Ausgabe 
3.5.1916
 
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Theater. Aber da war guter Rat teuer. Onkel Rübezahl ließ sich eine Zeitung geben, um die Vorstellungen durchzugehen; schließlich sagte er:Liebes Kind, das sind lauter Stücke, in oie du nicht gehen darfst. Es bleibt nichts anderes übrig: wir müssen ins Opernhaus, da wird der Freischütz gegeben; höre ordentlich zu, ich setze mich indessen in die Logenecke und schlase ein bißchen." Na, weißt Du, der Freischütz zog mich auch nicht gerade begeistert an, so schlug ich denn den Zirkus vor, wo es auch ganz hübsch war und wo.wir eine Masse Bekannte trafen, natürlich wieder Kola, der immer im Stall­gauge stand urrd wie zu Hause tat. Ich hörte, -wie einer von Bolkos Ulanen deni Onkel ins Ohr flüsterte:Passen Durch­laucht nral auf Kolas Augen auf, wenn Miß Nelly reitet." Verstehst Du, Grete? Die Männer sind greulich.

,i,A, Du, das darf ich nicht zu erzählen vergessen; wen traf ich vor etwa vierzehn Tagen, als ich zürn Zahnarzt fuhr? (Einer Plombe wegen, aber Backenzahn, man sieht's nicht.) Wen traf ich? Otto! Er sah mich nicht, ich fuhr, er ging,

. aber ich beugte mich aus der Droschke heraus und schrie, daß alle Leute auf dem Trottoir stehen blieben. Da sprang er an den Wagen heran, und da habe ich eine grobe Taktlosig­keit begangen. Ich lud ihn ans und fuhr mit ihm bis zum Zahnarzt. Ich glaube sicher, es war taktlos, aber ich hatte wich so schrecklich gefreut, ein Burgmühtengesicht wiederzn- sehen, und er freute sich auch, ich merkte es ihm au. Er sieht sehr gut aus, ich möchte sagen elegant, gar nicht wie ein Stubengelehrter, und erzählte mir von seinen Heldentaten im anatomischen Museum Und seiner Dissertation, Du bannst mich totschlagen, wenn ich noch ahne, über was. Es war irgend etwas Unappetitliches von Gelenkverkrümmungen oder dergleichen, aber er-schien äußerst stolz darauf zu sein. Er ist ein sehr lieber Bursche, wollte mich auch noch bis in das Sprechzimmer bringen, aber da sagte ich doch nein und trug meinen hohlen Zahn allein die drei Treppen hinauf.

Von Jost habe ich schon zwei Briefe bekommeil. Es geht ihm brillant; er bewohnt mit Velten, zusammen eineBude", ist einem Korps beigetrcten, ich glaube derSaxonia" (was wich wundert, denn er war früher dagegen), h'at a le mög- lichenPublica" undPrivata" belegt und schreibt seyr vergnügt, aber in einem Studentendeutsch, das mir mannig­fache Rätsel uird Rebusse zu lösen auserlegt. Tini Erdmann hilft mir dabei; ihr Bruder ist auch Korpsstudent, sie weiß alles und ist plötzlich auf die Idee gekommen, auch bei uns einen Korpsverband zu gründen, dem natürlich nur die Erlauchteren angehören werden. Das ist nett, die Vorberei­tungen werden in großer Heimlichkeit betrieben, Hede Ber- kuhn hat schon ein paar Füchsinnen gekeilt, in der Korps­kasse liegen sechzehn Mark. Gegen die Aufnahme der Berle­berg habe ich Einspruch erhöben, aber sie schmeichelt sich ein, hat Schokolade verteilt und an einen: angeblichen Geburts­tage ihrer Großmutter ein Kaffeekränzchen gegeben; ihre Rezeption steht daher nahe bevor, ©in Band haben wir auch, schon: schwarz-weiß, die preußischen Farben, es wird über dem Korsett getragen. Ich schreibe Dir im nächsten Briefe mehr über unsere Verbindung, aber Du mußt den Brief gleich verbrenneil (nicht zerreißen), voeil Mitteilungen nach außen hm statutarisch eigentlich verboten sind und das Ge- hemmis nicht gelüftet werden darf. Für heute küsse ich im Gedenren an Dich meinen Glückspfennig und ende Dir taufend liebe Grütze, meine Grete, als

Deine getreue Freundin Annemarie."

Auf diesen Brief antwortete Grete folgendermaßen:

Meine heißgeliebte Mie!

Dein langer Brief ist mir eine sehr große Freude ge­wesen m der Trostlosigkeit dieses Daseins. O Himmel, was wäre das Leben, wenn nicht die Freundschaft bestände, die uns über oen Erden staub erhebt und den grauen Alltag mrt freundlichem Sonnenschein füllt. Während der Lektüre Demes lieben Briefes hatte auch ich meinen Glückspfermig hervorgeholt und habe ihn oft geküßt; ich trage ihn an emem kleinen goldenen Kettchen aus Mntters Nachlaß auf dem bloßen Halse. Liebe Me, ich habe. Dir ja noch so viel ru erzählen. Die Zeit nach Mntters plötzlichem Tode war er* schreallch, der Vater war ganz verzweifelt und wollte mich aar sticht fortlassen aber Otto bestand darauf; er sagte, es sei eine Notwendigkeit für mich, ein bißchengedrillt" zu werden zu dmnm und ich sei hier doch nun einmal angemerdet. Also, es hals alles nichts. In beit ersten Tagen tzabe id) Wo# geweint. S9 ist entsetzlich streng, Änuemie Du machst Dir gar keinen Begriff; man verliert alle Lebens-

