Problem für all jene, die das Leben wesentlich durch den Verstand zu betrachten iurd nach erreichten, logischen Klar Hellen zu schätzen gewohnt sind. Von Voltaire bis zu Tolstoi, „in Franlreich, oft, aber auch zuweilen in Deutschland, haben sich immer wieder Menschen erhoben, die dem Shatespearerult verstandnmtos gegenüberslanden, ihn für eine närrische Schwärmerei, wenn nicht gar für den Ausdruck roher Unbildung hielten. — Und dann haben immer wieder die größten Genien jeder Generation, ganz besonders in Deutschland und vor allen anderen Goethe, bekannt, dag lw keinem anderen Dichter und Weisen auf der Welt so Mel verdanken wie Shakespeare — Und dabei ist, was nne entrüstet und diese begeistert, doch ganz in Einem gegründet: ^arm, daß Shakespeares Weltanschauung und Weltaestaltung sich aus keinerlei logischem Grunde erhebt, in gar keine Formel, i.un systein des r cnkcns rü bringen ist. Wer Ordnung und Form nur als dav klar Gewachte, bas lief e': Ansprechbare zu begreifen vermag, der wird in shaie- spcare immer ivieder-ein wüstes Chaos, eine sinnlose Unordnung <rblicken. Wer aber die Ordnung und den Smn der Wett zu fcnbeit vermag, in deni unanssprechiichen Rhythmus, nach denl die Kräste des Lebens sich bilden, abrnnden, angreisen, durchdringeii, auflösen und ncubilden, wer diese Religion cirteü tragischen (well kbc§ Leid und jeden Tod der Einzelwesen emschlie^endch .Weltbejahung sein Eigen nennt und lein Bedürfnis hat nach einer Formel, die ihm diesen unendlichen Prozess vereinfacht und — Kfir scheinbar! — erklärt, für deii lvird Shakespeare^, Werk sich inimer wieder als die tlarste Darstellung, die unerschopslichste Kraftquelle des eigenen Weltgefühls anbieten ^
Ja, Shakespeare hat keine Philosophre, kein System und im Sinn«' irgend eines Dogmas auch keine Religion. Scrne Religion ist die des Dramatikers: Der Mensch ist ein Wunder, und wer ,,ch
er fahren tonnen. '.stürm oic,e grenzeaiv,^ ^
Menschen ist Shakespeare der grösste, oder besser der erste urid eigentlichste Tramatilcr der Welt geworden. Denn, ver Sinn der dramaiischen Form ist ja, dass ein Dichter alles andere aus der Welt neben dein Schauspiel des sich ansprechenden und auv- wirkenden Menschen so sekundär scheint, dass er auf sede Möglichkeit, mit dem unmittelbaren Gesang oder der alles umgreifenden Schilderung [ein Weltgesühl auszudrücken, verzichtet und völlig hinter dem Spiel miteinander redender Menschengestalteii znrucl-
Er ist der Schöpfer und das Geschöpf, das Opfer und der Opserer. Tie Leidenschaft einer großen Seele, die sich im Raum an der notwendigen Gegenwirkung, die sie in anderen Lebewesen tveckt, rerreibt, die die Welt erschüttert und sich in dieser Erschüttermiig. löst — das ist der Inhalt jeder Shalespeareschen Tragödie Jede Gestalt, jede Rede, jede Handlung, jede Szene ist nur ein Strahl aus dem Mittelpunkt solch eines schicksalsausstrahlenden Charakters Das Kreisrunde, das unentrinnbar Sichere all dieser Geschehnisse uub Taten, das eben ist Shakespeares Glaube, seine Religion, seine Philosophie, sein Tiessinn. Aber ebenso lebt diese Religion des Dramatikers in seinem Lustspiel, in dem llidenschafts- lose, üppig launische Mtagskinder vom Zauber der ElfenbluMe, „Lieb' in Müßiggang" hin- und hergejagt werden. Hier ist kein schicksalbindender Charakter Mittelpunkt, aber ans dem groben und feinen, leisen und lauten, ängstlichen -und lustigen Spielen charakterlos leichter Menschlichkeit schlingt sich in sehr abgewogenen Kontrasten ein harnionisches Ganze. Auch hier ist alle Macht in- Wahrheit nur im Menschen.
