Ausgabe 
10.5.1916
 
Einzelbild herunterladen

247

blas gleiche, bunt bewegte, ja abenteuerliche Bild-. Von seiner frü­hesten Jugend an, wo er seinen Vater, der ein berühmter Tenorist war, Mif seinen Kunstreisen begleitete, bis in die letzten Jahre seines Lebens hat Friedrich, Gecstarker nur für kurze RuheMusen den Wanderstab ans der Hand gelegt. Mit Jagdtasche uni> Büchse durchstreifte ec als Gl 1 mndzwanzigjähriger gairZ Nordamerika und verlor auch nicht den Lebensnmt, als bittere.Not ihn zwang, sich bald als Koch, bald als Heizer, bald-als Schmied, ja sogar als Medi­zinmann beiden Nothauten sein Brot zu verdieilen. In behaglicherer Weise lernte er spater Australien, Aegypten, Abessynien die west­indische Inselwelt kennen; auch wurde er vor allem iir Südamerika heimisch. Alles, was Gerstäcker auf seinen Reisen mit seinem wis- sensdnrstigen Auge geschaut httte, das gab seine Feder in kühnen, rasch hingeworfenen, farbenprächtigen Bilden: lvieder. Bereits seiire erste größere Neisebeschreibnng, die , Streif- und Jagdzüge in den Vereinigten Staaten Mordamerims", machte ihrr mit einem Schlage zu. einenr bekannten Schriftsteller. Seine keck zy- greifende Art, sein flottes Teniperam,ent ließen ihn in jener li­terarisch Und politisch gleich öden Zeit besonders willkommen erschei­nen. Aber mehr noch als seine ReisebeschrÜbungen wirkten seine Ronmne, die den Leser in wirbelndem! Fluge durch alle Länder Und Meere führten. Ob er in:Busch," den verbpchlichen Rausch schildert, der sich Australiens nach dm ersten Goldfunden bemüch^ tigte, oder mit grausiger Realastik einen Tooessturz von jäher Fels­wand in den Blauen Bergen erzählt, ob er im , W rack des Piraten" das Paradies Chiles vor die Seele des Lesers zaubert oder in seinen Minsterromanen, dmRegulatoren i in! Ar- k a n s a s" und denF l u ß> p i r a t o n d e s M i s s i s s i p p i", be- benSwarme Bilder ans den Vereinigten. Staateil zeichnet: immer weist seine schnell gestaltende Phantasie in den fremdartig reiz­vollen Rahmen eine spanneiide Handlung m fügen, die bis zur letzten Seite die Aufmerksamkeit fesselt. Was er voll einem seiner Helden sagt, das paßt auch auf ihn:Mit alleil Ländern der Welt^war er besannt, von den am entferntest liegenden Teilen der Erde sprach er so, daß ruan stets deitken mußte, er rede von: feiner Heimat. Freilich, wenn er das ihur besonders liegende Feld des Reiserom ans verließ, wie in dem SittenromaiieEckfenster", so zeigte er eine wenig glückliche Hand. Als Journalist hatte er sich vor allem die Ausgabe gestellt, den deutschen Answandererst in ihren: Elend, das er vielfach, persönlich vor Augen gehabt hatte, zn Helfen, nnd in ioarmherzigec Beredsamkeit suchte er dahin zu wirren, daß Deutschland auch dann noch feilte Kinder machtvoll schütze, wenn sie die Heimat verlassen hatten. Als Mensch war Gor­st ücker dieselbe urwüchsige, vollblütige Persönlichkeit wie als Schrift­steller^ Trotz seines Ruhmes War er beschleiden und harmlos lute ein Kind, nnd derselbe sonnige Humor, den er seinem prächtigen. Kapitän Becker imBusche" lieh, machte auch ihn zu einem liebens­werten Gesellschafter. So herrschte allgemeine Trauer, als am 31. Mar 1672 eine plötzliche Erkrankung dem Leben des so rüstig scheinenden Mannas ein jähes Ende setzte.Ms Mensch war Ger- stmker redlichi und treu, als Mann eifrig dem Lichte und dein Fort­schritt Ungetan, ein Weltbürger im guten, schönen Sinne des Wortes und ein ehrliches, treues Herz gegen alle, die seine Teilnahme und seine Liebe gewonnen hatten": mit diesm Worten hat Friedrich Ratzel damals den Tahin gegangenen trefflich! gekennzeichnet.

Der Drückeberger.