? fremde, ich bin mager geworden und habe Salz faß che n an den Schultern, und meine Kleidung schlottert wie bei der ersten Livree des grünen Max. Daran darf ich gar nicht! denken; wenn ich an Gotteruegg denke, wird mir ganz, anders. Wenn ich an Gotteruegg denke, schießt mir das Wasser in die Augen, aber ich will mir das Heimweh natür­lich nicht merken lassen; dann setze ich mich hin und dichte. Ich habe drei Gedichte gemacht, eins lege ich bei; bei einem andern, das so anfüngt:Mein Heimatwald, gehab dich Wohl", kriege ich die letzte Strophe nicht heraus. Gedichte ohne Reime gelingen mir immer besser.

Warum mußte es gerade eine Herrnhuterpension sein, o Gatt? Die Mutter wollte es, ihre Schwester und zwei Schwestertöchter sind auch hier gewesen, es ist so Sitte in der Familie, daß den Backfischen bei den Herrnhutern der letzte Schliff gegeben wird. Ein schöner Schliff! Annemie, na' ich will lieber ruhig sein Aber das will ich doch sagen: ich behaupte ebenso wie Du,ich gehöre eigentlich gar nicht hierher. Nämlich, es sind ja ganz nette Mädel hier und mit einigen läßt sich auch verkehren, aber im allgemeinen stehen sie mir doch nicht gesellschaftlich gleich Otto würde sich natürlich darüber lustig machen, wenn er das hörte, und mir wieder Hochmut vorwerfen, aber das ist mir ganz egal. Meist sind es Töchter gns besseren Bauernfamilien oder e-was höher, so zwischenGauer und Gutsbesitzer stehend, oder auch von kleinen Beamten, ich will nicht sagen, daß sie gerade mies sind, aber der rechte Unrgang ist es auch nicht. Nur eine voii Adel ist hier, Dorothee von Gabler, ihr Vater ist Geheimrat im Kultusministerium, an die hätte ich mich

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der Lausitz ein Gut und ist Amtsvorstcher, es sind frische Mädchen, wenn auch ein wenig bäurisch in ihren Ansichten; denke Dir, sie müssen zu Hause melken. Einen Todesschreck kriegte ich, als ich bei meiner Ankunft M?oline Jannasch sah, «die Docker eures Gotterneggschen Oberförsters, das Schielauge. Sie hatte natürlich gleich meinen ganzen Le­benslauf veroreitet und die anderen aufgehetzt, und da kam in der ersten Stunde jede einzelne zu mir heran und fragte: Ist es Wahr, dein Vater ist Müller? Anfangs erzählte ich wahrheitsgemäß, daß die Burg-nühle ein in> altes Lehn sei und Vater außerdem an zwölfhundert Mor­gen unter dem Pfluge habe und siebenhundert Morgen prachtvoll geschonten Wald, und daß wir Rittergutsqualität hatten seit dem Ankauf der Burgheide; aber wie ich den Lokus merkte, sprang ich einfach auf und schrie:Fragt mich noch mal wer, was mein Vater ist, der kann sich auf eine gefaßt machen, daß es nur so knallt!" Die Drohung nlit der Küallschote wirkte denn auch; aber intrigiert wird immer noch heimlich gegen ntich, sie ärgern sich, daß ich mehr vorstelle als wie sie, verstehst du,Mie, und da versuchen sie imn, rmch au, alle mögliche Weise zu uzen, und die Müllerei jvielt dabei natürlich immer die Hauptrolle. Es ist wie ein Ver­hängnis Und als sollte es mir einig nach hängen; Otto meint zwar, wir hätten allen Grund, stolz darauf zu sein, daß wir Qav der Burgmühle inv Leben gerückt sind, aber ich habe imn mal meinen eigenen Stolz, ich kann nicht dafür. Das Bauer! iMBurgerliche liegt mir nicht; ich weiß schon, Du wirst auchkleines Schaferl" sagen, wenn Du dieses liest: meinetwegen.

Ach Mi« das ist ein Leben! Burrr! Wir tragen Serge- klerder, es }teftt schauderhaft aus, und unsere Lehreirnnen Hanbeii wie die Nonnen. Sie gehören alle der Brüder­gemeinde als Schwestern an und haben blaßrosa Bänder an den Hauben, wenn sie unverheiratet sind, die verheirateten blaue wer Witwe rst, trägt weiße Bänder. Aber das muß man sageu, es sind prachtvolle Frauen und wandeln wirklich ww dw Heiligen durch dies irdische Jammertal. Es ist hier nämlich eine ganze Herruhuterkolouie, und bloß in unserer Pension werden Mädchen ausgenommen, die nicht der Ge- Euide an gehören. Aber es qibt auch noch eine zweite Er- Mhungsanstalt für kleinere Kinder, der gehören eine Menae Mädchen aus den fremdländischen Kolonien an, sie werden hierhergejchillt, aus Jömaikä und Kanada und soaar aus Ostasrika und weiß Gott woher. Auch Missionare kommen u.^d predigen, neulich einer, der bei den Kaffern war, ein bildschöner Mann, mau ntußte ibn immer wieder anseben- es kouute also ganz interessant sein, wenn, es nur nicht eine fr 11 strenge Zucht wäre. Von der peinlichen Ordnung! und Lauberreit bet uns -nächst Du Dir gar keinen Begriff'; das