Indessen ist Shakespeares Mensch ein durchaus sinnliches Wesen, d. h., die ganze Natur nährt seinen Geist und seinen Willen uub er spiegelt sich, mit all seinen Leiden und Leidenschaften in der Natur. Darum hat Shakespeares Dramatik nicht, wie die reine Menschendarstellung mancher neuer mehr geistig gearteter Bühnendichter etwas Gespenstisches, Abstraktes. Das.Grösste des Shake- speareschen Werkes ist es vielleicht gerade, wie dieser größten Dramatiker, der doch ganz vom gesprochenen Menschenwort lebt, doch zugleich die ganze Natur mitgestaltet. Denn die Natur lebt in seinen Dramen so, wie sie auch für uns wahrhaft lebt, als Spiegel und Widerhall unseres Innern. Niemals ist das Toben des Unwetters größer gestaltet worden, als da, wo es der Verzweiflung des rasenden Lear Echo gibt. Nie wurde das Grauen, in gespenstisch nebelnder Heide bezwingender gemalt, als da, gleich Blasen der Luft, die Hexen, der Widerhall seines dunkel gärenden Ich, vor Macbeth auftanchten. Nie klang die Musik der silbernen, Und blauen Sternennacht berauschender als, dort, wo sie das Licbesgetändel von Lorenzo und Jessika umspielt, und nirgends lebt die Musik deö nächtlichen Waldes tiefer als in den tanzenden Versen des Sommernachtstraums oder den lächelnden Spielen vom Melancholischen Jaques und der schönen Rosalinde.
Ein Dichter, der so ganz Dramatiker ist, so ganz ausgelöst in der Anschauung der handelnden und leidenden Menschen, der so nirgends sein Fühlen und sein Denken über die Tinge, sondern nur die Großartigkeit der ungedenteten Dinge selber fühlen lassen will, kann leicht unpersönlich scheinen, cö kann kommen, daß man ihn über seinem Werk vergißt. Uno ist. Tat genießt man,
Shakespeare zumeist mit einer ganz unpersönlichen Dankbarkeit, wie man die Geschöpfe Gottes genießt. In unserem Genuß, des Faust ist viel mehr Wissen um Goethe, in unserem Erleben der „Hermannsschlacht" viel mehr-Denken an Kleist als die Erfahrung aller Shalespeareschen Dramen Besinnung ans den Dichter Shakespeare zu wecken pflegt. Und dennoch ist auch hier an einem letzten Ende die zeitlose Schöpfung der Kunst mit den: einmalig Menschlichen ihres Schöpfers unlöslich verbunden, und der Blick von jener Schwelle, wo Einmaliges und,Ewiges ineinander dämmern, ist auch hier ganz besonders erschütternd. Tie Person Shakespeares ist uns weder unsichtbar noch gleichgültig. Sie stellt ein großes Gesamtschauspiel dar, das sich aus all seinen Dramen zusammensetzt. — Ich sehe dabei ab von deni töricht sogenannten „Shakespeareproblem", die Frage: ob der sehr ausreichend bezeugte William Shakespeare, Landedelmann in Stradsord und Theaterdirek- to? in London (1564—1616) wirklich die nach'ihm genannten Werke verfasst hat, ist für die Menschheit ziemlich unwichtig. Ein Beweis des Gegenteils ist kaum erbracht. Was am Leben dieser Person über ihren Tod hinaus wichtig ist, das'steht in der Aufeinanderfolge ihrer Werke deutlich genug bezeugt da. Es ist die ergreifende und kaum vergleickliche Lebenslinie eines Menschen, der aus einem rohen, wilden prahlendem Taumel aller Kräfte über die schmerzliche Abschiedsklarheit des großen Jugcndgedichts von „Romeo und Julia" emporsteigt zur Helle strahlender, ungetrübter Lebens- meisterschaft. — Aber mit dem Glauben an das Glück und den Erfolg ist doch nicht das Gefühl von der Herrlichkeit des schaffenden Geistes, des großen Menschen von Shakespeare gewichen. Wenn dieses Welt ein so wesenloser Schein ist, wie sie in letzter Lebens- ftnnde dem Macbeth oder dem Antonius erscheint, fo # ist sie doch auch ein Schein, den wir rufen und bilden können, wie Prospero, der Zauberer. Am Schlüsse des Shakespeareschen Lebenswerkes reifen freie Märchenspieke von melancholischer Heiterkeit und ganz zuletzt tritt der Dichter zum erstenmal aus seinem Werk heraus: Prospero steht nicht mehr, wie alle anderen Gestalten Shakespeares, unter dem „Sturm" des Schicksals, ec ruft ihn und leitet ihn — er ist der Dichter selbst, der noch einmal zeigt, wie man durch kluges Spiel der Kinder, Menschen und Tiere, jeden in anderer Art, 5 um Guten leitet — und der dann seinen Geist entläßt, seinen Zauberstab zerbricht.
