Ausgabe 
22.4.1916
 
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Die arme Prinzessin.

Vornan von Fedor von Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.^

(Fortsetzung.)

Wie ein Sturmgesell kam Bolko einmal nach Gotlern- ogg. raste zwischen Ariern und V.chfuß im Laufschritt durch den Park, Schloß und Marftall, jagte nach der Himmels­leiter, fuhr ltaclr Dombach *unt Herzog und dampfte am nächsten Tage wieder nach Berlin zurück. Es war alles in Ordnung, nun konnten die Einladungen zur Hochzeit ver­schickt werden. Sie flatterten durch Laude und Städte, auf edlem Büttenpapier gedruckt und lauteten wie folgt:Bolko Fürst von Gotternegg, Wild- und Burggraf zum Götzen, Graf Uuu Isen, Freiherr von Hohenstein und Kempten, auch Herr zu Gtauen sowie der niederen Grafschaft Otting, gibt sich geziemend die Ehre, znm Tage seiner Vermählung rnit Liliau Freiin von Dornau, einzigen Tochter des Colonel John Francis Simpson Esqn. auf Streatham und Somers- cock, zu laden. Die Feier findet am 8. Mai mittags zwölf Uhr in der Schloßkapelle zu Gotternegg statt. U. 2t. w. g."

F je," sagte Fürst Herrsnrth, als er diese Anzeige er­hielt,nun ist der Dollarmann aus einmal zum Colonel avanciert. Ob er in Uniform kommt? 2lber es klingt alles volltönend und rasseecht. Wer den Rummel nicht kennt, kann sich einbilden, die Frei in sei eine junge Witwe. Ich bin neugierig, ob Emil znsagen wird und ob mein Kaukasier auch geladen ist...'"

Der Kaukasier war der Fürst Jazik Bura-eddin-Bep. der Schwiegersohn Herrfurths, der mit seiner Frau und einem reizenden Zwillingspärcheu von Töchtern in Emskirch bei dem Erbprinzen Emil zu Besuch weilte. Er war geladen, wollte aber absagen. Es verbreitete sich, das; vom Hockadel des Landes nur wenige gesonnen wären, der Einladung Folge zu leisten. Das ärgerte wiederum den Herzog, ob"- schon er selbst ein Gesicht schnitt, wenn er an die Hochzeit dachte und an freu Colonel aus Amerika und die neue^Freiin. Wenigstens sollte die Verwandtschaft vollzählig vertreten sein, und so bat er denn den Kaukasier, die Ladung anzn- nehmen.und telegraphierte auch noch nach London an seinen zweiten Sohn Harro, er möge sich ein paar Tage Urlaub geben lassen und an; 8. Mai pünktlich zur Stelle sein.

Das war ein wundervoller Tag. Der Lenz war früh ins Land gekommen, und dieser Mai glich schon dem ersten Sommermond, und.'vollends sommerlich sah es im Parke von Gotternegg ans, wo die Gärtner aus den Treibhäusern alle«, was Blüten trug, in die Erde verpflanzt hatten, auf die Ge­fahr hin, daß ein Nuchtfrvst da es große Blichen unbarmherzig töten könne. Aus den Büschen der Pfingstrosen leuchteten purpurne Ballen, vom Grün der Rasenflächen hoben sich die Violenbeete in schillernden Farben ab, schneeweiß, gelb, violett, schwarzblau mit Silbersäumnng, Petunien und An

1 ^-blu entfalteten ihre Knosven, scharlachrot unb tieforange ) stand bic Lychnis in der Rabatte, es dufteten die Balsa- nnnen, und am Wasser blühte das Vergißmeinnicht, Auch ow Orangerie war entvölkert tvorden; zu seiten der Freü« treppe reckten die Palmen ihre Kronen unter Lorbeer, Mu­seo, Riesenpauf und Gummidäumen; die Teppichbeete dehn­ten sich in farbiger Pracht, durch die perlweißen Cinerarien gr.ug em sachtes Zittern. Das war nicht mehr der verwildert-e Zauvergarten und war auch nicht mehr das verwunschene schloß. Von der Höhe herab wehten Banner und Fahuen, das Portal lvar geöffnet, man sah in die werte Halle hinein, dm der Sonnenschei-a bis in Ecken unb Winkel Füllte. Vor- Kbcv tvar der Dornröschenschlaf: ein Schwarm von Lakaien glitt diensteifrig hin und her, auf der Terrasse, auf den Rasenstachen, zwischen den Bosketts, auf Weg und Steg schwirrte der Strom der Gaste: zahlreiche Offiziere, Herren ui schon sommerlich lichten Kostümen, in Smoking und und dunklem Ueberrvck, Danren in hellfarbigen Toiletten inifr wie lustig klang das Plaudern und Lachen, tvie summte die Unterhaltung, wie Flogen die Phrasen herüber und hinüber, deutsch, französisch, englisch, auch einmal in guttu­ralem Tone eine russische Wendung.

Viele waren bereits zum Polterabend eingetrofsen, aber dle aus der Umgegend kamen erst am Vormittage zur Feier. Dce Wage;; rollten die Dorsttraße herab, meist schwere Equi- vageil, hin und wieder ein Viererzug, auch Leiterwagen mit Bauer.! imb Tagelöhnern aus den Vorwerken und den Dör­fern der Nebenherrschaft. Ehrenpforten und Girlanden bil­deten eine Via triumphalis, die sich von der Burgmühte im weiten Bogen bis zur Parkeinstchrt hinzog. Es flatterten die Fähnchen und Wimpel und bunten Bänder, es wehte auch eine Flagge in den Farben der Gotterneggs hoch oben auf dem Bnrgsried des Götzen.

Um elf Uhr sollte zunächst die Konfirmation der Prin­zessin Annemarie und zugleich die ihrer kleinen Gefährtin, der Grete Reichte, stattfinden. Auch in der Schloßkapelle, die vollständig renoviert worden war, mit bunten Scheiben, Wandmalereien und schwerem Gestühl. Es war die Parole ansgegeben worden: nur die Familie nimmt an dem heiligen Akte teil. Das war den meisten Gasten recht: man spielte draußen die Tennispartie zu Ende, besichtigte die Fohlen- koppel, konnte in Ruhe an die Tvikette gehen. Derweilen brauste durch die Schloßkirche der Orgelklang. Fürbringer spielte mit allem Gefühl, dessen er fähig war: er war ge­rührt und begeistert, feucht waren seine Augen, und die Brrlle beschlng: zuweilen, griff er daneben, aber niemand achtete auf den falschen Ton: sein Sängerchor umgab ihn, die Mädelchen trugen weiße Kleider -Madame Balfour hatte da;ür gesorgt), die Jungen gleichfarbige drurkle Jacken mit blauem Kragen (das war Veltens Werk). Sie fangen frisch , ein hohes Lied; sie sangen nicht wie der Domchor, aber es klang dennoch zu Herzen, und der alte .Herzog wischte sich eine Träne von der Nase. Er faß massig und breit, in roter: Jobanniteruniwrm mit allen seinen Orden, in der ersten