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ging einem förmlich das Herz ans. Und nun Z-raaleur von Höningen, erbarm dich! Als Beweis für den Verfall des Volkslieds im sechzehnten Jahrhundert ließ sie uns das herzige Liedlein rezitieren:
„2lch Elslein, liebes Elselein, . .
Wie gern war'ich bei dir,
So sind zwei tiefe Wasser K <
Mo hl zwischen dir und mir . . .'
< "" (Fortsetzung folgt.)
Der Zirkusreiter.
Ein Kriegserlebnis.
Von allen Landwehrleuten meiner Kompagnie war Vemrrch Walldorf der seltsamste und der lustigste. Schon ff u f \ a von den breitschulterigen, hochgewachsenen -Hesfensohnen Gewalt g ab, die unter dichtet, blondem Haar mit blauen Augen treilherzig in die Welt sahen. Er war schmal, beinahe fchmachttg, hatte - Ufr schwarze Haare, flackernde Augen und einen ganz atMalligen, w- dernden Gang, der ungemein läckwrlich wirkte. Und auch alle,, was er tat und sagte, hatte etwas Komckches, so dav er «ont e« Augenblick an der Spaßmacher der Kompagnie war und zugkich auch der beste Sck-ütze. Ta er nicht befonders gut LU Fuß war, sollte er zunächst in der Garnison bleiben, aber er bat so dringend, gleich mit hinaus zu dürfen, daß er als Radfahrer mitgenommen wurde. Hier bewährte er sich glänzend, und lveim er einmal gerade keinen besonderen Auftrag hatte dann strampelte er neben der Kompagnie her, erzählte Witze, Anekdoten und Schnurren machte auch einmal ein Kunststück auf dem Rad, und brachte selbst dann noch die Leute zum Lachen, wenn sie un glühendsten^Sonmnbra d vierzig und mehr Kilometer hinter sich hatten. ~-a er lahrelang den Osten Frankreichs und Belgiens mit einem 2sskus bereis l atte, in dem er als »Spaßmacher, Kunstreiter, König aller Schutzen nsw. cm gestellt geivesen lvar, so kannte er die Gegend sehr genau und auch fast überall ein paar Leute, bte ihn als le bet mm freundschaftlich begrüßten. Durch diese Bekanntschaften war es lhmmög- lich, mancherlei Aufträge, die für andere sckpvierig und gesal)rlich geivesen wären, spielend zu erledigen, zumal er sich schon in der elften Schlacht ein Roß erbeutet hatte, auf dem er siegevgewrß bis zur Marne zog.
Ms der Stellungskrieg begann, warf Belann, wie er bald allgemein genannt wurde, einen Rückblick auf. die vergangener- Wochen, aber nicht von der Warte seines berühmten Namens-. Vetters Belamy, sondern ans der Berdrußecre oes Schützengrabens, aber bald hatte er seine gute Laune wieder gesunden und hals intt seinem Witz, der manchmal sogar an Humor grenzte, übermütig über manche schwere Stunde hinweg, tarn unaufhörlich „besnnt- ten" uns die Franzosen mit schweren Granaten. Glücklicherweise hatten sie eine Menge Blindgänger. , *
Seit etwa vierzehn Tagen mochten wir nun Ruhe gehabt haben, denn rmsere Artillerie hatte sich vorzüglich eingeschossen imd brachte den „Karo", ivie unsere Soldaten die französisches Batterien mit ihrem viertönigen, bellenden Salvenfcner nannten, stets rasch zum Schweigen; nun aber trommelten sie seit zwer Tagen wieder wie toll ans unsere Stellung, ohne daß es uns gelungen sväre, die neue Stellung zu fassen. Wir erhielten deshalb den Auftrag, Patrouillen vorzuschicken und aufzuklären. Tas war feine leichte Aufgabe, und unter den zahlreichen Freiwilligen mußte deshalb scharfe Mnfterung gehalten werden, svenn das 'tollkühne Unternehmen, das hinter die französische ^nsanterie- stellnng führte, einigermaßen Aussicht ans Erfolg haben sollte.
