Ausgabe 
19.4.1916
 
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»enden Loshall geführt und hatten nur wenig mehr als hunderttausend Mark im Anno zur Verfügung, und freilich, nachher wurde es immer weniger, und die letzten Hundertz- tausend brachten den seligen Herrn in die Grube. Herr Graf, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: natürlich kostet alles Geld, aber gerade in so einem Hofhalt können grotze Summen verläppert werden, wenn man nicht zu rechnen ver­steht. Es bleibt vieles kleben, da und dort, man mutz sich um die Einzelheiten kümmern, selbst um die Nachtlichter und um die Seife in den Fremdenzimmern, aus kleinen Lummen werden große, und ein Defizit ist bald gemacht, ob man nun hunderttausend Mark zur Verfügung hat oder das Vierfache. Herr Graf, unter dem Herrn von Tiessenhosen, namentlich später, als er asthmatischer wurde, da habe ich so ziemlich das Ganze geleitet, besonders das Schriftliche, das Rechnungs­wesen und den Etat; ich stelle mich auch dem Herrn Grafen gern zur Verfügung, denn niir ist das Leben, und je mehr Arbeit ich habe, desto glücklicher bin ich . .

Topp," sagte der Graf,ich bin für möglichst wenig Arbeit, ich ziehe die Faulheit vor, Beyfuß, und gegen alles, was Rechnung heißt, habe ich einen ererbten Widerwillen. Es ist die sogenannte Belastung, der nach neuester Wisseu- schaft keiner entgeht. Also bin ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir das innere Departement erleichtern helfen; um so lebhafter werde ich mich um das Acußere kümmern, um den Pserdestall, um den gedeckten Tisch, um freundliche Reprä­sentation und um beit Weinkeller. Wie steht's Mit der Jagd hier? Zu stark geschont, was? In den Eichen­heistern, das sah ich beim Durchfahren, hat das Viehzeug höllisch gewirtschaftet, da ist viel ruiniert worden . .

Nun kam der Graf aus Jagdgeschichten. Unten in Afrika hatte er das Unglaublichste geschossen;er schneidet furcht­bar auf," sagte sich Beyfuß,aber in netter Weise, er lügt amüsant, er ist der geborene Hofchef." Taß Artern schneidig ans Werk ging, sah man in den nächsten Tagen. Er revidierte Schloß, Nebengebäude, Park, Ställe von oben bis unten; wie ein Feldwebel seinem Kompagniechef, so folgte ihm Bey- suß mit einem großen Notizbuch und gespitztem Bleistift. Er schaute überall hinein, schnauzte Herrn Lennox an, faßte eine der Zofen unter das Kinn, strich über die Segnen der neuen Reitpferde und sprach sich mit Mister Knautsch über die Paddocks aus. Er ließ sich den Weinkelter öffnen und das Silber vorlegen, musterte die Vorlageii für die neuen Liv­reen, verhandelte mit dem Architekten, ging mit Frau Bey­fuß durch die Wäschekammern und die Porzeltanstuben, ver­teilte die Mumie für die Dienerschaft und schnauzte Herrn Lennox abermals an, weil er noch ein besonderes Ankleide- kabinett beanspruck)te. Er kroch durch die Vorratskeller, besprach mit einem Techniker die Anlage einer elektrischen Beleuchtung, empfing den Rentmeister und die Inspektoren, probierte ein paar Pferde, begann einen Juckerzug einzu­fahren und schnauzte Herrn Lennox zum dritten Male an, weil dieser sich nicht bückte, als ihm cut Handschuh zur Erde gefallen war.

Auguste," sagte Beyfuß nach einigen Tagen zu seiner Frau,ich achte den jungen Grafen Artern. Es vereint sich in ihm Noblesse der Geburt mit vieler Natürlichkeit und einem guten Herzen. Er fragt, was die Arbeiter zu essen bekommeii, er hat dem lahmen Christian eine Mark geschenkt, er fährt diesem Lennox in die Parade, daß es nur so eine Art ist. IWir haben in dem jungen Grafen Artern, scheint mir, eine vortreffliche Akquisition gemacht. . . ."

Auch im alten Hause machte sich Artern rasch beliebt. Er freundete sich mit Velten an und sagte der Madame Artig­keiten. Aus Wunsch Josts wurde er dann und wann zu Mit­tag eingeladen; er brachte Annemarie Feldblumen mit und einmal einen jungen Star. Er war auch immer lustig, er­zählte gern Räubergeschichten aus Afrika, und sein hübsches Auge lachte, wenn er die Prinzessin graulich machen konnte. Als er aber einmal Gräßliches von einer Sklavenjagd ber den alle afrikanischen Namen sprach er sehr undeutlich au g _ berichtet hatte und Annemarie darob Tränen in die Augen schossen, erschrak er sehr.Um Gottes willen, Durch­laucht," rief er bittend,bedenken Sie immer: wenn ich von Afrika erzähle, ist höchstens die Hälfte wahr und selbst an dieser sind noch Zweifel ertaubt. Ich bitte untertänigst, mich in Bezug auf meine afrikanischen Forschungen wie einen anf- geschlagenen Roman betrachten zn wollen, bei dessen Lektiire man auch nicht die große Frage des Landpflegers Pilatus stellt; aber sonst bin ich in allem und jedem ein höchst wahr­heitsliebender Mensch..."

