Ausgabe 
22.4.1916
 
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Reihe des Gestühls, rechts von ihm das MrstliKe Braut^ paar, daneben der Burgmüller und Frau -i!loe. ^av hatte der Hofchef so angeordnet, und Bolko hatte ohne werteres zugestimmt; ja, noch mehr, er wünschte, die Insassen der Burgulühle sollten auch zur Hochzeitsfeier und zum Dmer geladen werden. Es war das wieder cm hubscher Zug oe» Fürsten: es war nicht nur Gretes wegen, die neben Anne­marie vor dem Altar kniete, es sollte dadurch gewrswrmaven auch das jahrhundertelange gute Verhältnis zwischen Zurg- mühle und Schloß, zwischen den Sprossen des Fürsten- geschlechtes und den des nachbarlichen Bauernhauses doku­mentiert werden. Und des Bnrgniüllers, alle Wetter, man brauchte sich heute des Mannes nicht zu schämen. Er trug einen neuen Frack unb eine weiße Weste; sie riitmjtc zu­weilen etwas in die Höhe und lvar Herrn Gottlieb nnbe- guem, aber gab ihm doch, etwas Feierliches; er sah wie ein alter Gentleman aus mit dem breiten, glattrasierten Ge­sicht, in dem die Lichter spielten, die durch das^buute Fenster sielen, er sah viel vornehmer aus als 'Jahn Francis Simp­son Esqu., er sah warhastig aus wie ein Lord aus dem Pee- rage von England und hielt sich auch so.

In der zweiten Gestühlreihe saßen Prinz Jost, der Erb­prinz Emil von Emstirch-Herrsurth mit seiner blassen Frau und einem zwölfjährigen Jungen, ferner der Bruder des Erbprinzen, Graf Harro Herrsurth, Sekretär bei der deut­schen Botschaft in London, und der kaukasische Fürst mit seiner Gattin und seinem Zwillingspärchen. Noch eme Reihe tiefer hatte ein junger Mann Platz genommen, der cm Apoll an Schönheit war: ein schlanker, sehniger, sem- gliedriger Mensch Mitte Zwanzig, mit einem ovalen Gesicht von reinrassigem Adel, leicht dunkel im Ton, mit pracht­vollen Angen, einer klassischen Nase und einen! schwarzen Bärtchen über den blühenden Lippen. Es lvar ein Bruder des Fürsten Jazik, der Fürst Nikolaus Gawrilowitsch Bura- eddin, der erst vor kurzem zur russischen Botschaft nach Berlin kommandiert worden und vom Herzog noch in letzter Stunde zu Fest und Feier befohlen worden war. Tenn wenigstens die Familie sollte dabei sein".

Ein paar Stuhlreihen hinter dem Fürsten blieben frei, dann kamen die Inwohner des alten Hauses: Velten, die Madame, das englische Fräulein Miß. Ringens und Josts Repetitor Herr Tiesand. Dort saßen auch Bestfuß und Gattin und dort hatte auch Otto Ncschle Platz genommen, da ihm kein anderer angewiesen worden lvar; er war erst mit dem Nachtzuge von Berlin gekommen, direkt vom Scziertisch, nur der Einsegnung seiner Schwester beiwohnen zu können.

Weiter hinten drängte sich das Dienstpersonal: die An­schütz, der grüne Max, mehrere aus dein Schloß; man sah da auch den Rentmeister Kappstein und den Oberinspektor Riefenstaht, den Förster Jannasch mit seinem Jungen, dem langen August und seiner Tochter Karoline; einige bäuer­liche Verwandte der Frau Tilde und an der Tür verschie­dene Eindringlinge wie den lahmen Christian und den kleinen Jsaaksohn, der eine rote Velvetweste trug und mostrich- sarbene Beinkleider, dazu im rotblaugetüpfelten Schlips ein Katzenauge; er hatte sich sein gemacht.

Vor dem Altäre knieten Annemarie und Grete, Hand in Hand, beide ganz weiß, beide mit tropfenden Augen; die Blonde ausgelöst in gläubigem Enthusiasmus uiid süßer .Herzenseinfalt, der Schwarzkopf mit ringelnden Gedanken, die von der Weihe des Augenblicks zur Faltenlage des neuen Kleides und dem Sitz der Korsage ab irrten. Und vor ihnen stand in tiefer Rührung der alte Fresenius mit über der Brust gefalteten zitternden Händen und sprach von dem Glück seiner Greisentage, daß er heute zwei aus dem Ge- schlechte der Gotterneggs an heiliger Statt segnen dürfe..

Eine Stunde später wandelte sich das Bild. Da lvar die Schloßkirche bis auf Ben letzten Platz mit einer glänzen­den Gesellschaft gefüllt, und die mit eisernen Bändern und Ornamenten beschlagene Pforte stand weit offen, und auch draußen noch drängten sich die Zuschauer. Es war ein wunderschöner Anblick. Nun ja, der Hochadel fehlte bis auf die- Hcrrsurths; die Magnaten jenseits der nahen Grenze, die Schoddstn, die Plettens, die Wesenstein, die Hochburgs, auch viele vo»! Hose hatten sich mit Telegrammen begnügt. Aber das machte nichts, es tat dein Glanze des Bildes keinen Abbruch, daß es deyr Mosaik an echten Steinen mangelte. Die Farben feuchteten dennoch. Das ganze Ofsizierkorps der vierten Gardenlanen war anwesend, manche Freunde von der Garde du corps, den Kürassieren, den Königsdragonern, den Leibgardehusaren. Es flimmerten die Uniformen, die kav-