Walldorf, der Zirkusreiter, der inzwischen Gefreiter geworden war, hatte sich als Erster gemeldet: „Wozu gübs denn ein.Eisern Zrieuz, wenn ichs nit kriegen sollte!" sagte, er lachmd.
Mit dem sinkenden Mend kletterten die Leute lautlos über die Grabenränder und verschwanden in der dunkelen Nacht, die voll war von dem Donner der Geschütze und dem Heulen der Granaten. t
In aualvolter Ungeduld vergingen uns bie stunden: unendlich langsam. Als der Tag dämmerte, kam eine Patrouille mit blutigen Köpfen unverrichteter Dinge zurück, etwas später kam die zweite und bald darnach stellten sich auch zwei Leute von Walldorfs Patrouille ein, aber der Gefreite fehlte. Nach den Aussagen dcr Leute hatte er sie an einer Waldecke znrückgelassen und war allein weiter gegangen. Seiner Weisung gehorchend, hatten sie zehn Minuten gewartet und waren ihm dann gefolgt, aber trotz allen Suchens
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Rückweg abznschneiden drohten. Da hatten sie sich zurückgezogen.
Das war eine üble Geschichte: die Patroilten vergebens und der tüchtigste Gefreite gefangen oder gar tot. Es blieb uns nichts anderes übrig, wir mußten neue Patrouillen vorschicken, wenn sie auch am lichten Tag noch weniger Aussicht auf Erfolg hatten, ob schon ein ziemlich dichter Nebel über dem Blachfeld lag.
Vorsichtig schoben sich die neuen Patrouillen vor, um in weitem Bogen den Wald anzugehen, der die gefährlichen Batterien verbarg In tödlicher Spannung harrten wir und lauschten.
Da, gegen Mittag, als die Sonne den Nebel fast niedcrgerungen hatte, schlugen am linken Flügel unseres Grabens frohe Rufe auf, die rasch näher kamen und immer lauter anschwolleu. Neugierig traten sie aus dem Unterstand heraus . . . und vor uns ilano m Ofsizierskäppi und Mantel mit lachendem Gesicht der vefreite
Walldorf. . ■
„Batterie gefunden!" meldete er kurz und schlug klirrend die Hacken zusammen. „Außerdem scheinen wichtige Papiere m dieser
^ Er überreiebte dem Kompagniefiih.er eine Satteltasche, d e dieser in fliegender Hast musterte.
„Sie sind ja ein Prachtkerlstieß er hervor und stürzte an den Fernsprecher, um die Meldung zu machen. Gleich darnach schickte er die Satteltasche ab. „ r .. .. 4
„Nun erzählen Sie, Walldorf! Wo haben sie geheckt, wo haben Sie die Satteltasche her?"
Und Walldorf erzählte, Und erzählte nicht anders, als ob es sich um eine harmlose Schnurre handele.