Jean Baptiste Loriot ans dem Dorfe Ponligon in der Bre­tagne hatte den Krieg überdrüssig. Er sah nicht ein, warum er -Noch cm weiteres Jahr im Schützengraben liegen sollte und sich die Kugeln der Boches um die Nase pfeifen lassen; wie leicht konnte eurer so ungeschickt sein und ihn treffen, wie den Pierre Thvbanld ans dem Nauchardorfe. Dann war es aus mit ihm und mit seiner Sa-rdmenfischerei und er würde auch seine brave Celestine nicht Wiedersehen. Darum beschloß Jean Baptiste, sich zu drücken. In allen Bettungen stand täglich zu lesen, wie die seinen Herrschen in Paris es verstanden, hinter der Front zu bleiben und als Embus- ques emen guten Tag zn leben, warum sollte er, zwar mit weniger Geld begnadet und um das wäre es ihm viel zn schade gewesen aber doch sicher ebenso schlau wie solcher Pariser Zuckerbengel, nicht auch seine Haut aus der Affäre ziehen können?

Schon den gleichen Wend nach dieser sehr ernsthaften Er­wägung imldete sich te Sergeant Jean Baptiste Loriot krank. Zwar PfU ihii der Sergeant-Major tüchtig mr und redete von Blagne und Drückebergerei, aber weil er das ja gerade wollte, so tat ^ecur Baptiste umso gekrankter. Er bewies denk Vorgesetzten! onrch dstir iAng^ischerrr, daß er nicht einen Fuß vor den andern setzen KW er schließlich auf der ersten Fahrgelegenheit wach hinten befördert. Im Feldlazarett pfiff ihn der Medicin- Uam seinerseits an, nms ihn nicht weniger kalt ließ, aber auch hlm verrret er alle Zeichen emes heftigen Rheumatismus. Dafür xntecefiierte sich der Arzt nicht und schickte ihn weiter. So kam! er rns Reserve azarett im alten Kloster bei Boulvgne. Da behiel- ^ F %. Erst lag er m enter der eisigen Zellen des Erdgeschosses, Wmd aeradestoegs qus dem bescheidenen Gärtchen Innern' ra/r ir ^chchi lange vertriebenen frommen Brüder emst Ui bcst<lk.l hattcn. «b°r da vmnt- feiu Sthcumatisnms nU «Mlm, &£ M Ff* Oet, auflKWaSretü« Arzt ein, dem Jean Baptist- ^ E der MwpHM drn au die M,g» geNmM-n chtiül

tatsächlich zn bekommen Mid mit der brusttöneirden Versicherung daß er erlendS ivreder a'n die Front wolle, anseinandersetzte

So 'kam Jean Baptiste in ein gutgeheiztes, wohliges Zimmer mrt holzverklerdeten Mänden, das einst dein Prior gehörte und jetzt für Offiziere bestimmt war, die zufällig in dies Lazarett nrchlt gebracht wurden.

Hier fühlte, sich der Sergeant sauwohl. Unten hatte er noch manchmal an die feuchte Sohle des Schützengrabens gedacht und, wenn öre haltenden Gänge ein Holzpantoffel entlangklapperte, sich des Geknatters ans Maschinengewehren erinnert. Hier oben vergaß er allmählich daß Ktieg war, er dachte angestrengt an Cßlestine, ferne Eyelrebste und an die Sardine, der er zur andern Hälfte fern weltliches Wohlbehagen verdankte. Nur, wenn der Arzt seinen täglichen Besuch machte, wurde Jean Baptiste wieder ganz Soldat. En biß er die Zähne zusammen, erklärte unter Flüchen die ganze Kiinst der Mediziner für Camelotte, daß sie ihn nicht heilen mrd dem Vaterlande seinen bravsten Sergeanten wiedergebcri könne und fließ bei der Untersuchurig und ihm zugemuteten Gehprobenj lvare ^nmanergehenle aus, die zir berändern und eindringlich zu machen er sich jebeit Tag neu bemühte.

. Zwar waren die Aerzte längst überzeugt, daß es sich UM einen Simulanten handele, aber den Nachweis konnteii sie eben-! so icemg führen mie ihn heilen.

der auch!

da \ , __

murte das Zimmer des Priors beansprucht. Weil "man aber "best schweren,Rheumatiker nicht anderweit unterbringen konnte, so blieb er an seinem Stammplatze. Sein Stolz, mit Offizieren das Zinr- mer testen zu dürfen, war weniger groß, als sein Glück, nun auch Lie öfjiäterEoit zu erhalten, da man ihm nicht besonders die gerin- gere Monnschiaftskost hinaufbringen wollte. Tie war gerade lischt überwältigend gewesen und hatte genügt, ihn zu ernähren, nstpt aber fett zu machen. West sie ihm nicht schmeckte, hatte er maßvoll gelebt und infolgedessen von seinem untätigen Lebeir keine Beschtver-' een empfunden. Das änderte sich jetzt. Er nicht nur feine mm- wehr größere Portion, sondern vertilgte auch noch, was die Herren Offiziere von den wohLschmeckenden Speiien nicht verzehrten.

