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Schloß. Andere blieben über Nacht. In der großen Halle spielte eine Zigeunerkapelle; da tanzte man-;, ^uf der Terrasse waren im linden Frühlingsabend die Soupernsche aus- geschlagen; die Windlichter brannten. —
Der Burgmüller, seine Frau, Otto und Grete gingen zu Fuß nach Hause. Im Parke verlosch die ^llummatron. Glanz um Glanz verlosch, die Schatten wuchsen und spannen sich aus. Wie sonst huschle über die Wiese em Nebelgestreis, an dem Wehr rauschte^ die Wasser. Die Heimchen. Al^pien und es schrien die Frösche. Voin Schlosse her klangen noch die Geigen der Zigeuner; allerhand Töne gingen durch die
Die weiße Weste des Burginüllers glänzte. „Bon sage ich," so erklärte Herr Gottlieb. „Nicht alles gelang; manche^ Gesicht mißfiel mir; unser Schwiegervater aus Amerika hat eine infame Visage; sah ich den neuen Kammerdiener, so kribbelte:: mir die Finger. Aber es war doch em würdiges Fest. Beyfuß schritt uncher, als habe er em Lmeal verschluckt. Ich glaube, ich habe zu viel getrunken, Kinder. Da war em Burgunder, wie hieß er? Ich weiß nicht, der hatte es in sich. Aber die Schwalbennester! Nein, Kmder, das war Jux. Es sah aus wie Lehmbrühe, und es schwamni etwas darin, habe es nicht gegessen. Grete, hebe den Rock auf, es fallt
b^^Grete, hast du die Ueberschuhe an?" fragte Frau Tilde.
Der Burgmüller schnellte den Kops hoch. „Was piepst du so, Mutter? Ist dir nicht recht? Tut dir das Herz wieder weh?" ,, _ . .
„Ja," klagte Frau Tilde mit befremdender stimme, „mir ist so . . . die Digitalis hat auch iiichts genützt; ich werde wohl drauf geh'::. . - .
* Seit Winterbegiun klagte die Burgmulwr:::; der Arzt befürchtete nahende Wassersucht imb hatte Vorbeugungsmittel verschrieben; drohende Gefahr sei nicht vorhanden, die Patientin sei rüstig, alles könne sich geben.
Otto stützte die Mutter, Grete nahm ihren anderii Arm. „Mutter, weißt du," sagte der Burgmüller, „koch dir noch deinen Tee. Der tut dir immer gut."
„Ich werde wohl drausgeh'n," sagte Frau Tilde ichwach.
„Pfui, Mutting!" rief Grete, „versündige dch nicht!.. ." Otto fühlte, wie der Arm der Mutter plötzlich schwer wie ein Eisenbarren auf dem seinen lag.
Als man an der Sägehalle vorüberschritt, stieg oben nur dem Götzen eine Raketeugarbe auf, durchzischte und,durch- flamnite die Liift und verrauschte wie ein Sternschnnppen- heer. Auch das weiße Licht erlosch; finster lag der Gotzen- berg in der Nacht.
Schnauzerl heulte in seiner Hütte. Im Wohnzimmer hatte die Magd schon die Lampe angesteckt; ein gelber Schein fiel durch die Herzausschnitte der geschlossenen Fensterladen ins Freie. Mauske, der Vogt, saß unter der Linde, das Schlüsselbund vor sich auf dem Tische; er rauchte seine Pfeife und erwartete den Herrn. Da sah er, daß die Burgmüllerin hintenüber siel; Otto und der Alte singen sie auf, Grete schrie laut.
„Tilde — Mutter — Herrgotts... was ist?.—"
Reschke stierte ihr in das jach verbleichende Gesicht. Das Herz zog sich ihm zusammen; er spürte aus einmal, wie sehr verwachsen diese harte und zänkische Frau mit seinem Leben geworden:.
Otto winkte ihm. „Tragen wir sie zu Bette, Vater! — Schicke zum Arzt! Ich sehe indessen zu, was ich an Medizi nen finde
„Grete, her Karl soll zum Doktor! Anspannen lund fort!"
„Der Karle ist drüben im Schlosse," jammerte Mauske; „alles ist weg — auf der Tenne ist Tanzsest — kein Mensch ist hier; kann ich nicht fahren?"
„Daß Euch die Schockschwer...! Mauske, mit Euren: steifen Arm! Herrgott, soll mir die Frau denn sterben!"
,,Vater, ich fahre!" rief Grete. „Ich nehme die Füchse, hie geTj’n von alleine. Ich ziehe hohe Stiefeln an mrd deinen Ftauschrock. Mauske, anspannen helfen! In einer .Stunde bin ich zurück..."
Aber vorher schon kam der Tod. Frau Tilde wachte nicht mtf)t aus. lieber die weiße Weste des Burgmüllers rannen die Tränen; Otto kniete erschüttert am Sterbebett.
Draußen verdunkelte sich die Nacht, der Mond ging unter. Auch in: Schlosse taten die Hellen Fensteraugen sich ju, eins nach dem anoern, und das Geigenspiel verklang, ie Nacht schritt vor und der Frieden kam.
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0. Kapitel.
Zwei Mädchenbriefe und ein fröhliches Weihnachtsfest in der alten
Heimat.