moisinroten Rabatten der Ulanen mit der Goldauslage der Fangsckmüre, das helle Dragonerblan mit der Silberstickerei des Kragens, das Weiß und Lichtblau der Kürassieöe, die, ziegel- und burgunderrotcn, spinatgrünen und tabakbraunen verschnürten Attilas der Husaren. Ein paar Kammerherrn trugen ihre goldgestickten Fracks und weiße Kaschmirhosen mit breiten Goldgalons, ein Malteserritter erschien in großer Ordensuniform, ein Deutschritter in dein weißen Koller mit schwarzem Balkenkreuz der Ballest Utrecht. Die Orden der .Halsdekorationen, die Miniatnrkreuzchen auf den Frackans- schlügen, die breiten Bänder, .Hüftenschleisen und Crachats flimmerten und glitzerten; es gleißten auch die Brillantsterne und Nivieren, Gehänge und Halsketten des schönen Ge­schlechts, und in die lichten Farbentöne von Weiß, Hellblau und Rosa mischte sich der Damast- und Brokatglanz, das Ru­bin-, Flieder- und Erdbeerfarbene und satte Gelb in den Toiletten der älteren Damen.

Gras Ariern hatte sein erstes größeres Werk als Ho>- chef vollendet; es klappte alles. Der Zug war vortrefflich arrangiert, die Tafelordnung tadellos, die Gäste waren je nach Stand, Rang und Würde einquartiert worden. Der Gras stand, eingekeilt zwischen einem kleinen Husaren und einem dicken Gutsbesitzer, an der Querwand der Kirche und sah abgespannt ans. Teufet, das hatte Mühe gekostet! Die Hitze Afrikas, der Kolonialdienst, die Stechfliegen, das Fieber, die schwarzen Biester was war das alles gegen diese Schinderei! Und unten arbeitete man schließlich für König und Vaterfand, hier für einen kleinen Fürsten und seine hm! seine Gattin von drüben. ...

Aber das stand fest: sie war eine königliche Erscheinung mit ihrem herrlichen rotblonden Haar und dem stolzen Prosit, den blühenden Farben im Antlitz und den grünen Augen unter der dunklen Braue. Sie war wie eine Juno ge­wachsen, tannenschlank und voll Ueppigkeit; eine geschlossene Krone aus Brillanten hielt ans den: Haupte den mit Myrte durchwehten wallenden Schleier, und zwei niedliche kleine Mädchen mit Kränzen von weißen Rosen im Haar trugen die Schleppe.

Sie sieht wie eine schöne Schauspielerin aus," sagte sich Jost. Zwei sengende Augen ruhten aus ihr; der Blick öes jungen Fürsten Bura-eddin urnfaßte sie gleich einer auf­lodernden Flamme. Es züngelte zuweilen etwas wild Leiden­schaftliches aus den Augen des Kaukasiers, ein sprühendes Ausblitzen; aber es erlosch wieder schnell und machte dein Ausdrucke behender Liebenswürdigkeit Platz. Selten sah man zwei so ungleiche Brüder wie die Fürsten Jazik und Nikolaus (Kola wurde er genannt). Jazik, der ältere, war ein großer schwerfälliger Mann mit Silberfäden im dunkeln Vollbart und einem breiten, ein wenig gedunsenen, äußerst gntmüti- gen Gesicht; inan sagte, er lebe in unendlich glücklicher Ehe mit der einzigen Tochter Herrfurths, die er in Karlsbad kennen gelernt, als diese einst ihren Vater zur Kur begleitet hatte. Kola war der geschmeidige Halbba'rbar; eine Panther- katze an sehniger Kraft, gleichwie immer zum Sprunge, bereit, mit einem heimlichen Lauern in den schönen Augen, von vollendeter äußerer Form, hinter der Jähzorn und die Brutalität des Drauflosschlagens sich zu bergen schienen. Als Fürst Jazik seinen Bruder dein alten Herrfurth vor­gestellt, hatte er gesagt:Väterchen, dies ist inein Bruder Nikolaus Gawrilowitsch; er reitet dir wie ein Kosaken- hetman, er schießt wie ein Cowboy, er verführt die Mädel lvie Don Juan selig, macht Schulden wie Casanova und ist auch sonst einer der größten Lumpen unter der Sonne...", (Fortsetzung folgt.)

Der lebendige Shakespeare.

Znm 300. Todestage. 23. April.)

Bon Julius B ab.

(Nachdruck verboten.)

Weil sie aus den! schönen Bedürsuis zu danken staunut, ist von allen Torheiten der modemen Gesellschaft vielleicht die liebens-i würdigste jene Gewohnheit, an das Datum des Todestages die Lebensfeier der Unsterblichm zn knüpfen. Weil William Shake-, speare ain 23. Lipril 1916 300 Jahre tot ist, entsinnt sich die Menschheit mit besonderer Deutlichkeit, lvie sehr er ihr lebt, und so leidenschaftlich wird derber das Gefühl ihrer Dankbarkeit, daß, mitten im Weltkrieg die Shakcspearcfeier als eine vereinendA Welle durch alle Kulturländer der Erde flutet.

Tie Dankbarkeit gegen diesen Dichter, die von Zeit zn.Zeit in leidenschaftlichen Persönlichkeiten, auch ohne allen kalendarischen Anlaß wahrhaft fanatisch hervorbricht, ist ein merkwürdiges