Ausgabe 
3.6.1916
 
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Samstag, ve.r 3. Jum

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Die arme Prinzessin.

Komait von Fed or von Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.^

(Fortsetzung.)

Betten verneigte sich nur, er antwortete gar nicht. Der Reis um den Kopf war gewichen, aber eine heimliche Faust saß ihm an der Kehle.

Annemarie zeigte Belten dies und das: den zierlichen Schreibtisch mit seinem Bric-ä-brac, ein kleines Pastell an der Wand, ein Tabuvett mit schöner Perlmutterinkrusta. Dann setzten sie sich: Belten auf einen der niedrigen Fau­teuils, die für Pygmäen berechnet schienet: und ihn in Ver­legenheit brachten, was er mit seinen Beinen anfanaen solle - Annemarie auf die Chaiselongue. Wer sie blieb nicht lange sitzen; sie streckte sich aus und zog eine Decke aus Rohseide über ihre Füße.

Nun los," sagte sie. Und da er wiederum zögerte zu antwortet:, fuhr sie rascher fort:Velten, was gibt es? Es gibt etwas? Ich kenne Sie, Ihr Gesicht, Ihr Auge, beit Ton Ihrer Stimme. .Hab' ich eine Dummheit gemacht? Sie waren bei Onkel Herrsnrkh. Hat man mich etwa bei ihm verklatscht?"

Nein," erwiderte Velten aufatmend;aber es war jemand bei ihm, der der um Sie geworben hat..."

Sie hatte die Hände unter ihrem Kopfe gekreuzt. Nun warf sie den Kopf herum, so daß sie ihr Gesicht Velten voll zuwandte. Das Gesicht war ganz blaß. Der Nosenschimmer verging, laue Schatten stiegen auf. Die Bukette aus dem Teppich wurden zu mattdunklen Mecken. Die Blütenfarbe der Wände wurde weißlich. Annemaries Augen waren weit geöffnet; die Augen fragten, aber auch ihr Mund sprach. Sie sagte ganz leise, es war kaum zu hören, es war gleich­sam ein .Hauch:Kola?..."

Velten nickte.

Da kam es wie eine Raserei über das Kind. Annemarie glitt von der Chaiselongue, lag auf den Knien, griff in die Kissen und preßte ihr Gesicht hinein. Sie schluchzte, sie jubelte. Ihr Körper bebte, es ging ein Wiegen und Zittern durch ihre Glieder, es war wie eine Ekstase. Dann auf ein­mal .sprang sie uns; ihre Brust iwogte .noch, aber sie senkte den Kopf; sie schämte sich.

O Velten," flüsterte sie,was müssen Sie denken!..." und lauter, wie unter einem seligen Schauer:Ich bin ja so glücklich!..."

Er hatte aufstehen und gehen können. Seine Mission War beendet. Aber er blieb. Er stützte den Kopf in die Hände und schaute auf die Rosenbukette des Teppichs, die schwarz-geworden waren, mit verschwimmenden Umrissen. Er wagte nicht, in ihr strahlendes Antlitz zu schauen.

Prinzessin," sagte er, und nun befremdete ihn selbst der Ton seiner Stimme, die einförmig klang und wie ge­

brochen,Durchlaucht Fürst Herrfurth hat Bedenken gegen Ihre Wahl. Ich sollte mit Ihnen darüber sprechen..."

Annemarie wurde ängstlich. Sie setzte sich wieder.Er tvill nicht?" fragte sie hastig.

Doch nicht. Die Entscheidung bleibt "schließlich bei Ihnen. Aber er läßt Sie warnen."

Warum?"

Ich ich muß es aussprechen: er hält den Fürsten Buraeddiil für für keinen zuverlässigen Charakter: er halt den Fürsten für leichtsinnig, verschwenderisch und... er hält den Fürsten für schlecht..

Annemarie lächelte.Ist das alles?" fragte sie.Lieber Freund, wenn Sie mir das Bild Kolas ganz grau in grau malen wollten es würde mich nicht stören. Schlecht, sagen Sie oder sagt Onkel Herrfurth. Das glaube ick nicht. Leichtsinnig und verschwenderisch das ist möglich es wird anders werden. Ganz Kind bin ich doch nicht mehr. Ein wenig Einfluß trau' ich mir immerhin zu. Was ist schlecht an ihm?"

Ich weiß es nicht..." Er lvnrde lebhafter, hob den Kopf und sah Annemarie an.Und wüßte ich es auch wirklich - Sie würden mir ja doch wieder sagen: ich glaube es nicht. Wenn Sie ihn lieben, Annemarie wirklich lieben"

Ich liebe ihn," antwortete sie; aber das klang nicht mehr weich, sondern fast zornig, und in ihren sonst so sanften blauen Augen funkelte es wie trotziger Eigenwille.

Gut. Doch es gibt auch etwas, das Liebe scheint uitb keine i st. Verzeihen Sie mir, Annemarie. Sie sind kein Kind mehr, gewiß nicht. Aber auch ein achtzehnjähriges Mäd­chen kann sich in seinem Empfinden täuschen. Ich will Ihnen keine Vorlesung halten. Ich möchte Sie nur herzlich bitten, sich selbst zu prüfen, ehe Sie" er richtete sich im Sessel aufehe Sie ja sagen. . . ."

Sie streckte ihm ihre Hand entgegen.Velten, haben Sie Dank. Der Onkel hat wieder einmal das Rechte getroffen, als er S i e beauftragte, mit mir zu sprechen. Sollen Sie ihm auch meine Antwort bringen?"

Ja."

Dann sagen Sie ihm: ich habe nicht gewußt, daß Kola um mich werben würde. Ich habe es nicht einmal gehofft. Um so glücklicher bin ich nun! lind sagen Sie ihm auch, daß ich fest bleiben würde. Ich stehe noch unter seiner Vor­mundschaft. Er kann mir die Heirat verbieten. Vielleicht wacht dann auch in mir der Leichtsinn auf. . .

Beider Blicke trafen sich. So batte Velten Annemarie noch nie gesehen. Die Dämmerung hatte sich in das Gemach geschlichen, aber noch immer zitterten feinrosige Töne durch das sich ausspinnende Grau. So hatte Velten Annemarie noch nie gesehen. Sie schien ibm mit einemmal größer ge­worden zu sein und reifer und voller. Es lag etwas un­beschreiblich Verlangendes in ihrem Auge und auf der Wöl­bung der Lippen. Sie war kein Kind mehr, sie war Weib geworden.