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„Gewiß verstehe ich Sie," antwortete er; „ginge'es allein nach mir, dann wäre mein Entschluß gefaßt. Aber tu) denke, auch meine Braut wird einverstanden sem. Wo Uno die Kinder? Wir wollen uns auf den Heimweg machen: ich lade Sie am Muß des Berges ab und will dann noch nach dem Rentamt fahren...." , , , , - Q
Man hörte das Joho Annemaries hoch :n der ^usr. Velten stieß einen leisen Schreckensruf aus: er sah die Prinzessin oben auf der Mauer des Turms und neben chr Jost. Jost winkte mit seinem Taschentuch. '„Bin ich ein Schwächling, Velten?" rief er lachend herab; „ich suhle keinen Schwiiidel, ich bin wie eine Gemse geklettert. Bolko, komm herauf zu uns — hier ist die Aussicht herrlich...."
Der Fürst wetterte. Er schimpfte: immer sei Annemarie die Anführerin bei allen Dummheiten. „Schert euch herunter!" schrie er. Aber das war nicht so leicht. Bruchig gewordene Steine lösten sich uiid polterten in die Tiefe; die schmale, halb verfaulte Holzleiter, die im Innern des Burgsrieds an der Wand lehnte, zitterte unter jedem Tritt der Kinder. . , r
Velten tvar froh, als er Jost wieder, neben sich sah. „Sie haben mich erschreckt, Prinz," sagte er leise; „Sie müssen nicht so unverständig sein—"
Jost nickte eifrig. „Doch, Velten." entgegnete er, ,,ie mehr Sie mich verweichlichen, um so unverständiger bin ich; ich gebe Ihnen mein Wort darauf...."
Velten lächelte. „Gut, daß ich das weiß; ich werde mich mit meinem neuen Regime darauf einrichten," erwiderte er. „Was für ein neues Regime?"
„Naturphilosophie und Schneebäder, Kneippsche Wassergänge, Pantheismus und spartanische Spiele, Ringkämpfe, Kathedervorträge im Sturm, Kniegüsse und nackte Prome
naden im Sonnenschein. .
Jost schaute Belten verwundert an; aber der sah ganz ernst aus. „Alle Medizinen gießen wir künftighin aus dem Fenster," sagte er kopfnickend.
Annemarie schrie auf. Sie war bei einem kecken Sprunge an einem Dornbusch hängen geblieben und hatte sich ihr Kleid zerrissen. Da kniete Otto vor ihr nieder und steckte den Riß zusammen; die Stecknadeln trug er in einem Besteck bei sich. „Eine chirurgische Operation, Durchlaucht," meinte er, „halten Sie ganz still—" Und sie hielt still, sie rührte sich nicht.
„Me Mann zum Wagen!" rief Bolko und klatschte in die Hände.
Annemarie sahchich ihr Kleid an; so ging es, die Operation war geglückt. Sie sprang an die Seite Gretes, umfaßte sie und flüsterte ihr ins Ohr: „Hat vor dir schon einmal ein Mann gekniet? Es sieht zu komisch aus!..."
7. Kapitel.
Wie einem ernsten Tage ein fröhlicher Abend folgt.
„Wie heißt du?" fragte Bolko beit Kutscher mit dem Schafsgesicht unter der zu weiten betreßten Mütze, als er die übrigen am Fuße des Gotzenbergs abgesetzt hatte. Der Bengel bekam einen Schreck, klappte erst ein paarmal den großen Mund auf, ohne zu sprechen, und erwiderte hierauf ängstlich: „Grumpelt, gnä' Harr!..."
„Hör zu, Grumpelt: Du wirst mich nach der Himmelsleiter fahren. Dauert es länger als eine halbe Stunde, dann soll dich das Donnerwetter... bist du früher da, schenk' ich dir einen Taler. Nun los! Aber du fährst hinter dem Park herum und hältst erst einmal bei den Ställen."
Er winkte den andern einen Abschiedsgruß zu und warf sich mißmutig in die hart gewordenen Polster zurück. Grumpelt aber peitschte gewaltig auf seine mageren Mähren los, so daß sie mit rollenden Schweifen todesmutig davonstürm- Len und die mageren Flanken zitterten.
Die Bewirtschaftung der Herrschaft war immer von einen: der Vorwerke aus geführt worden; der Erbauer des d Schlosses hatte von dem Spektakeln der Knechte und dem Blöken des Viehs nichts wissen wollen. Nur der Marstall lag in der Nähe: ein weitläufiger Gebäudekomplex, der den Park nach der Ostseite zu abschloß. Hier hielt die Viktoria, und Bolko lehnte sich aus dem Fenster. Es herrschte das Schweigen des Todes zwischen den Baulichkeiten. Alle Tore waren verschlossen, über den blinden Fensterscheiben hingen Spinneweben, auf der Winterreitbahn lag ein Storchennest. „Fahr weiter!" rief Bolko dem Kutscher zu. Es ging zwischen den Feldern hindurch, durch ein kleines Birkengehölz, das ehemals der Fasanerie gedient hatte, am Brachsee vorüber
und wiederum durch die Felder. Da regte sich geschäftiges Leben. Noch tvar die Körnerfrucht nicht vollends emgebracht worden; hie und da schnitt man noch, in langen Reihen standen die Mäher, und die Sensen glitzertet: und hoben und senkten sich rhythmisch: es ging flott wie mit der Maschine. An andern Stelle:: riß schon wieder der Pflugs die Stoppeln auf; Mägde verstreuten die Dunghanfcn, ein seltsam konstruierter Wagen fuhr langsam über das Feld und pulverisierte die Erde mit Thomasschlackc und Kainit.