Im Dorfe kannte ihn bald alle Wett. Nur Grete konnte ihn nicht leiden. Bei ihrer ersten Begegnung mit ihm hatte sie ich tödlich erschreckt. Er setzte mit seinem Pserde über einen Ackerwagen, der auf der Straße stand; Grete kam daher und chrie laubt auf. Da rief der Graf:Dumme Göhre, Hab' * dich man nicht!" Das vergaß Grete nicht.Wie kann er mich du nennen?" sagte sie zu Annemarie;ivie kann er sich unterstehen, mich dumme Göhre zu benamsen? Was fällt diesem Menschen ein? Annemarie, ich warne dich. Er macht immer so zärtliche Augen, wo er uur etwas Weibliches sieht. Er hat Nasenlöcher wie ein junger Tiper und Wolfs- zahue. Er ist ein Bampyr. Weißt du, was ein Vampyr ist? Sie tauchen in allerlei Gestalt aus; ich habe ein Buch, es spielt im vorigen Jahrhundert, eine Vampyrgeschichte, Spindler heißt, der Verfasser, es ist grausig, es soll aber so etwas immer noch Vorkommen. Und denke, er war lange in Afrika. Vater sagt, da kriegt man den Tropenkoller. Manchmal merkt man's nicht, aber dann bricht er auf einmal wieder aus. Die Leute, die den Koller haben, beißen ohne weiteres zn. Ich sage dir bloß, sei vorsichtig. . . ."

, Du bist verrückt," antwortete Annemarie,er wird mich nicht beißen. Aber zärtliche Augen hat er. Er ist der erste Mann, der mir gefällt . .

Pfui," erwiderte Grete und ging fort. Sie war den ganzen Tag über sinnig und in sich gekehrt. Heimlich wurmte es sie, daß dieser Graf ihrer herzlieben Freundin geftel. Und obschon es kam, daß auch sie ihn im Laufe der Zeit! netter fand, je mehr sie ihn kennen lernte, so blieb sie ihm gegenüber doch immer kriegslustig, auf dem Standpunkt der Verteidigung, der aber auch gelegentliche Angriffe nicht ausschloß. Artern hatte natürlich, als er in das Verhält­nis der Burgmühle zum Schloß Einsicht bekommen, bet dummen Göhre wegen respektvoll um Verzeihung gebeten und auch das Tu in die verfeinerte Anredeform umgewan- delt; doch war es ersichtlich, daß er das Müllermädelchen nicht so recht für gesellschaftlich voll nahm und wiederum empörte dies Grete sehr. Es ergrimmte sie um so mehr, als man dem Grafen Hochmut und Standesvorurteile keineswegs nachsagen konnte; er spielte sich durchaus nicht auf den Exklusiven auf, plauderte mit dem Burgmuller über Politik, stand sich mit den Bauern auf gutem Fuße und vetterte sich gemütlich mit Fürbringer an. Ja, der spar­tanische Kantor hatte ihn so in sein Herz geschlossen, daß er ihm zu Ehren ein neues Sck)lachtendrama in Szene setzte: den Krieg Gideons, Sohn des Joas von: Stamme Manasse wider die Midianiter. Voran ging die Ausrottung des Baalsdienstes im Lande Israel durch Gideon; das Bild des großen Götzen war ein Klotz, der sonst zum Holzzer­spalten diente und der auf einen, für die Wafchleinen im Hofe stehenden Pfahl gesetzt wurde; unter jurchtbarem Geschrei wurde der Götze von seinem Sockel gestürzt und dann ging es auch gleich gegen die Midianiter zu Felde, die am Nachtwächterhäuschen eine Schanze errichtet hatten. Der kleine Ifaaksohn, der beim Burgmüller zu tun hatte^ geriet versehentlich mitten in die Kämpfenden hinein.

Hier, Israel!" schrie Fürbringer,'Isaaksohn, hier sind Ihre Leute, hie Jerubbaal, hie Gideon!" Aber da hatten die Midianiter schon den Händler umringt und wollten ihn

gefangen nehmen. v fJ

Auf, Israel!" schrie Fürbringer,befreit Abnnelech> zerstreut den Feind! Hoch Gideon!" ... Es war ein ge­waltiger Kampf.

Meschugge," sagte Jsaaksohn.

Die Welt wurde wieder grün. Es begann ein siegreiches Sprossen und Keimen, der Lenz zog seinen holden Schleier über die Natur. Am Waldrande leuchteten die lichten Triebe der Tannen, und die Birken wiegten ihr junges Laub. An der Schleuse blühten die etfteit Veilchen auf, stärker rausch­ten die Wasser, und Grete empfand ein dringendes Bedürf­nis, zu dichten. Eine Zeile hatte sie schon zu Papier gebracht: Wie bist du so schön, o du junger Lenz," aber fte fand keinen Reim daraus. Da ließ sie es und wandte sich wieder mehr geistlichen Dingen zu, denn die Konfirmation stand vor der Tür. Grete ging um diese Zeit viel allein spazieren und wurde weitab gewandter, sie seufzte häufig, zerzupfte Sternblümchen und betete herzhafter als sonst in ihrer Kammer, und wenn sie Artern traf und dieser sie fragte- Warum so träumerisch, Donna Marguerita?" dann sahj fte ihn wehleidig an, und der Graf brummte:Verflixte

(Fortsetzung folgt.)