An der Waldecke hatte ich meine Kameraden zurückgelassen und pürschte mich vorsichtig an die Drahtverhaue he rau. Ich war vielleicht tausend Meter vorwärts gekommen, als ich m einiger Entfernung einen dunklen Fleck gewahrte und raneben etnera ' leuchtenden Schein. Langsam schiebe ich mich heran, und Nnr e einen toten Franzosen, der eine Radiumuhr an oem Handgelenc trägt So ein Ding hatte ich mir schon lange gewünscht und ich nahm sie deshalb vergnügt ab, um sie selbst anzuzrehen. L.a nun wieder ein Wa!dstück kam, ging ich aufrecht werter und freute mich an der schönen Uhr. Plötzlich — es lvac grad zehn Mmitten nach 8 _ weicht der Boden unter meinen Füßen und ich stürze ut eine Grube, wie ein nasser Sack. Rasch wollte ich wieder auf, aoer da waren schon ein paar Rothosen über mir her Mid rangen mich nieder
„Ta l^ist du die Bescherung!" dachte ich und streckte alle Biere von mir. aber als ich merkte, daß sie mir Nicht ans Leben wollten, sagte ich ihnen in tadellosem Französisch: Guteii Abend, und ließ mir einen Schluck Wein geben. Lachend willfahrten sie meinem Wunsch und brachten mich dann nach ihrem Graben, wo ich von einem Offizier ansgefragt wurde. Ich log das Blaue vom Himmel herunter, aber er schien sehr zufrieden, denn er schenkte nnr emj paar Zigaretten, ehe ich weiter abgeführt wurde.. Ich wurde nun nach einer Batteriestellung geführt, offenbar die, die wir auf- spüren sollten, denn sonst siel im ganzen Umkreis kein Kanonenschuß, und von einem Offizier verhört, der rauchend und schreibend in einem et>va 200 Meter vor der Batterie gelegenen Unter,tand saß. Nachdem er mich nach allem Möglichen gefragt hatte, nahm er mir meine Sachen ab, mein Messer, meinen Kompag, meinen Brustbeutel und sogar meine schöne Uhr, die ich kaum erst gesunden hatte. Ruhig, als ob sich das so gehörte, schob er alles rn seine Satteltasche, die neben ihm an einem Balken hing, legte eine Pistole neben sich und befahl mir dann, mich auf einem ^troh- bündel schlafen zu legen. Ich werde noch von einem anderen Offizier vernommen werden.
Ta lag ich nun lvie rin Daniel in der Löwengrilbe und ärgerte mich über meine Dumniheit. Und ein klein wenig niehr Vorsicht und ich wäre noch ein freier Mann gewesen. Ich hätte mich tot ärgern können. .. -•
Heber mir in der Satteltasche tickte die Uhr: ich horte ne ganz deutlich, wenn das Feuer der Geschütze einen Augenblick schwieg, und jedesmal, wenn ich das Ticken hörte, gabs mir einen Stich in. das Herz, daß ich die schöne Uhr emgebützt hatte, >zä) wollte mich aus andere Gedanken bringen, aber so oft ich es auch versuchte, immer wieder schlug mir das Ticken ans Ohr und ich mußte denken: Da oben, da hängt sie! Und immer wieder: Ta oben, da hängt sie. , . . c , , ... f u
Ich überlegte, wie ich ,ie wieder bekommen könne, aber alle Mühe schien vergeblich; der Offizier verließ keinen Augenblick den Raum, verwandte nicht einmal den Rücken.
Ich wollte an die Patrouille denken, an den mißglückte Auftrag. Zwar sitzt du jetzt ganz schön bei der Batterie, dachte ick. aber leider kannst du keine Meldung mehr machen Und dann wieder: Ta oben hängt sie! Da oben hängt sie!
Wenn die da drüben wüßten, daß ich hier dicht bei der gesuchten Batterie säße. . . Aber wieder: Da oben hängt sie .
Es war fast wie eine sche Idee: Ta oben hängt sie. . Ich kam gar nicht mehr davon los. O. ich hätte den Kerl, der ne nnr abgenommen hatte, umbringen können. .
Da durchfuhr mich blitzschnell der Gedanke: „Ei, es nt ,(t Krieg! Das ist ja ein Feind." Und eh' ich noch auögcdacht bitte, war er mir in die Hand gefahren, und ich batte den Ossiziee mit einem Lattenstück zu Boden geschlagen. Ich ra,ch feinen Mannt um, sein Käppi aus, die Satteltasche in die Hand und zum Unterstand hinaus. Der Nebel kam mir zu statten . . . ich kam ungesehen bis an die Schützengräben. Hinter einem Busch kauerte ich mich nieder, durchsuchte die Satteltasche. nahm lächelnd die schöne Uhr heraus, zog sie wieder an, nahm dann meine anderen Sachen an mich und wartete dann ruhig. Als das Essen ausgegeben wurde und alle nach der Feldküche strömten, ging ich keck vorwärts, fragte einen „Pioupiou", ob vorn noch vorgeschobene Posten säßen, und ging, als er verneinte, ruhig weiter, ohne daß er «erdacht