Grumpelt wollte sich seinen Taler verdienen; er fuhr forsch weiter. Bolko schaute bald rechts, bald links aus dem Wage::. Die Kartoffeln standen hoch; ein fetter Hase tauchte in ihnen auf und sprang schen über den Weg. Dann kam ein Rapsfeld und eine ausgedehnte Kleebrache; endlich begannen die Koppeln, aber sie waren unbesetzt. _
Die sogenannte .Himmelsleiter war das größte Vorwerk der Herrschast. Kein Mensch wußte, woher der seltsame Name kam; man sagte, vor langen Zeiten habe sich hier einmal einen: alten Schäfer der Traum Jakobs erneuert. Aber das sagte man nur. Ein fron:mcr Gotternegg hatte den Namen verboten und in Brach-Vorwerk umgewandelt; doch als er starb, blieb es wieder bei der Himmelsleiter. Das Vorwerk war ein kleines Dorf, aber es bestand nur ans den Katen der Taglöhner. In der Mitte lag das Gehöft: das Verwal- tungShaus, zugleich das Rentamt, ein großes, schönes, fast herrschaftliches Gebäude, ringsum, in drei Höfe geteilt, lagen die Stallungen, Remisen und Scheunen.
.Bolko sprang aus de?n Wagen. Der kleine Rentmeister kan: ihm schon entgegen, diei:erte tief und beehrte sich, Seiner Durchlaucht seine alleruntertänigste Gratulation zu Höchstdero Verlobung auszusprechen. Die Landschaft hatte ihn eingesetzt, als es mit der Zinszahlung für die ritter- schaftliche Grundschuld zn hapern begann; er sollte die Fmanzverhältnisse wieder in Ordnung bringen. Das tat er auch, er war ein brauchbarer Mann, aber er schuf sich nur Feinde. Von Bolko an uitb dem Oberinspektor bis hinab zu dem Gänsehirten schimpfte alles auf ihn: einen so unerhörten Knauser hatte die Welt noch nicht gesehen.
Bolko trat in die Amtsstube. Er reckte sich. „Meine Glieder sind wie zerschlagen," sagte er; „lieber Herr Kappstein, hatten Sie denn keinen andern Wagen für mich, alA dies Monstrum?"
Der Rentmeister entschuldigte sich. Ja, es wären noch bessere Wagen da, aber sie ständen in: Marstall; und man hätte keine Zeit mehr gehabt, dorthin zu schicken.
„Gut," sagte Bolko; „aber die Pferde! Es sind keine Pferde, es sind zwei uralte Katzen. Ihre Knochen starren, sie sind kuhhessig und spatlahm, alle Gebresten der Tierarzneischute lassen sich an ihrem Leibe studieren; sind das fürstliche Karossiers?"
Kappstein wagte zu lächeln. „Das schlägt in das Gebiet der Inspektoren, Fürstliche Gnaden," antwortete er, „aber die Inspektoren werden erwidern: das ist Kappsteins Werk. Alles Niederträchtige bin ich, Durchlaucht. Ich bin so niederträchtig, daß ich das letzte Halbblut verkaufen ließ. Ich ließ die Zucht eingehen, denn es fehlte an Betriebskapital. In meiner Niederträchtigkeit habe ich so viel ersparen können, daß nicht nur die Zinszahlungen pünktlich erfolgen, sondern daß sich auch Ueberschüsse ermöglichen ließen. In ineiuer Niederträchtigkeit ließ ich von diesen Ueberschüsse::, was ich verantworten konnte, an Euer Durchlaucht gehen. Da haben die Inspektoren wieder geschimpft. Ich weiß, auch Fürstliche Gnaden haben geschimpft. Es gibt innerhalb der Grenzen von Gotternegg kein lebendes Wesen, das nicht auf mich schiinpfte. .
(Fortsetzung folgt.)
Zur Organisation der Zahngesundheilspflege besonders in den Schulen des ttreises Gießen.
„Ter Unterzeichnete hat in seiner Eigenschaft als Mitglied deS Kreistages die Aufgabe überrwmmen, sich im Einverständnis mit dem Schularzt des Kreises Gießen darüber gutachtlich zu äußern, in welcher Weise in: Nahmen der Kreisorganisation sozial-hygienische .Aufgaben gefördert, u. a. besonders die Zahnpflege der Schulkinder in rationeller Weise aiMebildet werden können. Der letztere Punkt bezieht sich auf einen in: Kreistag schm: im Jahre 1913 gestellten und 1914 wiederholten Antrag. Die allgemeinere Fassung der Aufgabe beruht auf der von dein Unterzeichneten im Anschluß an die Berichte des Schularztes bei der gleichen Gelegenheit gegebenen Anregung. Im folgenden greife ich zunächst den auf die Zahnpflege bezüglichen Teil meines Gutachtens herauf


