Ausgabe 
13.5.1916
 
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Die arme Prinzessin.

Koman von Fedor von Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.^

^Fortsetzung.)

Der Aufschwung Gotterneggs blieb nicht ohne Einfluß auf das Dorf. Es war seltsam genug, daß sich nicht längst in: Laufe der Jahrhunderte rings um den Gotzenberg die Anwesen zu einem Städtcheil entwnckelt hatten. Es war die Schuld der Fürsten. Sie hatten ihre Aufträge den Groß­händlern rn den Hauptstädten, auch wohl im Auslande ge­geben, sie hatten die Heimat vernachlässigt. Ariern zog Handwerker nach Gotternegg, er brauchte Sattler, Schnei­der, Stellmacher, Dachdecker, Zimmerleute; er ließ die Herr­schaftsschmiede vergrößern und bei den Gruben eineu neuen Gasthof bauen, der unter bestimmten, den Ansprüchen der Arbeiter entsprechenden Bedingungen in Pacht vergeben wurde. Der spartanische Mrbringer sang der neuen Ober­leitung ein Loblied; man deckte fein Schulhaus um, man baute ihm einen Stall, der Taubenschlag wurde renoviert, das Patronat stand wieder schützend über ihm. Er hatte eine Dichtung verfaßt, die Hub an:

,.O Gotternegg. hie Gotternegg,

Das ist ein rechter Felseneck,

Ein Sturmwall in der Wendenflut,

«*r Ein Fürstenhaus voll Treu und Mut,

Tein Christentum ein Schirm und Schild,

Fürwahr ein leuchtend Adelsbild:

Dem Freunde hold, der Feinde Schreck,

O Gotternegg, hie Gotternegg! . . ."

Es kamen noch sieben Strophen. Fürbringer hatte das Lied auch in Musik gesetzt: seine Göhren sangen es, es wurde der Schlachtgesang der Kinder von Gotternegg.

Einer war heimgegangen zur Ewigkeit, eine gute und getreue Seele: den alten Fresenius hatte kurz vor Weih­nachten der Schlag getrofsen. Noch war kein neuer Geistlicher am Orte; aber Patronat und Gemeinde hatten diesmal nicht allein zu wählen, das Konsistorium sprach mit, und es hieß, es werde wohl einUeberseeischer" kommen, ein Botschaftspfarrer aus der Fremde oder einer aus den Kolo­nien. Es hieß, die Regierung habe eine ganze Anzahl Ueberseeischer auf Lager, die untergebracht werden müßten. Artern als alter Afrikaner freute sich auf den Fremdling, aber Fürbringer sagte:Man soll nichts ans dem Heimat­boden nehmen und anderwärts verpflanzen, das gilt auch str den Menschen. Das zieht mit den deutschen' Farben hinaus, und draußen beginnt die Vermengelierung. Ich

habe nichts übrig für das Internationale_"

Die Ferienzeit im alten Hause währte drei köstliche Wochen. Bolko hatte zwar sagen lassen, den Geschwistern und selten stehe selbstverständlich das Schloß zur Ver­fügung; aber Jost und Annemarie hingen mit Herz und Seele am alten Hause. Das Schloß war ihnen fremd, da sckne-

neu sie immer nur Besucher zu sein; das alte haus war ihre eigentliche Heimat, hier hatten sie ihre Kindheit verlebt, hier schalteten Madame und die Anschütz, es war das Erdenstück, in dem ein lieber Zauber der Erinnerung wohnte und die Poesie ihrer sorglosen Armut. Für Jost war das sogenannte Fürstenzimmer hergerichtet worden mit dem großen Himmelbett und der roten Tapete, auf der I leine Chinesen immer und immer wieder über lleine drucken liefen und Hunderte von langbeinigen Reihern Fischlein im Schnabel trugen. Aber dagegen hatte sich Jost gewehrt: er wollte oben in seiner Marsarde wohnen, und es beschlich ihn ein eigenes Empfinden, als er zum ersten Male wieder aus dem oreileiligen Fenster hinabschaute über den schneedurchwehten winterlichen Park uni) sah das Dörfchen liegen, den blanken Eisspiegel des Brachsees und den ragenden Götzen im schwarzen Kranze seines Tannen­schmucks. Ein warmes Gefühl der Zugehörigkeit zu diesem Fleck Land durchströmte ihn, eine säh erwachende schwär­merische Heimatsliebe und da fragte er sich plötzlich: warum ließest du Bolko den Besitz und wahrtest nicht deine Rechte? Aber die gleiche Stimme mtwortete auf der Stelle: weil Bolko der Aelteste ist, das Hausgesetz kann die Natur nicht zwingen; weil Bolko stattlicher die Fürsten­krone zu tragen weiß als du, der Student; weil Bolko reich wurde, und du bleibst vielleicht ewig der arme Teufel. . . da lächelte er wieder und war ausgesöhnt mit sich, und der warnte Quell der Heimatsliebe in seinem Herzen sprudelte weiter.

Kein Buch wurde vorgenommen in dieser Ferienzeit, aber den Büchern drüben im Schlosse ein M'such abgestattet. Es war nun schon an der Zeit, daß Jost die Bibliothek mit andern Augen betrachten konnte als vor Jahresfrist: die alten Scharteken waren ihm näher gerückt, er hatte seine Lieblinge, er kannte die Seltenheiten, die Verschieden­heit der Ausgaben, die Druckvarietäten; nahm er ein Buch in die Hand, so merkte man, es war ein Kennerblick, der die Seiten durchforschte. Artern klagte:Wir brauchen einen Bibliothekar, es verkommt uns alles; eine große Inven­tarisierung ist notwendig, es ist nicht einmal ein zuver­lässiger Katalog zur' Hand. Und was bas Tollste ist, Durch­laucht : auf dem obersten Boden stehen noch siebzehn nich­tige Kisten mit Büchern, sage und schreibe siebzehn, un­ausgepackt: ich habe es aus den Archivakten ersehen, es ist die Bibliothek eines gewissen Geheimrats von Mengels- dorsf und wurde 1818 angetanst..

Auf einmal wurde Belten hellhörig und geriet in Feuer.Was Teufel," rief er,Mengelsdorff, sagen Sie, Herr Graf, die Bibliothek Mengelsdorff stünde da oben in Kisten verpackt?..."

Ja," antwortete ArternMengelsdorff, ich weiß eS genau; ich ließ eine Kiste öffnen, es sind grüß lickte alle Folianten, die schweinsledernen Deckel klaffen, manches ist ganz zerledert, und in den Akten steht: siebzehntausend v reit Nische Taler bat der hochselige Fürst damals für den