Die arme Prinzessin.
Roman von Fedor von Zobeltitz»
(Nachdruck verboten.'»
(Fortsetzung.)
„Merci,“ antwortete der Herzog, „es geht ihm ja wohl i^anz gut..." Dann schwieg er eine kurze Weile, zupfte lund nestelte an seiner Joppe herum und lachte plötzlich laut und bitter aus — „Velten," rief er, „man macht schon so seine Erfahrungen! Man wird alt wie 'ne Kuh und lernt immer noch dazu! Da Hab' ich nun zwei Jungen. Habe sie gut erziehen lassen und habe sie 'ranwachsen sehen. Habe mir immer eingebildet, Emil, der älteste, der schlage eigentlich mehr nach der Mutter, und der Harro sei meines Bluts. Prostemahlzeit! Sie haben Harro ja kennen gelernt, als er das letztemal hier war. Aber was Sie nicht wissen, ist die Tatsache, daß er ein glänzender Diplomat ist und daß ihm der Gesandtenposten in Madrid so gut wie sicher itmr! Mas geschieht? Eines Tages kriege ich einen zwölf Seiten langen Brief aus London, in dem mir mein .Herr Sohn an- eigt, er habe den Dienst quittiert, weil er längst fühle, daß ie' Eigenart seiner Begabung und auch seine persönlichen "Interessen sich nach anderer Richtung hin bewegten. Da ist er denn um gesattelt. Und wissen Sie, was der Graf Harro Herrfurth geworden ist — der Sohn des Fürsten Herrfurth- Herzogs von Emskirch? ... Koofmich!..." Der Alte stieß dieses Wort grimmig hervor mtb stieß zugleich mit der Eisenspitze seines Krückstocks so heftig aus die Fliesen des Fußbodens, daß ein klingender Ton laut Würbe.
„Ich ahnte derlei," sagte Velten. „Daß Graf Harro keineswegs passioniert für seinen alten Beruf war, hat er mir nicht verhehlt. Im übrigen verstehe ich durchaus, daß sich Euer Durchlaucht über den Berufswechsel Ihres Herrn Sohnes ärgern; aber —"
„Aber," fiel Herrfurth ein, „es gibt eine Masse „Aber", Und ich weiß schon, was Sie sagen mtb einwenden wollen! Ich bin ebensowenig ein verbohrter Feudaler wie Sie — im Gegenteil, ich schmeichle mir, mit leidlich gesunder Vernunft begabt zu fein — ich bin — zum Schockschwernot, solange ich Volksvertreter war, auch kein blindwütiger Reaktionär gewesen, habe unter den Freikonservativen gesessen und den Nationalliberalen näher gestanden als der Rechten! Aber — nun kommen wieder die „Aber" — ist es denn nötig, daß ein Herrfurth unter die Geldwechsler geht? Der .Harro ist Teilhaber der Firma Levis F. G. Mackall geworden —"
„Eines bet v größten Bankgeschäfte Englands," warf gMten ein.
„Meinetwegen! Und wenn auch die Leute ungezählte Milliarden umsetzen und wenn sie auch..." Er svrach nicht Mts; er stampfte wieder mit bem Krückstock den Boden, und ein leises Stöhnen quoll über seine Lippen, als salle es ihm schwer. Luft zu schöpfen. Sein Gesicht war finster, die
buschigen Brauen berührten sich ,^Herdmnmto Krämer» baude", murmelte er.
Wen meinte er? Den Kaufmannstand oder das gewerb- tätige England oder die Firma Mackall? — Me vielleicht — und Velten fiel ein. was chm Graf Harro einmal im Rauchzimmer dieses Hau^eS über den „liberalen Adel" gesagt, dev immer auf der Goenzscheide zweier Weltanschauungen stehen bleibe, und was er selbst geantwortet hatte. Daß der waf bei seinem ausgeprägt radikalen Empfinden früher oder später genötigt sein werde, einen Beruf aufzugeben, der ihn häufig in Widerspruch mit seiner Ueberzeugnng bringen mußte, war erklärlich; Belten begriff nur nicht, warum Harro bei seiner Liebe zum Vater nicht wenigstens den Tod des alten Mannes abgewartet hatte. Aber vielleicht lagen gewichtige Gründe für ihn vor, schon jetzt seinen Entschluß in die Tat umzusetzen — wer konnte das wissen.
Der Herzog War still geworden. Er starrte die Parkallee hinab, starrte in die Ferne. Ueber das graue verwttlerto Greisengesicht ging ein weicher Ausdruck; im Eck des linken Auges sammelte sich eine Träne unb rann langsam über die bager gewordene Wange in den Wirrwarr des Zottelbarts hinein.
Velten fühlte sich eigentümlich erregt. Es drängte ihn nach Gotternegg zurück. Er war froh, daß Herrfurth keinen Einspruch erhob, als er bat, sich verabschieden zu diirfen.
Diesmal fuhr nicht Bozenhardt, sondern ein jüngerer Kutscher, der kerzengrade mtb stumm vor Velten aus dem Bocksitz saß. Auch Velten sprach nicht; kein Scherz kam von seinen Lippen wie ans der Herfahrt; er war sehr bloß, und ans seiner Stirn lag eine schwere Falte.
Als der Wagen in das Nnthetal einbog, gleißte die Sonne im Untergang. Ueber den Bergen und ihrer dunklen Tannenkrönung baute das Abendrot eine leuchtende Gralsburg auf, und von dem flammenden Heiligtum inmitten schossen goldene Strahlen durch (den zur Hiiümelshöhe immer matter getönten Purpurbrand dieser großen Glorie.
Es war im dlbendsonnenschein noch immer das stille Tal, und der Götzen hielt Wacht, und der Burgsried Und die Umfassungsmauer der alten Feste standen oben ans der Höhe ans ihrem alteil Fleck. Aber unten im Dorf, das sich in sanfter Biegung und lauggezogen wie eine Mrven- linie am Fuße des Gotzenbergs erstreckte, da hatte sich manches verändert. Wo war die' Mühle? Ja, sie stand noch, die Burgmühle mit ihrer offenen Sägehalle, über deren Ge- tänber Efeu kroch und das Gespinst wilden Weins — doch sie lag nicht mehr frei am Flusse und am Rande der Wiesen, durch die das Wasser sprang, um sich widerstrebend, sprudelnd und schäumend am Wehr zusannneuzudrängen; ein hoher Zaun umschloß sie wie ein Gürtel der Scham. Ein seltsamer Zaun, sehr kunstreich gefügt, ans eng aneinander gereihten Planken, die weinrot gestrichen waren. In regelmäßigen Abständen verbanden viereckige Pflöcke die Bretterlagen, mit merkwürdigen Schnitzereien und l-erbeinschnitten und einer grinsenden Fratze als Krönung. Kam man von der


