Ausgabe 
29.4.1916
 
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Die arme Prinzessin.

Btoman uoit Fedor von Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.'»

(Fortsetzung.)

Sie standen lurter der Esche; schräg fiel das Rotlicht der scheidenden Sonne durch das knorrige Astgehänge, rmd obeit zwitscherten die Vögel. Der frohe Lärm der Gäste schallte gedänp't uub wie abgerissen y rüber, ein leiser Wind be- v-egte die Ztveige. Sie'standen oicht am Stamm mtd hatten die Hände ineitianver verschränkt.

Gott, Grete, es wird mir so schwer," sagte Annemarie, mühsam igegen die Tränen kämpfend,es wird mir so schwer, mir ist immer, als wäre es ein Abschi ed für ewig. Mir ist so, ich weist nicht, wie mir ist. Es ist ein großer und feier­licher Dag: erst die Einsegnung und dann die Hochzeit, und morgen geht es hinaus in das feindliche Leben. Es ist ein unvergeßlicher Dag. Ich wollte, dn könntest mit in das eklige Stift."

Das geht doch nicht, »veil ich nicht adlig bin. Ach, das ist ein elendes Leben! Meine süße Mie, nicht wahr, »vir vergessen uns nicht, 'uns sind die Standesunterschiede Wurscht, nicht wahr?"

Ganz Wurscht, Grete, wir bleiben immer Freundinnen. Wenn ich nur einen Ring hätte, den ich dir als Andenken geben könnte, aber ickj habe keinen. Wenn ich nur wüßte, »ras ivir als Erinnerungszeichen miteinander anstnuschen könnten"

Halt," rief Grete und kramte in ihrer Tasche;ich weiß was. Vater hat mir zwei blanke Pfennige geschenkt, eben geprägt; von diesem Jahr, fnnk'elnagelneu, sie glitzern wie Gold. Den einen behalte ich, den andern schenke ich dir; mir lassen ein Lock durchschlagen und tragen ihn um den Hals."

Ja," sagte Annemarie und nahm das kleine Geldstück, das soll uns ein Glückspsennig sein. Wenn mir ihn sehen oder fühlen seinen Druck, vann denken »vir aneinander. Mein Gott, ich habe gar keine Tasche in meinein Kleide, ich stecke ihn in den Strumpf; er kratzt, aber es schad't nichts. Wer schlägt mir denn nun ein Loch hinein? Vielleicht lasse ich lieber ein Henkelchen dran machen; ich werde in Berlin zu einem Goldarbeiter gehen, ich bekomme ja nun Taschengeld. Grete, zu Michaeli sehen wir uns wieder, und Weihnachten feiern ivir im alten Hause, ich habe es Madame versprochen. Ach, mie wird alles werden!"

Wirst bit mir schreiben?"

Aber ja. Alte acht. Tage, ausführlich, dn mtefj. Lebe wohl, Grete, es ist der letzte Kuß für lange"

Wir wollen nicht weinen, Arme »nie"

Nein, mir wollen nicht weinen, man guckt uns sowieso immer so frech ins Gesicht. Aber ich konnte schon heulen,

heulen könnt' ich Grete, adjö, sonst geht's doch »roch tos. Adjö, liebe, liebe Grete!"

Adjö, Mie, adjö, liebe, liebe Mie! . . ." Sie umschlan­gen und küßten sich Anneinarie schluckte an ihren Tränen, Grete war tapferer. Im Busch schlug der Hänfling, dunkler wurde das Rot der Sonne, und die erfieit Schatten fielen. Noch einmal umarmten sich die Mädelchen.Wir wollen uns ewige Frenndsckaft schwören," flüsterte Annemarie.Bei allem, was uns heilig ist," wisperte Grete zurück;ewige Freundschaft! . ."Ewige Frenndsckwft? . . ." Dann husch­

ten sie davon. Einmal noch blieb die kleine Prinzessin stehen; der Glückspfennig im Strumpfe kratzte arg. Aber das machte sie glücklich.

Mit der Dämmerung begann die Illumination des Parks. Feuerwerk krachte in die Lust, bengalische Lichter erglänzten: Fürbringer marschierte mit seiner Schule an, alre Kinddr trugen Papierlaternen, man sang eine feier­liche Weise. Dann kam der Kriegerverein und brachte einen Fackelzug: die Heiler aus den Gruben bei der Himmelsleiter folgten mit Magnesiumlichtern und schritten 'zu seiten des Zuges der Knechte und Arbeiter aus allen Bezirken der Herrschaft: sie trugen Sensen und Feldgerät und führten Ochsengespanne, die Wagen und die .Hörner der Zugtiere menen mit Tannen grün umwunden, die Lenke trugen ihr Festgewand; von Zeit zu Zeit riefen die Vogte und Meier im Vorüöersch reiten zur Terrasse herauf:Wir grügeu die gnädige Herrschaft . . ."

Es sah hübsch ans Don hier oben; das fürstliche Paar saß auf Samtsesseln unter einem Baldachin, rechts von Volke» stand Graf Ariern, links Betifuß.' wie ein Gefolge umgab die Hochzeitsgesellschaft die Neuvermählten. Unten flimmerten die Linien der Lichter; in den Baumwipfetn hingen gelbe Ballons wie große Goldorangen, die Bosketts und die Blumenrabatten umgaben Girlanden kleiner Flämmchen, in der Ferne verglühten die Leuchtfeuer; auf der Höhe des Gotzeubergs gleißte beständig ein weißes ben­galisches Licht, tiesschwarz stand der Tannenkranz gegen die Helle.

Ein Teufelskerl, der Ariern," sagte ein königlicher Kammerherr halblaut zu seinem Nachbar;hat er das nicht geschickt arrangiert?"

Der Nachbar war Fürst Nikolaus Bnra-eddin; er gähnt« und meinte:Potemkinsche Dörfer . .

Der Festzng war lang; Bolko begann unruhig zu wer­den.Ariern, »vir müssen fort," sagte er, den Kopf zu dem neben ihm Stehenden hebend.

Nock elf Minuten, Durchlaucht: die Förster beschließen den Zug. Das Gepäck ist besorgt, ich habe das Anspannen beordert, die Salonwagen warten auf der Station. . .

Eine Viertelstunde später donnerte eine Reibe von Equi­pagen durch das Dorf. Mit dem jungen Paare, das nach der Riviera abstchr, verließ auch eine Anrabl von Gästen das