Rübezahl zur ewigen Ruhe geleitet und lme es in der modernisierten Burgmühle ausfieht.
„Verwandten und Freunden und allen, die ihn gekannt haben, geben wir hiermit geziemend Naclwicht von dem am 12. ds Mts nachmittags 2 Uhr erfolgten Hinscheiden unsres geliebten Vaters, Großvaters und Schwiegervaters. Seiner Durchlaucht des.Herzogs zu Emönrck Otto Fürsten von Herrsnrtb, Grafen und Herrn der Stadt und Grafschaft B-eiffel. Frei Herrn von Groditz, auch Herrn auf Bura-Ellern nebst Dombach. Königlich Preußischer General- ma;or z. D.. Seiner Majestät Oberschenk, Ehrenkonnnendator des Johanniterordens, Doctor theologiae honoris causa und Ritter höchster Orden.
„Die Beisetzung erfolgt am 15. d. Mts. in der Familiengruft zu Emskirch
Emil Herzog zu Emskirch Fürst von Herrfurch.
Johanna Herzogin zu Emslirch Fürstin von Herrfurth. , gab. Gräfin von Parslin Waldegg.
. ' Harro Gras von Herrfurth-Beisfei.
** Jazik Fürst Bura eddin.
Elise Fürstin Bura eddin, geb. Gräfin von Herrfurth- Peissel.
Diese in etwas preziösem Stil abgesaßte Todesanzeige wurde im Herbst des folgenden Jahres verschickt.
lieber ein Jahr lang hatte der alte Herzog gegen den grausamen Würger gekämpft. Aber als wieder die Blätter zw fallen begannen und der Sonne Strahl blasser lvurde und die ersten kälteren Winde kamen, da merkte der greise Sonderling, daß es mit seinen Tagen zu Ende ging. Das Herz wollte nicht weiter. Das Wasser in den armen geschwollenen Beinen stieg; auch das Gift des Fingerhuts bewährte nicht mehr seine heilende Kraft.
Und dann kamen die letzten Stunden. Das war an einem Tage, an dem dem sterblichen Menschenleibe das Scheiden schwer werden konnte. An einem Tage voll Glanz und Sonne, an dem die Herbstwinde schwiegen und die Lust so lau war wie zur Junizeit, ganz erfüllt von heiterem Glitzern und von den wehenden weißen Flocken des Altweibersommers; an dem der Himmel hoch stand und im reinen Blau sich eine schwimmende Architektur milchiger Wölkchen aufbaute, die allmählich zerfloß wie ein Feenschloß. Das war der Tag, an dem Herzog Rübezahl starb.
Er war regen Geistes bis zuletzt. Er hatte sich auf die Veranda tragen lassen — von Bozenhardt und dem Kammerdiener. Aber der letztere mußte abtreten; er röche nach Karbol, hatte der Alte geäußert. Doch es war das ewig besorgte Gesicht des Mannes, das ihn heute mehr ärgerte als je. Von Emskirch war der Herzog mit seiner Gattin herübergekommen; Graf Harro weilte, telegraphisch berufen, schon seit acht Tagen in Dombach. Die drei saßen seitwärts des. Greises, Bozenhardt stand hinter dem Fahrstuhl.
Ueber die unförmlich gewordenen Beine des Herzogs'/ die schwer wie Blei toteren, lag eine Pelzdecke. Die Lodens joppe trug; er noch in der Stunde des Todes, und erj lächelte, als sein Mick auf das verhterschte Aermelgrüw steh als freue sich sein philosophischer Geist, sinnfällig dokumentieren zu können, wie nichtig des Lebens Aeußer> lichksit sei. Weit über die Brust herab wallte der weißej Patriarchenbart. Die Augen waren tief in ihre Höhlen gebettet, und im Blick lag schon etwas von einer leisen! Perdunklung, von den erstell Schatten jener schwarzen Fittiche, die ihn lautlos und Unsichtbar umrauschten.
Die beiden Aerzte hatten sich mit dem Kammerdiener Und der barmherzigen Schwester schweigend in das Lor-
f 'inmer zurückgezogen. Sie hatteil sich nicht gegen den unsch des Kranken gesträubt, in dieser sonnigen Stunde i Freien sitzen zu dürfen. Sie wußten, daß dre Erlösung nahe war, daß ein Lungenödem den Tod beschleunigen würde, und hatten auch den Söhnen gesagt, daß er überraschend plötzlich eintreten könne.
Mer während Ennil und Harro den Mut fanden, anscheinend harmlos mit dem Alten zu plaudern, verging die Prinzessin fast unter ihrer Seelenfolter; sie konnte'kein Wort sprechen, war kalkweiß im Gesicht und mußte die! Zähne zusammenbeißen, um nicht in nervöses Schluchzen äuszub rechen.
Der Herzog sprach laut und deutlich — von allerlei. Er stagte den Erbprinzen, wie die Ernte gewesen sei, undi Harro, wie man in London über die chinesische Frage denke. Dann fragte er weiter nach Annemarie und nickte befriedigt, als Emil ihm erzählte, sie lebe noch immer in seligen Flitterwochen. Auch auf Gotternegg kam die Rede; .Harro war vorgestern drüben gewesen; man habe neue Kohlen- lager entdeckt, aber ihre Ausbeutung werde die Begrürv- dung einer Gesellschaft nötig machen, da große Kapitalien erforderlich seien; Bolko sei noch in Venedig, schreibe selten, und wenn er schreibe, klage er über seine Nervosität; die Fürstin sei wohl und rührig wie immer; von Josts Anwesenheit merke lnan im übrigen nicht viel, er sitze tag- nber mit Velten und seiner kleinen Freundin in der Bibliothek und alle drei arbeiteten an einem gemeinsamen Werke — über was, wußte Harro nicht ganz genau. „Ich glaube, über irgend einen neu aufgefundenen Frühdruck," sagte er.
Doch das war es nicht, !vas den Herzog interessierte, Cr hörte auch nur noch halb zu. Seit einiger'Zeit fühlte er ein seltsames Summen im Ohre. Aber der Ausdruck „kleine Freundin" war ihm doch ausgefallen.
„Ist das dies — Doktorfränlein?" stagte er, ohne den Kopf zu berregen.
Benebst den Kindern."
iTMetzung sylgt.)


