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Höhe, so sah dies säst ans wie die mit Mut getünchte Umfassung eines afrikanischen Ncgerdorses; aber der Kantor Mrbringer, der Gott sei Dank noch am Leben war, wußte es besser: es lvar „altirischer Stil".
In das Burglehn war der Stil eingezogen. Der Stil halte den Holzplatz Vertrieben, wo einst die gefällten Baumstämme am Wasser lagen, die Bohlen und das Schlegelholz aufgetürmt waren, wo die Hühner spazieren gingen und die rote Kaste ihr bestes Mäuserevier besaß und wo Mrbringer aus Hobelspänen und Kieferscheiten beim Kampsspiel um die böhmische Königsmaid die Wlastabnrg hatte errichten lassen. Schloß Gotternegg, dessen hohes Dach hinter den: Wipselmeer des Parks verschwand, hatte einen Nebenbuhler bekommen; Grete hatte das neue Haus Monrepos getauft, aber die Leute nannten es das Müllerschloß. Ein Berliner Architekt hatte es erbaut und zwar (laut Fürbringer) iin „schottischen Kastellstil". Es stand allein in dem neu angelegten Park; das gaiue alte Gehöft war abgetragen worden; die Stallungen nndWemisen lagen jetzt unten am See und bildeten ein regelrechtes Viereck von einstöckigen Gebäuden, die nach Fürbringers Angaben in „strengstem französischen Prüfekturstil" gehalten waren.
Ja, der liebe alte Mrbringer lebte noch. Aber er war emeritiert worden. Er vertrug sich mit dem neuen Pastor nicht, dem Pastor Doktor Justus Freitag, der längere Jahre auf Missionen tätig gewesen war und nun direkt aus Ostafrika kam. Graf Ariern hatte ihn unten kennen gelernt, war aber über seine .Herkunft nicht sonderlich freudig überrascht, da er in ihsn eine ungebührliche Kontrollierung seiner eigenen afrikanischen Erzählungen sah. In der Tat erwies sich Pastor Freitag als ein wenig zugänglicher Mann auf dem Gebiete des Humors; er war eine herbe und strenge Natur, das ganze Gegenteil seines Vorgängers Fresenius', ein Eiferer mit flammenden Augen und einer gewaltigen Stimme. Mit dem spartanischen Mrbringer und seiner Erziehungsmethode konnte er sich, durchaus nicht befreunden. Da geriet Mrbringer in helle Wut und gedachte, nach Argentinien auszuwandern. Es hatte kein Mensch herausgebracht, wie er gerade aus Argentinien verfallen war; es kam auch nicht zum Aus wandern; der alte Reschke wies ihm eine freistehende Gedingewohnung an unb in die zog er mit seinen Büchern und Landkarten und arbeitete fortan an einem Werke, das den Titel führen sollte: „lieber die WhärtunI unserer Jugend durch gymnastisch-militärische Freilnftspiele. Nebst einem Anhang: Die neue Generation. Ein Wort an Eltern, Lehrer und Erzieher über die Erweckung des wahren Patriotismus in unfern Kindern." Die Jugend von Gotternegg aber lehrte fürder ein andrer, ein braver junger Mann, der viel an Zahnschmerzen litt und ein leidenschaftlicher.Imker war. Nur war es nicht die alte Lehre; es kam auch hier Stil hinein.
Der Wagen Vellens fuhr nicht durch die große Parkein- sahrt. Auch auf Gotteneggschem Gebiet waren Veränderungen vor sich gegangen. Der das „alte Haus" umgebende Teil des großen Parks war abgetrenut und von einem lustigen Eiserigitter umgeben worden. Mer es war nicht mehr das „alte Haus", es war das „Prinzenhaus": das Altenteil für Jost und Annemarie. Die Fürstin wollte nicht, daß die beiden sich in der Heimat als „Gäste" betrachteten: das Prinzenhaus wurde als ihr Eigentum grundbuchamtlich eingetragen. Lilian selbst ordnete auch den inneren Umbau an; der eine Flügel wurde für Jost, der aridere für Annemarie eingerichtet. Und gerade Annemarie war tief gerührt, als sie sah, mit welcher Liebe ihre Schwägerin an das Werk gegangen war; in der Ausstattung der Zimmer lag s? viel persönliche Intimität, daß die Prinzessin ganz glücklich war unb mit doppelt schwerem Herzen an die Rückkehr in das Barockschlößchen bei Potsdam dachte
Als der Wagen vor dem Parkgatter hielt, hörte Velten hinter der Fliederwand und der Rosenhecke fröhlich lärmende Stimmen. Auf dem großen Rasenrnudell vergnügte sich die kleine Feriengesellschaft mit Reisenspiel. Mle waren dabei: Annemarie, Hede Berkühn, Eva, Jost — auch Grete, die sich zu einer Schönheit von stark brünettem Typ nnd pikanter Eigenart entwickelt hatte. Znr Seite stand der grüne Mar seligen Angedenkens, um fehlgehende Reifen wieder einzu- fangen. Die Gichnhett lag in der Vergangenheit; Max war Nu forscher Jüngling geworden; das Schlottrige war ae- wichen wie der grüne Rock, er trug Gotterneggsck-e Haüs- ttvree, vielt dre Hacken zusammen und drückte die Brust heraus (das wirr die Erziehung Ariern S).
