Die arme Prinzessin.
Roman von Fedor von Zobeltitz.
(Nachdruck verboten.^
(Fortsetzung.)
„Da bin ich anfaestanden und habe gesagt: „Fräulein von Hüningen, entschuldigen Sie, ich finde dieses Gedicht entzückend." Was antwortet mir die lange Latte? „Prinzessin, wenn Sie erst älter sind und Ihr Geschmack geläuterter geworden, werden auch Sie fühlen, daß durch die meisten jener Volkslieder, die gewissermaßen ein U-eber- bleibsel des in Roheit versunkenen Minnegesangs sind, ein Zug unreinen Empfindens geht." — Ich frage die Welt! Grete, ist das nicht zum Radschlagen! Klopstock liebt sie sehr, und den Nathan nennt sie ein mißlungenes Tendenzdrama, wogegen ich nichts habe, meinetwegen; dann lobt sie wieder die Gruppe Jung-Stilling, Jacobi, Hamann und die Stol- bergs bis in die Puppen, was mir schleierhaft ist, und an Heine läßt sie lein gutes Haar. Sie erzählt Gräßliches von ihm, und dabei muß ich immer denken, wie oft wir zwei mit dein Buch der Lieder in den Wald gegangen sind. Daß ein Schandkerl so schön wie er dichten konnte! —
„Grete, ich will nicht gerade sagen, daß ich mich im Stift unglücklich fühle; das wäre übertrieben. Mer ich fühle mich deplaciert, es kommt mir vor, als gehöre ich eigentlich gar nicht hierher. Woran liegt das? Vielleicht an meiner Armut, vielleicht an der wenig „aristokratischen" Erziehung int alten Hause. Zuweilen hält uns die Oberin eine längere Rede. Sie fängt jedesmal an: „Bedenken Sie, meine jungen Damen, daß Sie einst —"
„Ich bedenke aber gar nichts. Doch: ein Bedenken habe ich; ich graule mich vor der Hofdamenkarriere. Prinzeß Irene ist unsre Protektorin, das weißt Dir. Neulich war sie hier: eine reizende junge Frau, hellblond, mit einem Madonnengesicht; hinter ihr her ein Hofmarschall, zwei Palastdamen und ein Jäger mit einer Marzipantorte. Letztere war für uns, und es geschah, daß diese Torte uns mehr erfreute als der ganze Besuch. Tini Erdmann futterte sofort die Mittelfrucht ab, worauf die Tempel ihr einen Klaps gab und sagte: „Komteß, Sie sind ein verfressenes Geschöpf," worauf die Berleberg rief: „Schweigen Sie bloß still, Sie dämliches Judenbalg!" Die kleine Tempel wurde puterrot und hat dann schrecklich geheult; die Berleberg ist zu gem«n.
„Mich hat die Prinzeß Irene besonders bevorzugt, sprach lange mit mir und hat mich zu Sonntag zum Diner go- laden. Das gab nun wieder allgemeine Eifersucht und spitze Redensarten wegen meiner Toilette (Sonntags dürfen mir tragen, was wir wollen). Aber ich mache mir nichts daraus; sie können reden, was ihnen in den Mund kommt. Hohe Besuche empfangen wir öfters, so neulich den einer russischen Großfürstin. Da war der Gesandte mit und seine Frau und weißt Du, wer noch? Der junge Fürst Bnra-eddin, Kola.
mein.Vetter, der auch auf Volkos Hochzeit war, der hübsche Tatarenhäuptling mit den feuchten schwarzen Augen, die wie Samt schimmern und so niederträchtige Blicke werfen können. Er begrüßte mich vetterlich, und beim Abschiede sagte er ganz berlinerisch: „Adje, Mieze, jib mir einen Schmatz!" — So eine Frechheit. Ich habe einfach kehrt gemacht. Ich werde dem Ekel gerade einen Kuß geben. Ich muß bei ihm immer an die wilden Völkerschaften im Panoptikum denken. Nee, mein lieber Kola, bet is nich! —
„Von Volk» fant eine Ansichtskarte aus Monte Carlo, von Lilien eine Kiste mit kandierten Früchten aus Nizza, bloß so, ohne eine Zeile; auf dem Abschnitt der Pakctadresse stand: „Im Aufträge Ihrer Durchlaucht der Frau Fürstin von Gotteruegg." Buh! Aber die Früchte waren fein. Ich habe acht Tage laug alle Abend davon geknabbert, bis mir schlecht wurde und ich sie nicht mehr sehen konnte. Den Rest habe ich den andern gegeben, die sich luie die hungrigen Löwen darauf stürzten, besonders Tini (sie kaut sogar an ihrem Gummi, ich bitte dich, pfui Geyer!).
„Am amüsantesten sind die Turn- und Tanzstunden, letztere mit Reigenmärschen, bei denen wir kleine Keulen aus poliertem Holz schwingen, um uns in der Grazie zü üben. Dabei benimmt sich die Berleberg wie ein Elefant; sie wuchtet umher, es ist nicht zum Ansehen; wie eine dicke Magd, Grete, ich möchte wissen, wo bei der das adlige Blut steckt. Sehr ulkig sind die sogenannten Anstandsstunden der Oberin. Da wird der gute Ton frisch vom Faß verzapft. Die Gräfin trägt vor, wie sich eine mit allein Komfort der Gegenwart ausgestattete junge Dame der vornehmen Gesellschaft zu benehmen hat, bei Hofe wie auch daheim und den Untergebenen gegenüber. Zum Beispiel (aber lache nicht): Die Untergebenen sind immer »wohlwollend' zu behandeln und.leutselig'; jede Vertraulichkeit zu einer Zofe ist von: Uebel; beim Coiffuren soll man nicht viel reden, vor allem nicht klatschen; kein Mensch ist diskret, besonders keine Zofe. Mit Wohlwollen muß immer eine gewisse Strenge gepaart sein; man sorge für seine Domestiken, sondern verwöhne sie nicht. Man hüte sich vor »irrationellen Affekten', zum Beispiel vor Spott (das ist gut); man feile auch in der Intimität des Hauses beständig an Sprache mro Ausdruck; man zeige nie seine Tränen: man sei nicht abergläubisch, verschließe sich aber der modernen Aufklärungswut, die auch das Heiligste nicht schont. Grete, die gute Gräfin könnte einen neuen Knigge herausgeben. Es ist manches nett und verständig an dem, was sie sagt, und manches so schrecklich kleinlich und engherzig. Oder bilde ich mir das nur ein? Es ist möglich. Ich höre der Gräfin gern zu; sie reizt mich zu manchem heimlichen Widerspruch. Aber das macht mir Spaß.
„Des Sonntags gehen die meisten aus. Ich bleibe gewöhnlich zu Hause, bringe meine Sachen in Ordnung, schreibe Briefe und schmökre. Letzten Sonntag holte mich Onkel Herr- furt ab; er ist in Berlin, während das.Herrenhaus tagt oder der Reichstag, ich weiß nicht. Wir dinierten im .Hotel Bristol, sehr fein, mit Champagner: dann wollten wir in ein


