Die arme Prinzessin.
Roman von'Fedor von Zabeltitz.
(Nachdruck verboten.'»
(Fortsetzung.)
Er schonte aufmerksam in das sinnende Gesicht Bolkos. Der antwortete nicht; er stand hinter einer noch wohlerlwl- tenen spitzwinkligen Mauerwehr und nickte nur stumm. Velten trat näher an ihm heran und legte seine Hand auf den Arm des Mrsten. „Ich will noch ein paar Worte sagen: es trifft sich gut, daß wir gerade zu zweit sind. Ging es'bergab mit den Gotterneggs, so war die Schuld die Aufgabe ihrer persönlichen Freiheit. Als sie hierher kamen und dies feste Schloß bauten, waren sie Herren. Sie gehörten, zu jenen stolzen Feudalen, in denen das Naturgesetz der gottähnlich geschaffenen Persönlichkeit noch mit so elementarer Kraft lebte, daß sie zum .Herrschen geboren schienen. Die siegende Kraft dieser reinen Persönlichkeit hatte ihren Voreltern die in Sachinteressen erstickende römische Welt unterworfen, sie siegte auch über die Slawen. Sie teilte sich ihnen mit, und verschmolz sich der alte deutsche Adel so ganz mit dem slawischen, daß wir heute in vielen Fällen kaum noch Nachweisen können, ob germanischer, ob wendischer Extraktion, so lag dies sicher an der sittlichen Kraft ihres persönlichen Ehrbegriffs, den sie aus ihren Wäldern auf ihre ersten Burgen nt retten verstanden, und der eine stärkere Macht war als das Kreuz und eine wirkungsvollere als das Geld. Er wurde das Ferment, das den Adel zu einem Stand ab- schtoß, der dem Vaterland vielhundertmal mehr gedient hat als der Mammon der Bourgeoisie. Lächeln Sie, Durchlaucht, ick weiß, was Sie denken. Sie denken: das sagt der, der seinen Adel hinwarf wie einen abgetragenen Rock, und der sagt das, der aus seiner freiheitlicheil Weltanschauung niemals ein Hehl gentacht hat. Aber, Durchlaucht, im alten Adel steckte weit eher ein demokratischer Zug als ein im modernen Sinne aristokratischer, und eilte der besten Wahrheiten meines geliebten Fontane ist die Behauptung, daß der echte Junker immer liberal nt seinem Empfinden ist — nein, nicht ist, sondern war, denn der echte Junker ist aus gestorben. Seine eigenen Fürsten haben ihm das Grab gegraben. Sie entzogen ihn der Scholle, in der seine Stärke Wurzel schlug, sie trieben ihn in den Materialismus hinein; an die Stelle des Feudalen setzten sie den Konservatismus, den Herren machten sie zum detreßten Lakaien, den Junker zum aouveruementalen Regierungsrat. Früher hieltUnser Mel den Kops hoch, jetzt krümmt er den Buckel, früher lvar er der Freie, jetzt ist er ein Knecht. So zogen sie auch bia Gotterneggs hinab; die waren allezeit treue Vasallen ihrer Könige, aber sie blieben doch in ihrer Freiheit. Roch bis iu das sechzehnte Jahrhundert hinein war ihre Burg ihr Leben; hier faßen sie und saßen fest. Dann kan: die Höslingszeit; man teilte sich; nran .wq zürn Kaiser nach Wien, matt zog.
Mtn, Kurfürsten nach Cölln an der Spree. Was der Ernte- schnitt brachte und Wald und Wiese und Mühle, das blieb draußen hängen, und draußen die Pracht sollte auch ihren Abglanz finden daheim. Die Burg wurde zum Schloß, man hielt selber Hof: Verwalter lvurden eingesetzt, die Einkünfte sollten vermehrt werden, die Leibjuden kamen. Da ging der Adel dahin und es blieb nur noch der glanzende; Aristokrat. Und was als Rest verblieb, Durchlaucht wissen es: die Notwendigkeit einer reichen Heirat."
Bolko fuhr heftig auf. „Herr Veltett," rief er, „ich bitte..." Sein Auge blitzte, er biß sich auf die Lippen, und plötzlich lächelte er wieder. Er hatte mit der Rechten in den Schlehenstrauch gegriffen, der an der Mauer wuchs, und sich die Hand geritzt. Er saugte das Mut mit den Lippen ans und wehrte Velten ab, der ihm ein Taschentuch um die kleine Wunde binden, wollte. „Lassen Sie — ich danke...
Sie haben recht: das verblieb_Aber Ihr Gedankengaugl
trifft dennoch tticht das Rechte.... Warum versuchen Sie nicht den Fürstentitel für Ihren Lieblin.g zu retten? Warum stimmten Sie ohne weiteres meinem Vorschläge zu?"
„Ach, Durchlaucht, was fragen Sie noch? Es geschah zu Ihrem Besten und auch zu Josts. Forschen Sie nicht erst und seien Sie froh, daß keine weiteren Agnaten da siitd, die Ihnen die Heirat erschweren. Ich bin feilt Tor, ich klag« nicht darüber, daß die Gotterneggs ihre Rassereinheit verlieren. Als nach dem Wiener Kongreß sich di-e armen Adligen zu einer „Adelskette" zusammenschtossen, um die Verbindmrgl mit „wohlhabenden Töchtern des höheren Bürgerstandes" als ein Gesetz der Klugheit zu verteidigen, folgten sie nur der Vernunft. Warum nicht? Es sprachen die gleichen Bernunft- gründe mit, die mich veranlagten, meinen Adel abzulegen; ich freilich. . er stockte, stieß mit der Stiefelspitze eilt Steinchen fort und fügte dann schnell hinzu: „das ist persönliches Empfinden, ist Sentiment — ich würde die Titel- losigkeit der Infusion aus einer Goldader vorzieheu. Nein, Durchlaucht, fahren Sie iticht wieder auf! Es sollte keine Bissigkeit sein. Mau sagt, das .Herz habe bei Ihnen gesprochen, oder vielleicht unterstützte es die Vernunft. Es steht mir nicht an, darüber ztt rechten. Ich bleibe beim Faktum. Und da wiederhole ich meinen Rat: schlagen Sie Ihr Standquartier in Gotternegg auf, werden Sie wieder der Landedelmann, der der Vorfahr war— Ich träume zuweilen, ich male mir Zukunftsbilder. Der Landbesitz ist die ökonomische Basis unsres Adels. Aber Macht und Unabhängig- feit ist heute nicht mehr allein im Besitz gegeben; sie liegt auch in der Geistesbildung. Ich hoffe, Jost tvirü ein tüchtiger Gelehrter werden. Dann kann eine neue Blüte über die Gotterneggs kommen.... Sie werden mich verstehen, Durchlaucht. .. /'
Bolko nickte wieder. Er war unmutig geworden. Er fand, daß Velten die Vertraulichkeit zu weit trieb. Aber immerhin: er wollte nicht zürnen; Velten hatte die Cntsclreidung herbeigeführt, er war ihm zu Dank verpflichtet.