So dauerte es nicht lange, bis sich bei ihm die Fdtgen der! üppigen Lebensweise einltellten. Eine tüchtige Darmverstinmrung erschreckte ihn heftig. Er, der nie krank gewesen, war auf einmal m seinen wcsenllrchien LebensäiißerUngen gestört. Tie Mengen an t Rahrungsmitteln, die er nicht zu v er ar bei teil vermochte, verunkten ihm das Blut, und ein starres Fieber ergriff ihn. Tie Aerzte erkannten mit SckMnnzeln den wahren Grund seines Leideiis nnd machten düstere Mienen. Eln paar Tage ließetl sie ihn zappeln; dann erhielt er jenes in Frankreich wohlbekannte! Mittel, gegen das die hölliichen Latwergeii des Doktor Faust senior Nektar und Ambrosia waren, mit einem gntgemessenen Weinglas Oeles von der Staude des Rhizinns und genas.

Wer mit dem wahren Nebel wich auch das geheuchelte. Nach drm Tagen war Jean Baptiste wieder im Schützengrabeti als H^ld^ er stürmte am Hartmannsweiterkopf mit, wurde gefangön und beichtete nur in einer stillen Stunde seine Sünden, als die Riihe des Gefangenenlagers ihn von neuem mit Leibschmerzen und seinen Gegenmitteln bedrohten. I. p. A.

Ein neuerlicher vergeblicher Angriff auf die eiseriten Walle Boches lieferte so zahlreiche Opfer ans Messer der Aerzte, daß das Kloster bei Bonlogne voll belegt wrrdeir mußte, und iichi unter den Verwuirdeten auch eiiriae Ostiripi-t» bi>s,-,nb<»s7

VrsmßschLss.

R i ch a r d s II. K i n n b a ck e n. Der Kinnbacken des eng- tischen Königs Richard 1I-. (der in der Westininster-Llbtei begraben ist) war einmal in Gefahr, dttrch die Land eines Knaben verloren zu geben. Hierüber berichtet dasChnrch Family Netvspaper" die folgende, btslaiig tvohl mtbckamtte Geschichte: Vor 19 Jahren grub ein Schüler der Westmitister-Schnle, die nnntittelbar neben der Abtei liegt, unter der Saiidsteinmauer hindtirch. J»i der Höhlung fühlte er ein Skelett, und es gelang ihm, einen Knochen davon zu entfernen, der sich als menschlicher Unterkiefer heratis- stellte. Er nahm ihn nach Hanse, und fein Vater kam zu der Ueberzengung, das; sein Sohn das Grab Richards II. beraubt hätte. Der Knochen wurde in der Familie anibeioahrt nnb galt als Kinn­backen Richards II. In den letzten Negiermigßjahren des Königs Edtiard sandte der dantalige Besitzer ihn an den König mit einem erklärenden Begleitbriefe. Nach vielen Fornralitäten schritt man zur Oesfnung des Königsgrabes, nnd tatsächlich stellte sich heraus, daß der Unterkiefer Richards II. fehlte. Daraufhin nmroe der Unterkiefer zti den übrigen Gebeinen gelegt und anßcrdenr verschloß man eine Pergameninrkunde mit den Üeberresleri des Königs, in der der Sachverhalt beschrieben ist.

^ * Die Vierzig i rn t ü rkis ch e n M ü r ch e n. Die Zahl 40 spielt im Märchen der Türken eine atissastend große Rolle. Vierzig Tage werben als Frist zur Lösung schwieriger Ausgaben gewahrt. Vierzig Zstnmer befinden sich in den Zciuberpalästen, "vo ihrer vierzig erscheinen häufig die Feen soivohl als die Räuber und die unhennlichen tetlsiifcheu Gsstalteli der menscheiisressenden ,'pkws . Ja, ivir hören sogar voii vierzig Prinzen, die von einem Vater und eurer Mutter abstaninren, rrnd die auch nur vierzig "Lchrveslern heirateri solleri und rvollen, die gleichsalls vom selben