Ein Hallo entstand, als Velten sich zeigte. Man ließ die Reifen liegen und umringte ihn. „Was macht Onkel Rübezahl?" schrie Annemarie und bürg sich an Veltens Arm. Grete hielt sich etwas zurück. Belten gegenüber spielte sie gern die Dame von Welt'; sie Zerpflückte ein Akazienblatt und tat ein wenig sinnend.
„Was wollte denn der Alte?" fragte Jost.
„Hundert Fragen stellen, mein Junge," antwortete Velten, „wissen, wie es uns allen geht — nichts weiter_"
Die Abendschatten fielen. Es war zu spät geworden, weiterzuspielen. Auch erschien Madame Balfour im Portal; die frisch gedrehten Hängelöckchen zitterten wohlgefällig, sie knickste und fragte, ob die Durchlauchtigsten Herrschaften hier zu speisen gedächten oder das Souper drüben im Schlosse nehmen würden. Darüber entspann sich ein lebhafter Wortwechsel; aber Jost entschied. „Drüben," sagte er; „das sind wir Lilian schuldig. Sie freut sich. Telephonieren Sie, Madame—" Madame knickste wieder und ging an das Telephon. Es war beim Umbau angelegt worden und führte hinüber in die Wohnung des alten Beyfuß. Madame Balfour gab das Klingelzeichen. „Sind Sie selbst da, Herr Schloß- intendant?" fragte sie. „Jawohl, Madame," tönte die Antwort zurück. . . . „Die durchlauchtigsten jungen Herrschaften mit hochdero Gästen lassen sich bei Ihren Durchlaucht znm Tee anmeld-en^" trompetete die Balfour in das Schallrohr hinein, und ihre .Hängelöckchen wogten dabei geschmeichelt. „Werde es sofort Ihren Durchlauchten anmelden lassen," gab Beyfuß zurück; „wird uns eine hohe Ehre sein. Bitte einviertet nach Acht präzise.. .".Man fühlte förmlich, wie sich Beyfuß bei dieser Meldung vor dem Telephon verneigte. Die Balfour knickste wirklich. Sie hatte sich das angewöhnt. Daß sie den Rest ihrer Tuge in so vornehmer Behaglichkeit verleben könnte, hatte sie sich nie träumen lassen. Alle Sorgen waren vorüber,- die Rechenkünste^ brauchten nicht mehr probiert zu werden; Annemarie war Hofdame, Jost studierte fleißig — sie selbst war gewissermaßen Herrin im Prinzenhanse und las tagüber französische Romane und teilte sich mit Mamsell Anschütz, der noch immer das Kücheudepartement unterstand, in dem Gefühl wohliger Faulhert.
In der schon erleuchteten Halle verabschiedete sich die junge Gesellschaft. Jost ging auf sein Zimmer, Eva wollte ihren Eltern eine Grnßzeile schreiben, Grete zeigte der Komteß die Hundegräber im rückwärtigen Garten. Velten hatte leicht Annemaries Hand berührt nnd fragte in gedämpftem Tone: „Können wir ein paar Minuten' miteinander plaudern, Prinzessin?..."
„Wer gern," antwortete sie. Sie schaute etwas befremdet zu ihm auf; ihr schien, als gehe ein leises Beben durch seine Stimme; auch die Frage berührte sie seltsam. „Kommen Sie mit in mein sogenanntes Boudoir, Velten,"- ftlyr sie fort, „das haben Sie noch gar nicht gesehen. —- Ja — nun habe ich mein eigenes Boudoir, lieber Freund, nnd Lilian hat es ganz reizend einrichten lassen. Es ist viel hübscher als mein Zimmer in Potsdam: das ist Empire nnd alles Ecken und Kanten nnd rechte Winkel — aber hier herrscht die Rundung vor und mollige Weichheit..."
Sie sprang voran, die Treppe hinauf. Ihr lichtes Kleid schimmerte durch das Halbdunkel wie eine Rauke aus weißen Rosen. Mit schweren Schritten folgte Velten. Ein Ring lag uni seine Stirn; er fühlte, wie der unsichtbare Eiseureis seine Schläfe preßte.
Annemarie hatte eine Tür geöffnet. Eine Garbe roten Lichts strömte Velten entgegen. Das Boudoir lag nach der Meudseite hinaus. Da schwamm noch ani Horizonte der Widerschein des Sonnenuntergangs, eine vielschichtige Farbenskala, vom zart verblassenden Rosa bis zum satten Rot einer aufgebrochenen Kirsche, und alles mit Gold staub! übertaut, und das Licht füllte auch das Zimmer, dessen Wände mit pfirsichblütenfarbiaem Stoff bespannt waren, wahrend die Polster ein kräftigeres Rot zeigten und die Rosenbukette im Teppich langsam zu verbleichen schienen. Mitten rm Boudoir stand Annemarie, von den Lichtern umspielt, die über ihr weißes Kleid huschten und sich in ihrestr Haar versingen, breitete die Arme aus und sagte feierlich- -Mein Herr, dies ist mein Reich Schätzen Sie es als eine besondere Ehre ein. daß ich Sie hier empfange, zumal Sie das erste männliche Wesen sind, dem ich mein Bondorr offne."
(Fortsetzung folgt.)


