Ausgabe 
26.4.1916
 
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doch man hätte ihnen respektvollsten -.orderstand entgegen- setz'en müssen. Es war unglaublich, daß sich qllerhaich Per­sonal an eineni der Tische zusammenfand, i^ersonal, werg Gott: der Nentnreister, die Inspektoren, die Volontäre, die Oberförster. . . Gehörte sich das? Das war demokratisch, das war ein plebejischer Zug,«das war eineo Beyfuß würvig. Lennox fletschte die Zähne, wenn er VthsUtz sah; ^en Icann haßte er. Er haßte auch Artern; er trug viel Saß un Busen.

Es war draußen noch ganz hell. lieber den Rasenflächen, den Vlun.ienparterrcs, dein jungen Wipselgrün lag leuchten­der Sonnenschein. Man nahm den Kaffee cm, der Parr- terrafse. In das Bild kam Watteaustim'.nung. Man setzte sich auf die Sandsteinstufen der Freitreppe, ein paar kecke junge Herren streckten sich in das Gras, man griff schon wieder zum Reifenspiel, die lichten Röcke der Damen flatterten Bolko rief Jost heran, den er mit Velten im bunten Gewühl entdeckte; er zog ihn in die. Säulenhalle des Portikus.

/.Lieber Junge," sagte er,ich habe dir noch gar nicht so recht von Herzen gratulieren können, daß du glücklich durch das Examen gekommen bist. Und nicht bloß glücklich, auch glänzend. Leuchte der Gotterneggs, du eröffnest eine neue. Uera! Bis in die graue Vorzeit hinein hatten die Gottern­eggs einen Horror vor jedweder Prüfung. Run ist der Bann gebrochen. Zieht es fest, willst du nach Göttingen?"

Es steht fest, Bolko, und Velten kommt nur."

Bravo; dann bin ich beruhigt. Sonst würde ich mich doch ein wenig sorgen, weißt du" ,

Jost lachte.Bolko, seit wann denkst du meiner so väterlich? Seit du 'Ehemann geworden bist? Du kannst wirklich beruhigt sein, du kannst es. Sieh, wie gesund ich bin. Es war kein Winter des Mißvergnügens, sondern der Abhärtung. Manchmal warf es mich hin, aber ich stand wieder aus; ich glaube, es ginge nicht weiter, Velten half mir auf die Beine; ich bin nacktfüßig im Schnee nlarschiert, ich stand ohne Mantel im Sturm, ich badete bei grimmiger Kälte. Gesegnet sei das Wasser, es lebe der Pfarrer Kneipp! Spüre meine Muskeln: wollen wir boxen?"

Es muß nicht gleich sein. Du hast dich sichtlich erholt, Jost, das ist zweifellos. Es hätte anders kommen können, aber ich beuge mich der Tatsache. Du siehst vortrefflich aus. Ich habe auch nichts gegen Göttingen; du wirst vernünftig sein und dein Telemach ist bei dir. Ich wollte dir etwas andres sagen. Es ist selbstverständlich, daß ich nunmehr, wo mir reichliche Mittel zu Gebote, stehen"

Eine rasche Handbewegung Josts unterbrach den Fürsten. Pardon, Bolko ick weiß, was du sagen willst. Es ist nicht nötig. Onkel Herrfurth hat aus einer alten Erbschasts- regulierung, ich glaube noch von der Mutter her, eine Art Leibrente für mich herausgeschlagen. Sie genügt mir voll­ständig, ich brauche nicht mehr"

Bolko fuhr ein wenig nervös auf, und seine Fingeü zupften an den blonden Schnurrbartspitzen.Was heißt das eine Art Leibrente? . . . Davon müßte ich doch auch wissen. . . . Aber aber selbstverständlich, ich zwinge dir nichts auf; wenn du meiner bedarfst, schreibe mir eine Zeile genügt"

Sehr gütig, Bolko. . . Jost nickte ihm freundlich zu und zog sich rasch zurück; ihm lag daran, dies Gespräch ab­zubrechen. Er suchte Otto, den er schließlich hinter einem! Pfeiler entdeckte, im Begriff, sich eine Zigarre anzuftecken.

Mich roochert," sagte Otto;aber die fürstlichen Ha­vannas sind mir zu schwer; da tobake ich mir in aller Heim­lichkeit ein eigenes Kraut an. O Jost, welche Herrlichkeitt Mir schwirrt mein armer Kops. Ich habe beim Diner Dinge gegessen, die mir noch nie vor Augen und Mund kamen; ich cheiste das Dessert von silbernen Tellern; die Diener flüster­ten mir Weinmarken in das Ohr, daß ich mich innerlich vor Hochachtung verbeugte. Ich komme mir unendlich adlig vor."

Spotte nicht," antwortete Jost finster.Mich ekelt das alles an. Ich weiß nicht, warum. Es kommt mir wie Blend­werk vor. Vielleicht, weil der Glanz nur Reflex ist, vielleicht auch, weil ich ihn nicht liebe und er mich unbehaglich stimrnt. Aeh diese, diese Frau, die ich Schwägerin nennen soll"

Jost, übertreibe nicht: sie ist eine prachtvolle Erschei­nung V'

Sie ist die geborene Bühnenprinzessin, die Operetten­diva, wie sie im Buche steht. Dch kann sie nicht leiden, sela. Äir haben drei Worte miteinander gesprochen, wir ver­standen uns. Wir werden nicht warm werden. Lassen wir das! Ojto, mein Junge, übermorgen geht es nach Göttingen! Velten hat schon durch einen Freund ein Quartier besorgen

lassen; zwei Schlafzimmer und ein gemeinsames Wohn- gemach. Otto, ich juble vor Freude. Keine Fürstenkrone, aber ein Stück goldener Freiheit. Sakri, da fällt mir ein: m habe deinem Vater bat alte Hausbuch noch nicht wicder-

gegeben" . ...