So schrieb Annemarie eines Tages an Grete:
„Liebe Grete!
„Seit meinem letzten Briefe ist längere Zeit verflossen; ich wollte immer schreiben, aber ich kam nicht dazu, \ay Tratte gräßliches Heimweh, und wenn ich ben Briefbogen vornahm und die Feder in die Tinte stippte, dann kamen auch schleunigst die Tränen. Nun geht's mir schon bester; Hede Berkuhn (das ist die nettste von allen) sag:, :ch fei dereUÄ männlicher geworden, ich müßte nur noch etwas wehr nur den Beinen ausschlagen, teils nach hinten, teils rechte und links, ein bissel Leichtsinn hülfe am besten über fMvedes Herzenswehweh fort. Hede Berkuhu ist eine große Range, und dann folgt in der Raugenorduuug (nicht etwa Raug- orduuug zu lesen) Elisabeth Waltrodeu und Zun Erdmnuu.
„Liebe Grete, dies Elisabethstift ist vorerst einmal ein Institut zur Pflege der Langeweile. Es ist so eine Art von weiblicher Ritterakademie; bürgerliches Blut verirrt sich hierher nicht, die Vorsteherin ist eine Gräfin Langeuhuysen (holländischer Adel, aber keine flämische Fülle), und selbst die Lehrerinnen sind uieistens Von. Das schließt nicht au„, daß sie meist greulich sind; eine angenehme Ausnahme bildet eioentlich nur die Tanzlehrern:, eine Französin, jung, hubfch und drollig, Mademoiselle Meriguac. Was soll ich Dir sagen, einzige Grete, es ist ein Leben nach der Uhr, es :)t eine große Schablone, nach der wir erzogen werden, immer von: Standpunkte adliger Grundsätze aus, die mir langsam zun: Halse herauszuwachfeu beginnen.
„Ich bin nicht die einzige Prinzessin in diesem aristokratischen Zirkel, aber die ärmste. Hub da ich aus iiichts andres stolz sein kann, so protze ich mit meiner Armut Es macht iuir Spaß, die hochnäsigen Pute:: durctz die Erzählung unsres Tageslaufs im lieben alten Hause daheim gehörig in Erstaunen zu setzen. Ich trage recht dick auf, mit Absicht; einmal schilderte ich, wie ich mir die Stieseln allein geputzt hätte, mit Wichse und Spucke, da ist die ganz seine Ernestine Berleberg („Prinzessin" Berleberg, versteht sich) beinahe tu Ohnmacht gefallen. Denke Dir, die Unverschämtheit: als ich von Dir sprach als meiner besten .Herzensfreundin, rumpst diese dunime Person die Nase (eine lauge Nase m:t Sommersprossen) und sagt: „O mein Gort, ein Baueenmädchen ist Ihre Freundin?" — Ich hätte ihr am liebsten gleich eine Watsche gehauen. Sie kriegt auch noch eine. '
„Ich bin froh, daß ich Kraft habe. Vorgestern abend hat inan mir einen Schabernack spielen wollen und eine Strippe an meine Bettdecke bebuuden, und wie ich mich nun hinlegte und eben beim Einschlafen war, ging es zupp- zupp und die Decke war herunter. Ich merkte aber, woher es kam: von links, da schläft Tiui Erdnlann. Da sprang ich auf, und nun ging die Kabbelei los. Erst Bombardement mit Kopfkissen, daiin sausten die Morgen schuhe, aber die Gemeinheit war, daß Hede Berkuhn anfing, mit Wasser zu spritzen, wir waren naß wie gebadete Katzen. Bei solchen Gelegenheiten ist's mit dem adligen Standpunkt natürlich vorbei, da regiert die rohe Faust; ich kann Dir sagen, bei mir regiert sie feste. Gefallen lasse ich mir nichts.
„Gott, was hätte ich alles zu erzählen, aber ich bringe das meiste durcheinander, die Disposition fehlt mir, Du wirst's wohl nicht übeluehmeu. Es ist merkwürdig, wie mit der Erziehung zum Hochmut eiue gewisse Schlichtheit im Aeußeren Hand in.Hand geht. Unsre Haustoiletteu sind alle von demselben Stofs und nach den: gleichen Schnitt gearbeitet, und wahrhaftig, die Stiefeln haben keine Absätze. Aber das ist doch rein äußerlich, denn zum Beispiel Wäsche können wir tragen, was für welche wir wollen, auch seidene und mit Spitzen, da fragt keiner danach. Aufs Aeußere ist überhaupt alles gestellt, es ist eine lächerliche Wirtschaft. Es ist eine hier, die findet das auch und meint, ich hättei eine gesunde Anschauung: eiue Baronesse Tempel, aber ganz junger Adel, der Vater ist Bankier. Das ist ein uetteÄ frisches Mädel, so etwa wie Hede Berkuhn, bloß weniger ungezogen.
„Gelernt wird nicht allzu heftig, hauptsächlich Fraw zösisch und Englisch. Im Italienischen lesen wir bte Pro- messi sposi“, einen klassischen Roman, bei dem mau Gähw- krämpse kriegen kann. Deutsche Literatur lehrt Fräulein von Hüniugeu, aber anders wie Belte::, es ist zum Wälzen. Weißt Du noch, wie schön Velten vorzutragen verstand, da


