Ausgabe 
12.4.1916
 
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Die arme Prinzessin.

Noman von Fedor von Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.^

(Fortsetzung.)

Bolko sah sich den Mann naher an. Der Rentmeister tvvr klein und schmächtig und hatte ein winziges gelbes Ge­sicht: die verkniffenen Augen standen wie Striche unter der Stirn, und als dritter Strich markierte sich der schmal- üppige Mund. Das graue Haar lag glatt auf dem Kopfe und rollte sich vor den Ohren in zwei Neunen auf.

Der Fürst setzte sich.Ich kann mir denken, daß Sie sich hier nicht gerade wohl fühlen, Kappstein," sagte er.

Oh im Gegenteil, Fürstliche Gnaden," versetzte der Rentmeister lebhaft:ich habe mich in meinem Leben nicht so wohl gefühlt. Was will ich denn mehr! Ich bin doch nun einmal eine lebendige Rechenmaschine. Ich denke eigentlich nur in Zahlen. Ich stehe morgens mit einer Addition auf Und lege mich abends mit einer niedlichen Subtraktion zu Bette. Und wenn man auf mich schimpft, das freut mich nur. Das freut mich furchtbar. Wenn man sagen würde: der Kappstein ist ein höchst anständiger Mensch, dann täte ich meine Pflicht nicht. Man nennt mich Knappstein statt Kappstern, weil ich immer knappse. Man nennt mich auch manchmal einen infamen Filz. Wenn ich das höre, reibe ich mir vor Vergnügen die Hände. Ich bin ein gräßlicher Geizhals."

Bolko lachte.Im geheimen Hab' ich das auch inanchnial gedacht."

Das ist eine hohe Ehre für mich, Fürstliche Gnaden. Es kann mir nichts Besseres widerfahren. Nun ja dann und wann überschleicht mich ja auch das Gefühl, daß we­niger knappsen zweckmäßiger sein würde. Ich möchte diesen und jenen der Leute besser stellen, die Pferderatiouen er­höhen, neue Maschinen beschaffen, möchte freigebiger sein in der Bewilligung von Reparaturen und auch etwas Glanz in das Aeußere bringen. Aber wie? Solche Regungen unter­drücke ich rasch wieder: ich mache einen Klecks auf ein sowieso verschmiertes Papier, das beruhigt mich Ich sage mir: das geht nicht. Fürstliche Gnaden sitzen zu Berlin und brauchen Geld. Fürstliche Gnaden sind der Glanz auf dem Aeußeren, da haben wir ihn hier nicht nötig. Und ob ein Ackergaul kuh- hessig ist oder eine Ramsnase hat, was tut's? wenn er man zieht. Aber es wird ja nun bald zu Ende sein mit der segu68tratio volnntaria; ich denke mir, Euer Durchlaucht wer­den Auchebung ^beantragen nach Hochdera Hochzeit. Und dann bin ich ja überflüssig und Fürstliche Durchlaucht brauchen nicht mehr auf mich alten Geizkragen zu schimpfen."

Hm... lieber Rentmeister, eigentlich bin ich hergekom­men, um gehörig zu schimpfen. Aber ich habe es mir anders überlegt. Ob ich nach meiner Hochzeit ganz nach Gotternegg übersiedeln werde, um mich selber um die Verwaltung zu

kümmern, das weiß ich noch nicht, das hängt von mancherlei ab. Doch so oder so: einen Rentmeister muß ich ja doch wieder haben wollen Sie nicht in meinen Diensten ver­bleiben?"

Das schien dem kleinen Kappstein außerordentlich über­raschend zu kommen. Er neigte sich zu einem rechten Winkel. O Durchlaucht," sagte er,o Fürstliche Gnaden... Ich bin ja freilich nur ein zweibeiniges Exempel, bin nichts als eine Rechenmaschine, aber zeitloeilig überkommen mich doch ge­wisse Ambitionen. Rechnen ist gut, nur darf es nicht immer bloß das kleine Einmaleins sein. Wenn es mit Gottes Hilfe anders wird, und ich kann mich wohlgemut in große Zahlen stürzen, so Hals über Kopf hinein wie ein Frosch in den Teich... da sollen Durchlaucht einmal sehen, wie der infame Filz zu disponieren versteht, Hand auf und Hand wieder zu, anziehen und nachgeben wie bei der Dressur einer jungen Remonte, und auch an den notwendigen Glanzlich- tern würde es dann nicht fehlen. Gnädigste Durchlaucht, ich bitte nicht für mich: aber das eine möchte ich mir doch submissest zu sagen erlauben: einen treueren Verwaltnngs- beamten würden Fürstliche Gnaden schwerlich finden, auch

keinen pflichteifrigeren_ Wann soll denn die Uebergabe

stattsinden, wenn ich fragen darf?"

Sobald ich die Mittel in der Hand habe, Kappstein. Ich will ersuchen, Gotternegg wieder in die Höhe zu bringen. Ich will ein großes Kapital opfern."

Gradatim, Durchlaucht," rief der Rentmeister und hob den Zeigefinger seiner Rechten, von dem niemals ein ur- ewiger Tintcnschatten wich.Ach, Durchlaucht, ich habe ja so viel aus dem Herzen. Dies verdammte Geld. . . Pardon. Da sind zwei Leutehäuser, sie hängen nur noch in den Span­ten, da sind die Maschinen in der Brennerei, da will der Brauer neue Kessel haben, da räsoniert der Kantor"

Und wie," sagte Bolko.

Und wie," wiederholte der Rentmeister.Er kommt zu­letzt an die Reihe; er hat seinen Taubenschlag erstürmen lassen, es sollte der Malakofs sein, urrd an seinem Ziegenstall hat er den Jungen gezeigt, wie man in den Kreuzzügen die Mauerbrecher verwendete. Seine kriegerische Lust ruiniert Scheune und Haus, er kommt zuletzt an die Reihe, es muß Strafe sein. Aber sonst sonst Hab' ich noch viel. Ein großes Kapital, haben Euer Durchlaucht gesagt. Wieviel, Fürstliche jGnaden? Mit einer halben Million, sagt der Ober­inspektor, ist aus Gotternegg eine Musterwirtschaft 311 machen."

Es kann auch mehr sein, Kappstein."

Der Rentmeister erschrak.Gradatim, Durchlaucht. Durchlaucht, ich nehme ihr gnädiges Anerbieten an. Gerade hier, gerade hier wird es mir doppelte Freude sein, einmal zu zeigen, was ich leisten kann. Der Kappstein wird dannl nicht immer der Knappstein sein, er wird zum Berappstein avancieren Fürstliche Gnaden verzeihen huldreichst das kalauernde Wortspiel, es taugt nicht viel, aber es ist sinn­fällig. Geizig sein kann schließlich jeder, am leichtesten ist es,