In keinem Shakespeareschen Drama ist eine Gestalt erhabener und erschütternder als die, in der der Dichter am Ende selber aus der Gesamtheit seiner Dramen als Träger eines gewaltigen Lebenskampfes hervorgeht. Wie schließlich im Prospero, die Regeln her dramatischen Verborgenheit sprengt, da löst sich sein Werk gleichsam in seinem letzten Smn ans: es gibt keine Regel, keine Form, keinen Gedanken, der dieser wogendeu Unermeßlichkeit der Lebenskräfte genug tun könnte. Ewig und heilig ist nichts als die Uner- meßlichkeit der in die Menschheit gesenkten Kraft. Weil sie niemand über allen Gram und Groll hinaus mit solcher Inbrunst geliebt und geehrt hat, darum haben die rechten Menschen aller Orten für keinen andern soviel Dankbarkeit, soviel stolze Hingabe, als für den Dichter Shakespeare. Und darum preisen inmitten dieses Krieges der Völker die Träger der Menschheit einmütig aller Olsten den Meister, der das ewige jenseits von Volk imd Zeit geführte Kampfspiel der Menschheit schuf. Sie danken ihm, dem! vor 300 Jahren Gestorbenen, dem inimer Lebendigen.
Don Miguel de Lervantcs Saavedra.
(Zum 300. Todestage des Dichters am, 23. April.)
Ein Abenteurer und einer der ganz Großen der Weltliteratur — das scheint schlecht zusammenzustimmen und trifft doch bei Cervantes zu. Welch seltsam bewegtes Leben hatte dieser Mann hinter sich, als er, 57 Jahre alt 1604 den ersten Teil seines „Don Quijote" erscheinen ließ! Der Sohn eines unbegüterten Wundarztes aus Alcala, verfaßte er schon als Schüler mancherlei Gelegenheitsgedichte, durch die 'er die Aufmerksamkeit eines Lehrers erregte, der ihn bem Kardinal Aqnaviva empfahl. Dieser nun nahm ihn, wohl als Kammerdiener oder Sekretär, mit nach Italien. Aber länger als ein Jahr hielt es Cervantes in dieser Stelluiig nicht ans: dann trat er als einfacher Soldat in das Heer ein, das gegen die Türken gesammelt wurde. Krank lag er, als es zur großen Schlacht bei Lepanto kam: da schüttelte er das Fieber ab, kämpfte tapfer, wurde von zivei Kugeln in die Brust getroffen und büßte seine linke Hand ein. Die Verwundungen hinderten ihn nicht, noch fünf Jahre an kriegerischen Unternehmungen teilzunehm'en. Als er dann den Abschied nalstr, wurden ihm von Don Juan d'Austria und deni Herzog von Sessa prunkvolle Empfehlungsschreiben eingehändigt, die ihm, statt zum Heile, zum Unglück dienten. Denn bei der Rückfahrt nach Spanien geriet er in die Hände algerischer Seeräuber, die durch jene Dokumente in den Glauben versetzt wurden, einen Höcht vornehmen Gefangenen erwischt zu haben, mit dem man ein besonders hohes Lösegeld erpressen könne. Fast fünf Jahre war Cervantes ge fangen, bevor ih > seine Angehörigen mit einer großen Summe loskaufen konnten. Mehrere Fluchtversuche mißlangen; auch sein^ver- weg euer Plan, mit den anderen Kriegsgefangenen sich der Stadt Algier zu bemächtigen, schlug infolge Verrats fehl. Nach der Heim kehr schrieb Cervantes einen Roman „Galatea", der nie fertig wurde. Ende 1584 heiratete er: doch hielt es der unruhige Manu in dem Dorf seiner Frau nicht taniK ans. ließ sich als KriegSbeschä-