/,Du sollst es behalten, solange du willst: es lex in guten Händen bei dir, läßt er dir sagen"

Schön. Ich nehme es mit. Ich wittre Interessantes dahinter, ein Unikum, irgend ein verschollenes^Druckwerk. Hain führt es nicht an, ich finde es in keiner der Bivlio^ graphien. Aber die Untersuchung will Zeit haben. Wann reist du wieder zurück?" ^

Morgen früh. Wir haben eine neue Sammlung topo­graphischer Präparate bekommen, deren Einreihung eilt. Dann andere, pathologische, ganz wunderbare, Jost, die noch behandelt und gefirnißt werden müssen; das ist in e i ne Arbeit, und sie interessiert mich so, daß ich kaum die Zeit erwarten kann, wo ich wieder den Kittel überziehe. Aber man ruft dich. Heut bist du noch fürstliche Gnaden, über­morgen der Student. Leb' wohl, Jost, sollten wir uns nicht Wiedersehen. Und, lieber Kerl, die Heimat bleibt dir: ist's nicht das Schloß, so ist's die Burgmühle. Da finden wir uns immer wieder..."

Sie drückten sich die Hände. Mister Lennox kam, schaute Otto über die Achsel an und meldete Jost Unterwürfig: Seine Durchlaucht der Herr Herzog wünschten Seine Durch­laucht zu sprechen. "

Ein paar hundert Schritt weiter sagten sich noch zwei Lebewohl. Annemarie war von einem ganzen Rudel jungen Offiziere, Diplomaten und Gutsbesitzer umschwärmt. Der Strom der Gesellschaft ilmflutete sie. Man brachte ihr einen Stuhl, ein Fußkissen, Kaffee, Liköre, Zigaretten.Befehlen Prinzessin einen Curassao?"Wie viel Zuckerles, Durch­laucht? Eins, zwei, drei, vier?"Durchlaucht, diese Fuß­bank ist bequemer; eine Kyriazi, Durchlaucht, oder eine Laserme?"Durchlaucht, meine Schwester war auch im Elisabethstist; sie sagt, da wäre es ganz famos, aber Schuhe .e und glatten Scheitel, und wer Sonntags aus

ohne

gehen will, kriegt seinen Urlaubszettel..." ES schwirrte um' sie her. Sie sah lustige Augen, aufgewirbelte Schnurr­bärte, Epaulettenmonde und farbige Magen; sie hörte das Durcheinander zahlreicher Stimmen und hörte eigentlich gar nichts. Sie war wie ein verschüchtertes Lämmchen in ihrem weißen Kleide und mit dem aschblonden Strudel über der Stirn. Was fragte man sie denn alles? Was sagte man denn alles? Die ganze Terrasse mit ihren Farbenflecken und ihrem schillernden Hin und Her schien sich plötzlich drehen und kreiseln zu wollen.

Da siel ihr Auge auf Grete. Die drängte sich nngeniert zwischen den Gruppen hindurch, hatte die Hand erhoben und winkte ihr. Ohne weiteres sprang Annemarie auf uird gab der bequemen Fußbank einen kräftigen Stoß.

Untertänigst das war mein Schienbein," sagte ein schlanker Rittmeister.

O Pardon..

Keine Ursache, Durchlaucht, es war dennoch ein schönes Empfinden..."

Wo wollen Durchlaucht hin?..."

Darf ich Durchlaucht begleiten?..." Aber sie war schon auf und davon.

Eine Feldrose," sagte der Rittmeister.

Sie wird sehr hübsch werden," meinte ein ariderer.

Roch zu viel bsautö äs äiabls und zu viel Waise von Lowood," urteilte ein Kanlmerherr und wiegte seine Glatze.

Ein süßer Fisch, diese neue Cousine," bemerkte Fürst Kola;gibt es denn hier keinen Kognak?...." und er winkte einem der Diener.

Grete und Annemarie flatterten die Treppe hinab. Man wich den jungen Damen respektvoll aus, ein paar Fragen tönten ihnen nach. Sie hörten nicht.Komm," wisperte Grete,in die Bosketts und dann rechtsab unter die große Esche..Ihre Füße stampften den Kies, die kleinen weißen Stiefelchen knirschten über den Sand.

Ach, Grete," stöhnte Annemarie,ich bin tot! Wenn das die Gesellschaft ist, wenn das ebenso 'geht bei dev Prinzeß Irene das halt' ich nicht aus. Die Leute reden a nicht, sie schwabbeln. Sie fangen Sätze an und beenden ie nicht, lind alle lächeln; wenn sie etwas ganz Ernsthaftes agen, sie lächeln."

Das ist der gute Ton," entgegnete Grete belehreich. Ich habe mich sofort hineingefunden. Ich habe mich ans-